Welche Bedeutung hat Roland Barthes‘ "S/Z" für die Literaturwissenschaft?
Roland Barthes‘ "S/Z" (1970) ist ein transformatorisches Buch. Sowohl Balzacs "Sarrasine" als auch Barthes‘ Theorie verändern sich im Verlauf der Lektüre. "S/Z" hört nicht so auf, wie es beginnt.
---
Barthes zerrt in "S/Z" Balzacs "Sarrasine" auf eine Bühne und stellt sein Funktionieren zur Schau. Er interpretiert nicht nur Balzacs Text, er zeigt auch, weshalb er als klassischer Text von einem klassischen Leser auf eine bestimmte Weise gelesen wird. So verdoppelt sich Barthes als Leser und es entsteht der für "S/Z" charakteristische double bind. Diese Verdopplung lässt sich entschlüsseln, indem man Balzacs "Sarrasine" allegorisch liest. Die Figuren Sarrasine und Zambinella sind in Balzacs Erzählung die allegorische Darstellung eines Rezeptionsmodells. Sie leisten als Allegorien die metasprachliche Selbstreflexion des poetischen Textes.
---
Der Text ist ein Gewebe, ein Geflecht, sagt Barthes, das Lesen ein Sammeln.
Als Bildhauer nimmt Sarrasine die Menschen in mimetischer Perspektive wahr. Zambinella ist sein bevorzugtes (Projektions-)Objekt, er begehrt sie als sein Liebesobjekt. In Balzacs realistischer Erzählweise wird Sarrasines Wahrnehmung als ein synthetisches Sammeln von Eindrücken dargestellt. Sarrasine liest Zambinella wie einen Textkörper (Lexie 222). So wird auf einer allegorischen Ebene Sarrasine zum Paradigma für den Leser und Zambinella zum Paradigma für den Text.
Die Allegorisierung selbst ist eine Arbeit, die ebenfalls ein Leser leistet, die Allegorie ist eine Lesefunktion.
Sarrasines Lesen ist nun durch eine ständige Verfehlung charakterisiert: Zambinella ist ein Kastrat, Sarrasine liest ihn als Frau.
Das Thema von Barthes‘ "S/Z" ist die Lektüre: das Lesen und Sammeln.
---
"S/Z" beginnt mit einer strukturalistischen Theorie der Codes. Diese Theorie wird von einem strukturalistischen Zeichenmodell untermauert, das Barthes in den "Mythen des Alltags" von Hjemlslev übernommen hat, um den alltäglichen Mythos zu destruieren. In "S/Z" interpretiert nun Barthes das Verhältnis von Denotation und Konnotation nicht mehr wie in den "Mythen des Alltags" als eine binäre Opposition, sondern als ein metonymische Relation. Die Unterscheidung ist nicht mehr stabil, sie gleicht dem Begriffspaar "structum"/"punctum" aus dem späteren Werk "Die helle Kammer". Weil Barthes die Denotation als letzte Konnotation bestimmt, fehlt ein absolutes Identifikationsmerkmal. Je nach ideologischem oder metaphysischem Kontext, kann jede Denotation zu einer Konnotation und jede Konnotation zu einer Denotation werden. Barthes‘ Theorie von Denotation und Konnotation ermöglicht den double bind von "S/Z". Erst im modernen Text gibt es nur noch Konnotationssignifikate.
Neben dieser strukturalistischen Klassifikation, die das Paradigma der Geschlossenheit bereits sprengt, führt Barthes eine historische Klassifikation ein: den "lesbaren" und "schreibbaren" Text, das "beschränkt Plurale" und das "Plurale".
Diese beiden Theoriestücke – die strukturalistische und die historische Klassifikation – beherrschen "S/Z" bis zu dem Punkt, an dem ein "allgemeiner Zusammenbruch der Ökonomie" stattfindet.
Es wird hier darum gehen, diese Bewegung von einer Thesis bis zu ihrem Zusammenbruch nachzuvollziehen.
---
Der hermeneutische Code wrid von der psychischen Identifikation geleitet. Barthes identifiziert sich als Leser in der Rahmenerzählung mit dem Ich-Erzähler, in der Binnenerzählung mit Sarrasine. Es entsteht so die Lesefigur Barthes-als-Sarrasine (Barthes selbst führt in "S/Z" die Unterscheidung von "Person" und "Figur" ein, die Figur gleicht dem, was Deleuze die "Begriffsperson" nennt), allgemein gesprochen: der Leser-als-Sarrasine.
