Derridas Metaphysikkritik: Von der Grammatologie zur Grammatographie.

 

 

 

 

R. Julius Mühlemann

 

März 1997

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung                                                                                             

 

 

 

1.         Derridas Dekonstruktion des Logozentrismus im Rahmen der

            strukturalistischen Zeichentheorie

 

            1.1       Logozentrismus, Phonozentrismus und Dekonstruktion                                      

            1.2       Dekonstruktion der Saussure'schen Zeichentheorie                                           

 

2.         Die différance

 

3.         Grammatographie. Ist Derrida ein Dichter oder ein Philosoph?

 

Bibliographie   

           

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt kein Signifikat, das dem Spiel aufeinander verweisender Signifikanten entkäme, welches die Sprache konstituiert, und sei es nur, um ihm letzten Endes wieder anheimzufallen. Die Heraufkunft der Schrift ist die Heraufkunft des Spiels; heute kommt das Spiel zu sich selbst, indem es die Grenze auslöscht, von der aus man die Zirkulation des Zeichens meinte regeln zu können, indem es alle noch Sicherheit gewährenden Signifikate mit sich reisst, alle vom Spiel noch nicht erfassten Schlupfwinkel aufstöbert und alle Festen schleift, die bis dahin den Bereich der Sprache kontrolliert hatten.

 

                                               Derrida, Grammatologie

 

Einleitung

 

Bereits Nietzsche sah in Sokrates, dem Begründer dessen, was wir hier global als Metaphysik bezeichnen, den Sündenfall der Philosophie. Sokrates, "ein ganz neugeborner Dämon"[1], hat Nietzsche zu Folge etwa die Kategorien "unbewusst", "seelisch" und "Sein" den Kategorien "bewusst"[2], "theoretisch"[3] und "Denken"[4] untergeordnet - Kategorien, die die Geschichte der Metaphysik nachhaltig prägten. Was nach Euripides und Sokrates übrig blieb,  war für Nietzsche der Nihilismus: "Mit dem Tode der griechischen Tragödie dagegen entstand eine ungeheure, überall tief empfundene Leere [...]"[5]. Nietzsches Metaphysikkritik in der "Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" bleibt allerdings nicht bei der Negation metaphysischer Werte stehen, sondern versucht im mythischen Denken das wiederzufinden, was reaktiviert werden soll: das Dionyisch-Apollinische. Seine Metaphysikkritik sucht in einer anderen, früheren historischen Epoche nach verschollenen und übergangenen Kulturzeugnissen, die es wert sind, wiederbelebt zu werden. Auch für Derrida beginnt das, was er unter den Stichworten ‘Logozentrismus’, ‘Phonozentrismus’ und ‘Ethnozentrismus’ kritisiert, im Platonismus.

Analog zu Nietzsches Versuch, neben der metaphysischen Tradition einen Ort des Denkens zu finden, versucht Derrida mit seiner Dekonstruktion des Logozentrismus über die Metaphysik hinauszugelangen. Sein Konzept der différance ist der Name für diesen Versuch. Im 2. Kapitel des ersten Teils der Grammatologie "Linguistik und Grammatologie"[6] weist Derrida in der strukturalistischen Linguistik die metaphysischen Präsuppositionen nach, die die für den Strukturalismus paradigmatisch gewordene Unterscheidung von Signifikat und Signifikant geprägt haben. Die Dekonstruktion von Ferdinand de Saussures Hauptwerk "Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft"[7] (wie auch die Dekonstruktion zahlreicher anderer Werke) führt ihn zu seinem eigenen 'Zentralbegriff' (ein Wort, das in Derridas Denken nicht mehr verwendet werden dürfte!), zur différance, und einigen anderen Begriffen wie der "Spur" (trace) und der "Urschrift" (archi-écriture), die jenen Terminus begleiten. Was versucht Derrida mit der différance zu denken? Was ist jene "künftige Welt", die auf unsere "historisch-metaphysische Epoche"[8] folgen soll? Was bezeichnet Derridas différance, die das 'verdrängten Material'[9] des Logozentrismus ausmacht?

Derridas Zeichentheorie (auch dieser Begriff (theorein) würde bei Derrida in Anführungszeichen stehen, weil er aus einer metaphysischen Tradition stammt) bricht radikal mit der Tradition und versucht ganz von vorne zu beginnen. Damit stellt sie sich wie der Mythos[10] und die Metaphysik[11] die Frage nach dem "Ursprung" bzw. sucht nach etwas, das diesen durch die Metaphysik aufgeladenen Begriff ersetzen kann[12]. Dementsprechend müssen wir auch differenzieren: Der Ursprung des Mythos (chaos), der der Metaphysik (arché) und derjenige von Derrida (différance) unterscheiden sich.

Derrida macht auf eine Naivität aufmerksam, auf die man bei einem Versuch der Überwindung des Logos nicht hereinfallen darf. Wenn man Metaphyik kritisiert, greift man die Philosophie als Ganzes an, weil sie als Ganzes von ihr affiziert ist. Das bedeutet, dass man gewissermassen aus der Philosophie hinaustreten muss:

 

"Weitläufig genug, um sich selbst für endlos zu halten, wollte ein Diskurs, der sich Philosophie nannte [...], immer die Grenze - auch die eigene - sagen [...] Er hat sie [die Grenze] auf alle möglichen Weisen anerkannt, vorgestellt, gesetzt und verworfen - und sie in der Folge, um besser über sie zu verfügen, auch gleich überschritten. Seine eigene Grenze durfte ihm nicht fremd bleiben. Also hat er sich ihren Begriff angeeignet, und er glaubte die Randzone seiner grösstmöglichen Ausdehung zu beherrschen und sein Anderes zu denken."[13]

 

Wir befinden uns immer schon auf der Seite des Logos, indem wir schreiben und sprechen[14]. In unserer logozentrischen Sprache gefasst erscheint das Verhältnis vom Logoszu seinem Anderen als  unüberwindbar. Ein Denken, das vom Logos ausgeht, kann das Andere dieses Logos immer nur wieder auf den Logos reduzieren. Es erkennt nur, was ihm eigen ist. Die différance aber muss man als "einen nicht-philosophischen Ort ausmachen, einen Ort der Äusserlichkeit oder der Andersheit, von dem aus man noch über die Philosophie sprechen kann [...]"[15].

Derridas Problemstellung lässt sich mit einer Metapher Wittgensteins veranschaulichen. Wittgensteins Versuch einer Philosophiedefinition lässt sich in Bezug auf Derridas Fragestellung neu innerhalb der logozentrischen Philosophie lesen. Er definiert die Philosophie in den „Philosophischen Untersuchungen“: „Was ist dein Ziel in der Philosophie? - Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.“ (§ 309) Mit Derrida könnte man nun sagen: Der Philosophie den Ausweg aus dem Logozentrismus zeigen.

 

Wir lassen uns - was das Verhältnis der différance zum Logos betrifft - mit Derrida auf die Position ein, die Jean-François Lyotard in seinem Bericht "Das postmoderne Wissen" vorgezeichnet hat: Nach der "Skepsis gegenüber den Metaerzählungen" und nach der "Krise der metaphysischen Philosophie" können im Bereich des Wissens (hier im Bereich des philosophischen Wissens) nicht mehr die Massstäbe von Kommensurabilität und Konsens angewendet werden, sondern diejenigen von Inkommensurabilität und Dissens[16]. Lyotard beschreibt damit das wohl umfassendste postmoderne Paradigma, das auch Derrida in aller Konsequenz umsetzen möchte: Die Ablösung des Einheitsdenkens durch das Denken der Differenz. Wir wollen uns an den Leitfaden der Legitimation durch Paralogie[17] halten, die Position, zu der uns "die Lage des Wissens in den höchstentwickelten Gesellschaften"[18] drängt:

 

„Die Expansion der Wissenschaft wird nicht durch den Positivismus der Effizienz hervorgebracht. Das Gegenteil ist der Fall: Am Beweis arbeiten bedeutet, das Gegenbeispiel, das heisst das Unbegreifliche, suchen und es ‘erfinden’; an der Argumentation arbeiten heisst, das ‘Paradoxon’ suchen und es durch neue Spielregeln des Raisonnements legitimieren.“[19]

 

Nach der Erkenntnis, das einheitsstiftende Systeme notwendig Brüche aufweisen, was etwas Horkheimer/Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ am Beispiel der aufklärerischen Rationalität gezeigt haben, gilt es, dieses „Unbegreifliche“, dieses „Paradoxon“ in neue philosophische Konzepte miteinzuschliessen.

Derridas Dekonstruktion weist also paralogische Elemente in logozentrischen Diskursen (z. B. Saussure) nach und sucht anschliessend nach Regeln, die auch diese Elemente noch zu fassen vermögen. Das ist ein Weg, der zu Derridas Philosophie führen soll.

 

Zum Vorgehen: Zuerst gilt es, sich einen Begriff von Derridas Dekonstruktion zu verschaffen, da dieser Terminus sein methodisches Vorgehen bezeichnet und nicht zuletzt das Instrument (im Gegensatz etwa zur gewöhnlichen Kritik) darstellt, zu einem Ausdruck wie der différance zu gelangen. Wir werden dann die Dekonstruktion der strukturalistischen Zeichentheorie mitverfolgen, um schliesslich Derridas eigene Begrifflichkeit (besonders die der différance) so weit transparent[20] zu machen, wie dies eben möglich ist. Schliesslich werden wir uns einen Ausblick auf Derridas „Grammatographie“ verschaffen.

 

 

1.      Derridas Dekonstruktion des Logozentrismus im Rahmen der    strukturalistischen           Zeichentheorie

 

1.1    Logozentrismus und Dekonstruktion

 

Der Begriff des Logos umfasst bekanntlich ein grosses, zum Teil stark divergierendes semantisches Spektrum. Zur Illustration sei hier eine Auswahl der verschiedenen Verwendungsarten dieses Begriffs gegeben: Logos steht für Ausdrücke wie ‘Aufzählung’, ‘Berechnung’, ‘Rechenschaft’, ‘Rechtfertigung’, ‘Verhältnis’, ‘Proportion’, ‘Erklärung’, ‘Beweisführung’, ‘Vernunft’, ‘Bericht’, ‘Darlegung’, ‘Aussage’, ‘Wort’, ‘Ausdruck’, ‘Gegenstand’ oder ‘Unterredung’[21]. Es fragt sich daher, auf welche Facette - oder um einen Begriff Derrridas zu verwenden - auf welchen Strang des „Bündels“[22] sich dessen Begriff „logozentrisch“ bezieht. Der Begriff stammt ursprünglich von Ludwig Klages[23]. Er wurde von ihm im Gegensatz zu „prometheisch“ (oder auch „biozentrisch“)[24] negativ bestimmt. Derridas Begriff „logocentrique“ lässt sich allerdings nicht von Klages’ Begriffsbestimmung herleiten; bei Derrida wurden die Bedeutungen vielmehr, wenn überhaupt die Rede davon sein kann, vertauscht. Für Derrida stellt der Logozentrismus eine Tradition des Denkens dar, die mit den Dialogen Platons beginnt und die sich bis zu Husserl, Heidegger und Saussure weiterverfolgen lässt. Bei Platon beginnend wird für Derrida vor allem die Bestimmung des Logos als ‘Rede’ (gesprochenes Wort) ausschlaggebend. In einer hierarchischen Reihe steht bei Platon das gesprochene Wort im Gegensatz zur Schrift näher bei der Seele, die die Ideen schaut. Im 7. Brief zum Beispiel diskreditiert Platon die Schrift ausdrücklich: „Daher wird kein ernsthafter Mann jemals über ernsthafte Dinge etwas schreiben und sie damit der Böswilligkeit und dem Unverstand der Menschen überlassen.“ (Ep. 7.344c)[25] Derrida entdeckt damit in den Schriften Platons die Opposition von Rede und Schrift, wobei erstere als privilegiert erscheint: „Die Epoche des Logos erniedrigt also die Schrift, die als Vermittlung der Vermittlung und als Herausfallen aus der Innerlichkeit des Sinns gedacht wird.“[26] Heidegger, eine wichtige Quelle für Derridas Denken, hat ebenfalls darauf aufmerksam gemacht, dass die Polysemie des Logos am besten mit der Bestimmung der jwnh als Denotation dieses Begriffes gefasst werden könne: „Der logoV ist jwnh und zwar jwnh meta jantasiaV - stimmliche Verlautbarung, in der je etwas gesichtet ist.“[27] Es wäre allerdings verfehlt, daraus den Schluss zu ziehen, Derrida würde dieses Verhältnis lediglich umkehren, wie Peter V. