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Reaktionen der Presse auf den Tod Jacques Derridas am Samstag 09.10.2004:


Spiegel Online, vom 10.10.2004

ZUM TOD VON JACQUES DERRIDA
Adieu, D.

Von Niklas Maak

Seine Vorlesungen waren die geheime Sensation im intellektuellen Paris. Er war witzig und gefürchtet zugleich, erbarmungslos mit jenen, die seine Begriffe in falscher Sympathie missbrauchten. Jacques Derrida war ein Philosoph der Öffnung, ein Kämpfer gegen die Totalisierung des Denkens.

Es kamen auch immer ein paar Verrückte damals, die seltsame Dame mit dem ausladenden Hut zum Beispiel, die manchmal, wenn es ihr passend erschien, seinen Vortrag unterbrach und "Eh bien oui, c'est la différance, l'autre, je parle l'autre" rief. Und dann stand Jacques Derrida dort vorne am Pult des Lesesaals der "Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales" am Pariser Boulevard Raspail und sagte geduldig und entschieden: "Nein. Das tun sie nicht". Er war streng mit denen, die seine Begriffe wie mit dem Salzstreuer über alles rieseln ließen, was ihnen unklar war.

Bis 1998 waren die wöchentlichen Vorlesungen die geheime Sensation im intellektuellen Leben von Paris. Es gab wenige Lehrende, die das Vortragspult so sehr zum Ort für die langsame Verfertigung der Gedanken beim Sprechen machten wie er. Und er war witzig. Er hatte einen gefürchteten Humor, besonders dort, wo er sich und seine Begriffe missverstanden sah.

Einmal, im Winter 1995, erzählte er die Geschichte von Peter Eisenman, dem Architekten, seinem Freund, der einmal ein Haus baute mit einem schiefen Fußboden, und die Bewohner sagten, sie könnten darin nicht wohnen, und Eisenman habe ihnen gesagt, dies sei nun mal ein dekonstruktivistisches Haus; und Derrida sagte, an der Stelle der Bewohner würde er das Haus schleunigst dekonstruieren; ein schiefer Boden sei noch keine Philosophie.

Und danach, wenn die abendliche Vorlesung oder das Seminaire Restraint vorbei waren und Derridas schlohweißes Haar wie ein Nachleuchten am Ende des Boulevard Raspail verschwunden war, ging man ins "News Café" am Jardin du Luxembourg oder in den "Vieux Colombier" auf der Rue de Rennes und diskutierte mit den paar Architekten, die auch in der Vorlesung saßen, darüber, dass Dekonstruktion nicht nur Destruktion und nicht Konstruktion, sondern, in einer paradoxen Bewegung, beides meine: Dass sie Systeme und Hierarchien zerstört, um sie in einer neuen, offenen Ordnung wieder aufzubauen, um mit dem freiwerdenden Material zu spielen, das die Gegensätze wie Kultur und Natur, und sogar Mann und Frau, als kulturelle Setzungen entlarve; und was das alles, möglicherweise, für die Architektur bedeuten könne.

Die Psychologiestudentin aus Warschau, die vor dem Seminar immer die "Gala" las, erzählte mit großer Vorliebe Details aus dem Leben von Derrida, das sie weitaus mehr beschäftigte als "Husserls Weg in die Geschichte am Leitfaden der Geometrie": dass Derrida, der 1930 in Algerien geboren wurde, 1942 die Schule verlassen musste, nachdem die Einschulquote für jüdische Kinder in Algerien von 14 auf 7 Prozent gesenkt worden war; dass er zwei Söhne, Pierre und Jean, habe (diese Tatsache schien sie am meisten zu beschäftigen). Am Nebentisch saßen zwei Japaner und redeten auf einen Studenten aus Wyoming ein, der den Unterschied zwischen der "Différence" und der "Différance", die gleich klangen, aber anders aussahen, nicht begreifen wollte.

Derrida lehrte nicht die literarische, spielerische, suchende Form, die seine Essays prägte - sondern die strenge. Er zeigte in seinem Seminar eher Wege der Öffnung, neue Perspektiven, Werkzeuge, um die Totalisierung des Denkens, das Entweder-Oder außer Kraft zu setzen - eine unwegsame Methodik, deren politische, antitotalitäre Implikationen gerade in seinen letzten Werken immer deutlicher hervortraten und ihn als politischen Vordenker etablierten. Jacques Derrida starb in der Nacht zum Samstag im Alter von 74 Jahren an einem Krebsleiden.

 


NZZ Online, vom 09.10.2004

  Französischer Philosoph Derrida gestorben

  (ap) Der weltberühmte französische Philosoph Jacques Derrida ist in der Nacht zum Samstag gestorben. Derrida erlag im Alter von 74 Jahren in einer Pariser Klinik einem Krebsleiden der Bauchspeicheldrüse.

  Der Autor von «Die Schrift und die Differenz» (1967) begründete den Dekonstruktivismus. Mit dieser philosophischen Methode versuchte Derrida seine Grundannahme zu lösen, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Er zerlegte («dekonstruierte») die Texte in einer Weise, die nicht mehr die eine, «wahre» Interpretation zuliess, sondern mehrere Wahrheiten akzeptierte. Der weisshaarige Querdenker lehrte an berühmten Universitäten in Frankreich und den USA und war über Jahrzehnte einer der einflussreichsten Philosophen.

  Zahlreiche seiner Werke wurden auf der ganzen Welt übersetzt. Im Jahr 2001 zeichnete ihn die Stadt Frankfurt am Main mit dem Theodor-W.-Adorno-Preis aus.

 


Reuters Deutschland, vom 10.10.2004

Hörfunk: Französischer Philosoph Derrida gestorben

Paris, 10. Okt. (Reuters) - Der französische Philosoph Jacques Derrida ist einem Hörfunkbericht zufolge im Alter von 74 Jahren gestorben.

  Wie der Sender France Info am Samstag berichtete, erlag der Begründer des Dekonstruktivismus am Freitag einem Krebsleiden. Der Franzose galt als einer der einflussreichsten und gleichzeitig umstrittensten Philosophen seines Landes. Ende der 60er Jahre hatte Derrida eine poststrukturalistische Form der Literatur- und Textkritik entwickelt, die unter dem Begriff Dekonstruktivismus vor allem in der Literaturwissenschaft, aber auch in der Philosophie, Linguistik und Architektur angewendet wurde. Seine Werke finden seit den 80er Jahren vor allem an Universitäten in den USA, aber auch an deutschen Hochschulen zunehmend Anhänger. Kritiker werfen Derrida vor, dass er seinem Publikum nur halbverständliche Traktate vorlege.

  "Mit ihm hat Frankreich der Welt einen der größten zeitgenössischen Philosophen, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des intellektuellen Lebens unserer Zeit geschenkt", würdigte der französische Präsident Jacques Chirac Derrida.

  Derrida wurde 1930 als Sohn jüdischer Eltern in Algerien geboren. 1952 nahm er ein Philosophie-Studium an der Elite-Hochschule Ecole Normale Superieure auf und lehrte von 1960 bis 1964 an der Sorbonne in Paris. Seit Beginn der frühen 70er Jahre hatte Derrida Lehraufträge in den USA, unter an den Universitäten Johns Hopkins und Yale.

  Zu einem Skandal kam es, als einige Professoren der Cambridge Universität 1992 dagegen protestierten, Derrida die Ehrendoktorwürde zu verleihen. Schließlich wurde er aber doch ausgezeichnet.

Derrida war einst mit Sylvaine Agacinski verheiratet, der jetzigen Frau des früheren französischen Ministerpräsidenten Lionel Jospin. Derrida und Agacinski hatten einen Sohn.  


Die Zeit, vom 14.10.2004

Zum Tod von Jacques Derrida

Philosophie des Zerbrechlichen


Schriftsteller und Philosophen erinnern an den großen Denker und sein Werk. Würdigungen von Étienne Balibar, Seyla Benhabib, Robert B. Brandom, Catherine David, Michel Deguy, Richard Rorty, Martin Seel und Barbara Vinken

Catherine David: Ich bin sehr traurig, dass er uns so früh verlassen hat. Doch bereits sein letztes Zeitungsgespräch im August las sich wie eine lange Abschiedsrede. Jacques Derridas strahlende Intelligenz, seine Verführungskunst und Güte empfand ich immer als ungeheuer erregend. Hinter seinem kompromisslosen Denken, das er selber mit seinem geschärften Sinn für Raffinement, Paradoxien und Aporien erklärte, steckte ebenso viel Unruhe wie Großzügigkeit, die mich hoffen lassen, dass sie uns dauerhaft begleiten.

Die Kunsthistorikerin Catherine David leitete 1997 die documenta X und ist heute Direktorin des Museums Witte de With in Rotterdam

Michel Deguy: Zwei seltsame Gefühle bewegen mich in den Tagen nach seinem Tod: Der Tod eines wahren Denkers lässt uns um das Denken fürchten; Angst ergreift uns, als bedeute sein Verlust auch den des Gedankens. Dennoch, zu sagen, »er ist nicht mehr da«, bedeutet auch: Er ist ein gigantischer Denker. Die einfache Bestätigung seines Genies, um ein Wort aus dem 18. Jahrhundert zu gebrauchen, das er selbst immer wieder benutzte, bringt alles Lästern zum Verstummen. Es bleibt unsere Anerkennung, unsere Verschuldung, um ein anderes seiner großen Motive zu erwähnen. Oder noch einfacher, es bleibt sein unglaublich vielgestaltiger, immenser, weltweiter Einfluss. Um diesen Gruß, dieses »Andenken« zu beschließen, sage ich nicht, welchen Menschen wir, seine Freunde, verlieren: Tausend Erzählungen, tausend Lobreden werden an seiner Legende stricken. Die Freundschaft, der Äther der Philosophie, über deren Herkunft er von Aristoteles an meditierte, war für ihn kein Wahlspruch, keine leere Devise, keine Konstruktion. Seine Freunde stehen vor einem Abgrund.

Der Literaturprofessor, Philosoph und Schriftsteller Michel Deguy ist ein ehemaliger Klassenkamerad von Jacques Derrida. Aus dem Französischen von Katja Nicodemus

Richard Rorty: Jacques Derrida war der einfallsreichste Philosoph seiner Zeit. Ich denke, die Philosophiegeschichte wird von ihm sagen, er stehe so zu Heidegger, wie Heidegger zu Nietzsche stand. Heute lesen wir die Schriften von Hume, Kant und Hegel, als bildeten sie eine dialektische Abfolge. Genauso wird es mit Nietzsche, Heidegger und Derrida geschehen. Doch wie man Kant kaum als einen Schüler von Hume bezeichnen kann und auch Hegel nicht als Schüler Kants, so falsch wäre es zu meinen, Derrida arbeite im Schatten seiner beiden großen Vorgänger. Seine Arbeit ist ohne ihr Werk ebenso undenkbar wie ohne Freuds Werk. Aber er las ihre Texte auf eine Art und Weise, wie sie das niemals vorhersehen konnten. Als Person war Derrida tolerant, bescheiden und großzügig. Doch sobald er sich an seinen Schreibtisch setzte, schrieb er nur, um sich selbst zu gefallen und niemandem sonst. An die Erwartungen anderer machte er keinerlei Zugeständnisse. Sein Selbstvertrauen und sein intellektueller Mut befähigten ihn zu wahrhaft originellem Schaffen.

Jene, die glauben, die Philosophie sollte eine quasi naturwissenschaftliche, problemlösende Disziplin sein, die Definitionen ausbuchstabiert, konnten mit Derrida nichts anfangen – so wenig wie er mit ihnen. Doch die Philosophie wird immer in sterile Scholastik ausarten, wenn nicht von Zeit zu Zeit jemand wie Hegel, Wittgenstein oder Derrida auftaucht und mit alten Sachen gründlich aufräumt. Solche Denker haben den Einfluss, den sie ausüben, nicht deshalb, weil sie neue Methoden entwickeln, um alte philosophische Probleme zu lösen. Sie haben Einfluss, weil sie es uns ermöglichen, unsere alten Probleme spöttisch zu betrachten und vielleicht laut über sie zu lachen. Derrida wird nicht in Erinnerung bleiben, weil er eine Methode erfunden hat, die Dekonstruktion heißt. An Wittgenstein erinnern wir uns schließlich auch nicht deshalb, weil er er die normalsprachliche Analyse erfunden hat. Keiner der beiden Philosophen wird mit irgendeiner besonderen Lehre in Verbindung gebracht werden – irgendeiner These, deren Wahrheit sie beweisen konnten. Vielmehr werden Wittgenstein und Derrida im Gedächtnis bleiben, weil sie die Vorstellungskraft ihrer Leser befreit haben. Frankreichs Präsident Chirac traf genau den richtigen Ton, als er sagte, Derrida habe »versucht, die freie Bewegung zu finden, die allem Denken zugrunde liegt«.

Richard Rorty ist Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Stanford/Kalifornien. Aus dem Englischen von Karin Wördemann

Seyla Benhabib: An einem Tag im Jahr 1976 sah ich Jacques Derrida zum ersten Mal. Ich war graduierte Studentin der Philosophie an der Yale University und stand in Naples PizzaRestaurant in einer Schlange hinter Derrida und Paul de Man. Ich erinnere mich an Derridas umwerfenden Anzug aus grau-violettem Samt und an seinen silbergrauen Haarschopf. In diesem Ort schien er fehl am Platz, doch er wirkte ganz ungezwungen, sprach mit Studenten, die die Nähe der beiden Meister suchten. In den siebziger und achtziger Jahren hegte ich Zweifel an den Arbeiten von Derrida. Die radikale Kritik an der westlichen Metaphysik, die deren »phallogozentrische« Voraussetzungen dekonstruierte, schien mir übertrieben und widersprüchlich. Mit seinen ständigen Beschwörungen der Kraft des »Performativen« vermied Derrida schwierige Fragen zur ethischen Bedeutung der Dekonstruktion.

Nach dem Skandal um Paul de Mans krypto-faschistische Vergangenheit wurde seine Philosophie immer stärker mit Fragen der Ethik konfrontiert. In den späten achtziger Jahren schrieb Derrida dann eine Reihe bemerkenswerter Texte. In Gesetzeskraft, Über die Freundschaft und einem kurzen, aber wunderbaren Essay The Declarations of Independence, den er anlässlich der Zweihundertjahrfeier der amerikanischen Revolution verfasste, schrieb er als ein Ultraliberaler. Er wollte zeigen, wie fragil die fundamentalen Unterscheidungen sind, auf denen jeder Liberalismus beruht – die Unterscheidung von Gesetz und Sitte, Recht und Gerechtigkeit, Naturgesetz und gesetztem Recht. Noch bevor er sich in einem Text mit dem unmöglichen Titel Die Einsprachigkeit des Anderen oder die ursprüngliche Prothese in den neunziger Jahren dem Kosmopolitismus und der prekären Lage der illegalen Einwanderer zuwandte, beschrieb Derrida den ethischen Impuls seiner Philosophie. Aufgewachsen als algerischer Jude, war er in den für ihn wichtigsten Sprachen, dem Hebräischen und dem Arabischen, gleichermaßen »sprachlos«. Unfähig, in diesen Sprachen bei den anderen Gehör zu finden, entwickelte er sich zu einem Meister des Französischen. Das Gefühl für die Fragilität der Sprache und für die Schwierigkeit, »beim anderen Gehör zu finden«, verließ ihn jedoch nie.

Heute, da Intoleranz und gewaltsame Konfrontation mit dem »Anderssein« um sich greifen, erinnert uns sein Werk daran, dass all dieses Sein in sich grundlegend gebrochen ist. Das ist nicht bloß eine epistemologische oder metaphysische Aussage, sondern auch eine ethisch-politische. Eindringlich legt sie uns nahe, die Heterogenität und Pluralität der Welt durch Akte spielerischer, ironischer und zuweilen frustrierend uneindeutiger Dekonstruktion anzunehmen.

Seyla Benhabib ist Professorin für Philosophie und Politische Wissenschaft an der Yale-Universität/USA. Aus dem Englischen von Karin Wördemann

Étienne Balibar: Dieser große Lehrer hat uns viele Lektionen erteilt. Derrida hat die eigene und die kollektive Verantwortung bis zum Äußersten getrieben und uns dazu gezwungen, das Problem des Rechts und der Gerechtigkeit immer wieder neu zu denken. Obwohl wir uns in unseren Analysen nicht immer einig waren, vertraten wir die gemeinsame Überzeugung, dass Intellektuelle und Künstler der Herrschaft von Staat und Markt widerstehen und auch mit ehemaligen Gegnern in den Dialog treten sollten – wie es Derrida tat, als er sich mit seinem alten Widersacher Habermas verbunden hatte. Das Nachdenken über die Zukunft der Universität, der Philosophie und die Verantwortung der Intellektuellen wird uns ohne Derrida sehr viel schwerer fallen. Doch wir werden nicht aufhören, aus seinem Vorbild unsere Kraft zu ziehen. Lebe wohl, lieber Jacques, oder besser gesagt: bis morgen.

Étienne Balibar lehrte Philosophie an der Universität Paris-Nanterre und an der Universität Kalifornien. Aus dem Französischen von Michael Mönninger

Barbara Vinken: Jacques Derrida ist tot. Das kann man nicht begreifen, weil er so lebendig war, lebendig, schon immer, im Angesicht des Todes. Sein Leben sprühte verschwenderischer vor der ihm immer gegenwärtigen Dunkelheit des Todes, vor dem ihm immer vor Augen stehenden Ende. Derrida war nicht nur die Inkarnation eines idealen Philosophen. Er liebte nicht nur die Weisheit, sondern die Sprache, in die gekleidet sie allein sichtbar werden kann. So war er überdies ein idealer Philologe, ein die Buchstaben und die Wörter Liebender. Auch wenn viele sich bemüht und nur wenige verstanden haben, ihn zu lesen, haben Generationen von Lesern durch ihn die Aufmerksamkeit, die Demut, die leidenschaftliche Liebe zur Sprache gelernt, ihre Schönheit, ihre Abgründigkeit, ihre Verspieltheit, ihr Versprechen. Er hat uns ins Gedächnis geprägt, dass die Sprache mehr ist als die graue Dienstmagd der Informationsvermittlung und anders klingen kann als das hölzerne, geborstene Medium, das die Kommunikationsgesellschaft aus ihr macht.

In dem philosophischen Briefroman der Carte postale hat er einige der schönsten Liebesbriefe der europäischen Literatur geschrieben. Mehr noch hat er darin eine französische Tradition des Schreibens fortentwickelt, für die ihre Beziehung zur Sprache eine erotische, das Herz aller Erotik war. Radikaler als andere hat er diese Beziehung im Vokabular der hohen Liebe neu belebt. Die Sprache, und nicht irgendeine, die französische Sprache war für ihn seine einzige, wahre Herrin, der er sich bedingungslos unterworfen, der er sich ganz ergeben hat. In der Tradition der hohen Liebe gesteht er, dass das Französische seine einzige Sprache war, gerade weil es nicht die seine war.

Derrida stellte sich die Aneignung des Französischen nicht als einen Kampf zwischen Vätern und Söhnen vor, in dem es gälte, die Alten einzuverleiben und auszuplündern, um das Eigene an die Stelle zu setzen. Derrida beschreibt sein Verhältnis zur Sprache vielmehr als die Beziehung zu einer Liebesherrin, die man weder beherrschen noch besitzen und schon gar nicht ausplündern kann, eine Geliebte, die nie ganz die eigene, meine werden kann. Denn immer behält sie eine ferne, sich entziehende Reinheit, bleibt sie an einem anderen Ort der »l'amour au loing«, wie es bei den Troubadouren hieß.

Derrida bezeugt dies Verhältnis zur Sprache, die immer Sprache eines anderen ist, in einer Passion für das Französische, das er schreibt wie kein anderer. Als Subjekt, das in sich durch diese Leidenschaft nicht bei sich und nicht mit sich selbst identisch ist. Das hat für die Kolonialmacht Europa eine eminent politische Pointe: Vergewaltigung nämlich wäre der Anspruch auf jeden Eigenbesitz der Sprache, eine Herrschaft über die Sprache, die als eigene Herrschersprache den Anderen zur Beherrschung aufgezwungen wird. Jeder ist sich in der Sprache Anderen aufgegeben.

Die universale Struktur der Sprache, die vom Anderen herkommt, gefasst in das Verhältnis zu einer Geliebten, bezeugt der algerische Jude Derrida, der an den Rändern Europas im Maghreb geborene jüdische Algerier. Sein Zeugnis verwandelt das Stigma der Geburt in eine Gnade nicht allein für sich, sondern für die Kultur Europas, in die, hineingeraten, er die Spur einer Begegnung einzog, eine Spur, die sie von ihrem Identitätsfundamentalismus und ihrer Wesensversessenheit befreite. Eine unbedingte Liebe zum Anderen verlieh ihm eine unerhörte Fähigkeit, gerecht zu sein, dem Anderen in akribischer Lektüre und ohne Anflug von selbstgerechter Blauhelm- oder Befreiungsrhetorik Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Das Eintragen dieser Spur in die Sprache, das Herauslesen dieser Spur aus der Sprache haben ihm in der Profession der Philosophie, die zu einem ganz und gar männlichen Geschäft der Identitätspolitik zu verkommen drohte und sich vornehmlich dadurch auszeichnet, im Namen der Vernunft alles andere (allem voran alles Weibliche) zu bannen, den Ärger der Kollegen, hässliche Anwürfe, niederträchtige Intrigen und absurde Verdrehungen gebracht. So hart das für ihn war und sosehr er an solchen Verletzungen litt, so erkennt man doch leicht darin die Eifersucht derer, die, zur Liebe unfähig, im Rechthaben groß sind. Derridas Werk ist nicht allein eine Liebeserklärung an die französische Sprache, sie ist darin ein höchster Ausdruck dessen, was die europäische Kultur als eine der Liebe auszeichnet. Seine Schriften zeigen auch von den Rändern her, und zwar im Sich-Ausliefern an den Anderen, Europa seine Bestimmung auf. Man kann nur hoffen, dass wir sie ergreifen können. Dass es dieses Werk gibt und dass es bei uns bleibt, tröstet uns. Zutiefst sind wir dafür dankbar.

Barbara Vinken ist Professorin für Französische Literaturwissenschaft an der Universität München

Martin Seel: Noch immer erscheint das Denken von Jacques Derrida vielen als ein vorwiegend ästhetisches Denken – weil es sich oft in einer skrupulösen Interpretation philosophischer und literarischer Texte entwickelt und weil es sich stets in Texten vollzieht, die einer auffälligen sprachlichen Choreografie unterliegen. Doch dieser Eindruck ist falsch. Sein Denken ist ein jederzeit sokratisches Denken – eines, das Spannungen und Widersprüchen im menschlichen Selbstverständnis auf der Spur ist und auch dort auf der Spur bleibt, wo andere dem Verlangen nach System und Einheit erliegen. Sein Verfahren ist das beharrliche Aufzeigen der grundlegenden Gebrochenheit, Unfertigkeit und Unschlüssigkeit menschlicher Orientierungen, gleich, welcher Art – einschließlich der philosophischen Konstruktionen, die diesen Zustand zu beheben versuchen. Es ist dieser Gestus des Sicheinlassens auf das Unbestimmte im Bestimmten, der für die Kunst und Kunsterfahrung der Gegenwart außerordentlich produktiv gewesen ist. Seit Benjamin und Adorno dürfte es keinen Denker gegeben haben, der auf die Künste in vergleichbarer Weise gewirkt hat. Was verstünden wir von Elfriede Jelineks Texten, wenn wir sie nicht als eine wilde Dekonstruktion unserer sprachlichen Gewohnheiten zu lesen verstünden!

Durch seine Analysen hat Derrida das Gespür für künstlerische Operationen gestärkt, die ihren Raum und ihre Zeit, ihr Sagen und ihr Zeigen in eine unüberschaubare Ordnung bringen. Die Kultivierung dieses Sinns für Differenz und Differenzierung ist eine durch und durch hermeneutische Kunst. Trotzdem wurde Derridas Denken gern in eine blanke Opposition zur philosophischen Hermeneutik gerückt. Schon die Annäherung zwischen ihm und Hans-Georg Gadamer seit Beginn der achtziger Jahre hätte hier eine Warnung sein sollen. Wogegen die Dekonstruktion nämlich angeht, ist lediglich das Klischee einer Hermeneutik, die sich über Texte und Werke nur beugt, um ihres Sinns habhaft zu werden. Dieser Verdinglichung des Sinnbegriffs hat Derrida mit Nachdruck widersprochen; er hat den Blick für Prozessualität und Dynamik aller Bedeutungsbildung geschärft. Dies erinnert daran, dass in der Kunst wie im Leben letztlich nur das einen Sinn macht, was keinen eindeutigen hat. Jürgen Habermas hat über Gadamer einmal gesagt, ihm sei die »Urbanisierung der Heideggerschen Provinz« gelungen. Von Jacques Derrida wird sich einmal sagen lassen, ihm sei die Revitalisierung der hermeneutischen Kapitale geglückt.

Martin Seel ist Professor für Philosophie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main

Robert B. Brandom: Derrida verdanken wir eine der originellsten und kraftvollsten Kritiken des 20. Jahrhunderts an den traditionellen Auffassungen von der »Metaphysik der Bedeutung« und der Rationalität. Die leidenschaftlichsten unter seinen Verächtern und Bewunderern einte die unkritische und irrige Annahme, eine grundsätzliche Zurückweisung dieser Metaphysik würde auf eine Zurückweisung ihrer Phänomene selbst hinauslaufen. Uneins waren sie lediglich darüber, ob Letzteres zu beklagen oder zu begrüßen sei. Die beste Reaktion auf Derridas Werk besteht meines Erachtens darin, Wege zu finden, die die zentrale Rolle charakterisieren, die den Praktiken des Gebens und Verlangens von Gründen bei der Etablierung von Bedeutungen zukommt. Und zwar auf eine Weise, die nicht von Derridas brillanten, spielerischen, gleichwohl aber eindringlichen Mahnungen unterboten wird, mit denen er uns immer wieder an die unvermeidliche Zerbrechlichkeit, Instabilität, Kontingenz und Widerspenstigkeit erinnert, die jedem unserer Diskurse, sei er noch so gewissenhaft konstruiert, innewohnen.

Robert B. Brandom ist Professor für Philosophie an der Universität Pittsburgh/USA – Aus dem Englischen von Eva Gilmer

 

 

 
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