Der Leser-als-Sarrasine folgt Sarrasines Weg, der über die Setzung des Rätsels, über Irreführungen, Äquivokationen und Blockierungen, kurz: über eine odysseeische Bewegung zur Enthüllung der Wahrheit führt. Am Ende der Binnenerzählung wird enthüllt, dass Zambinella ein Kastrat ist und dass der Greis der Rahmenerzählung die Zambinella ist.
Auf allegorischer Ebene sieht diese Bewegung leicht anders aus. Sarrasines Lektüre von Zambinella wird von seiner Metaphysik determiniert, in der Sinn, Kunst und Sexus als Metonymien des Vollen interpretiert werden. Die Enthüllung der Wahrheit hat für ihn katastrophale Folgen. Mit der Enthüllung der Kastration zeigt sich, dass der zambinellische Text leer ist: Er hat keine Denotation, kein letztes Signifikat.
Dies Folgen dieser Enttäuschung sind für den klassischen Leser, für den Leser-als-Sarrasine katastrophal: Der hermeneutische Code wird hinfällig, weil es keine Wahrheit zu entdecken gibt. Die Sarrasinesche Metaphysik, in der der Leser-als-Sarrasine lebt, wird unmöglich: Sie greift ins Leere. Der klassische wird dazu angehalten, seine Lektürevoraussetzungen zu überdenken und der klassische Text enthüllt sich als eine Phantasmagorie. Der klassische Leser und der klassische Text findent sich plötzlich auf der Schwelle der Moderne wieder.
Barthes hat diesen Vorgang in der Formel S/Z zu fassen versucht. In dem Moment, in dem Sarrasine das zambinellsiche Z der Kastration in seinen Namen aufnimmt, erweist sich die Leere als Grund der Sarrasineschen Metaphysik. Sarrasines Metaphysik wird so zu einer Phantasmagorie des Vollen: Die "Pandemie", die metonymische Kraft der Kastration hat sie erfasst. Dabei ist die Formel S/Z nicht einfach eine Spielerei mit Signifikanten, Sarrasine ruft auf Grund der französischen Onomastik nach dem Z der Zambinella: Sarrasine hiesse "Sarrazine". Der paradigmatische Querstrich markiert gerade diese Möglichkeit der Übernahme: Fällt er weg, so wird die Kastration wirksam.
In seinem Kernt enthält "Sarrasine" als klassischer Text in metasprachlicher Selbstreflexion, die allegorisch erschlossen werden kann, den modernen Text. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion zeichnet unter anderem gerade den modernen Text aus.
Zambinella selbst erweist sich als Allegorie als ein moderner Text: Das "Schreibbare" ist im "Lesbaren" abgebildet. Eigentlich funktioniert die Kette der Kopien nach dem klassischen Prinzip der Mimesis: Zambinella ist das Original (Sarrasine nennt sich auch "Meisterwerk"), von der Sarrasine eine Statue anfertigt. Kardianal Cocognara lässt diese Statue in Marmor ausführen. Die Marmorstatue dient Viens als Vorbild für das Gemälde, das die Szene der Rahmenerzählung säumt. Viens Gemälde wiederum dient Girodets "Der Schlaf des Endymion" als Vorbild. Diese Kette der Kopien ist nichts anderes als das Verfahren von Literaturgeschichte, das Texte auf Vorbilder reduziert. Mit Sarrasines Enttäuschung zeigt sich, dass die Kontinuität dieser Kette der Reproduktion nur auf Grund von Sarrasines projektivem Fehllesen möglich wurde. Die Mimesis ist so das Produkt des Begehrens der Metaphysik. Die Kastration entdeckt das, was in der reduktiven Literaturgeschichte verloren geht: die Signifikanten. Mit der Freilegung der Signifikanten in Zambinellas Text durch die Entdeckung der Kastration wird Barthes‘ Verfahren der "Auslegung" erst richtig möglich: Das Plurale kann ausgebreitet werden.
---
Mit der hermeneutsichen und allegorischen Interpretation stehen sich der Leser Barthes-als-Sarrasine und der Leser Barthes-als-Text gegenüber.
Das Subjekt Sarrasine, das klassische Subjekt, das sich als cartesianisches Subjekt substantiell verbürgt, konzipiert sich als "Bild der Fülle". Diese Subjekt liest in der Projektion dieser Fülle. Mit der Erfahrung der Kastration löst sich diese Fülle wieder in den Signifikanten des Textes auf: Das Subjekt selbst wird zu einem Text, zu einer Pluralität von Texten.
Der Leser-als-Sarrasine wurde von einem metaphysische beschränkten Begehren geleitet (das Verliebt-sein), für den Leser-als-Text eröffnet sich die ungebändigte "Lust am Text". Erst der moderne Text entspricht dieser Lust, weil er sich dem Begehren versagt.
---
Der hermeneutische Code besitzt in "S/Z" gegenüber den anderen vier Codes zweifellos eine vorzügliche Stellung. Er beruht auf der Denotation.
Die Codes umfassen die Totalität des "Schon-Geschriebenen", der einzelne Text ist nur eine "Spielart" dieser Totalität, die sich im Masse ihrer Pluralität der Totalität annähert.
Der proairetische Code erstellt die Handlungssequenzen: Sie müssen ganz dem Weg der Wahrheit des hermeneutischen Code entsprechen. Innerhalb des hermeneutischen Codes besitzt er die Möglichkeit zur Variation.
Die Psychologie des Protagonisten und des klassischen Lesesubjekts des hermeneutischen Codes beruht auf der Logik des Enthymems. Sarrasines Fehllesen, das hermeneutische Lesen, wird durch das unzuverlässige Schlussverfahren ermöglicht: Sarrasine glaubt zum Beispiel, dass Zambinella eine Frau ist, weil sie schön ist. Der Obersatz "Alle Menschen, die schön sind, sind weiblich", der das Enthymeme zu einem vollständigen und korrekten Syllogismus machen würde, wird von Sarrasine nicht reflektiert oder gar in Frage gestellt. Der Obersatz kann aber vom Syllogismus selbst nicht ausgewiesen werden: Er ist eine Setzung. Er ist die implizite Metaphysik und Ideologie des Enthymems. Dieser Obersatz wird nun gerade vom semantischen (z. B. SEM: Schönheit) und kulturellen (z. B. REF: Vulgär-Psychologie der Liebe) Code gereitgestellt. Über Konnotationssignifikate, nach impressionistischer Art, wird die Metaphysik und die Ideologie in der Kultur stillschweigend verankert und naturalisiert. In diesem Sinne fundieren der semantische und kulturelle Code den hermeneutischen Code auf seinem Weg durch alle Stationen bis zur Wahrheit.
Der symbolische Code hingegen steht nicht im Dienst des hermeneutischen Code. Er steht ihm entgegen und bewirkt seine Auflösung. Sein Gegenstand ist der Körper und als Allegorie der Textkörper. Der symbolische Code lässt den Körper anders erscheinen, als er von Sarrasine und dem Leser-als-Sarrasine begehrt wird. Die drei Eingänge machen den Körper zum Ort der Katastrophe: Der rhetorische Weg löst die Antithese von Innen und Aussen auf (die Körperoberfläche, die Scheidungslinie von Bedeutung und Materie), der Weg der Kastration erweist das Zentrum als leer (das kastrierte Geschlecht, die bedeutungslose Materie), der ökonomische Weg schliesslich verweist auf die Ursprungslosigkeit.
Der symbolische Code steht so dem hermeneutischen Code gegenüber, dass er ihn von inner her aushöhlt. Das Verhältnis der beiden ist asymmetrisch. Es zerstört die strukturalistische Geschlossenheit der Typologie der Codes: Die Struktur wird offen.
---
Barthes‘ "S/Z" dekonstruiert das hermeneutische Paradigma der Wahrheit und das strukturalistische Paradigma der Geschlossenheit. Es ist so ein Übergangswerk: Die beiden Paradigmen, die in den "Mythen des Alltags" noch ihre Geltung haben, werden für die späteren Werke wie "Das Reich der Zeichen", "Die helle Kammer" oder die "Lust am Text" keine grosse Rolle mehr spielen.
"S/Z" leistet für die Literaturwissenschaft die Übersetzungsarbeit zwischen Hermeneutik und Dekonstruktion. Der Gegensatz dieser beiden Verfahren wird leider bis heute oft für unüberwindbar gehalten. Barthes zeigt, dass mit der Dekonstruktion die Hermeneutik um eine metyphsik- und ideologiekritische Dimension erweitert wird. Diese Kritik verändert die Vorstellung vom Subjekt und so diejenige vom Leser und Lesen.
Die Hermeneutik, so Barhtes‘ Kritik, wird vom Begehren geleitet. Sie ist so blind wie der verliebte Sarrasine. Im klassischen Leser wütet die Metaphysik im Refugium der Psyche: Aus diesem Refugium, psychoanalytisch gesprochen, aus diesem überindividuellen Unbewussten, spricht er als Moralist im Glauben, objektive Werte zu vertreten. Literaturkritik wird so zu einem Geschäft von Moralisten und Ideologen, von Erziehern und Pädagogen. Barthes zeigt, und dies macht seine Wissenschaftlichkeit aus, dass Literaturwissenschaft auch vorurteilssloser möglich ist. "S/Z" zieht sich am eigenen Schopf aus dem moralistischen Sumpf.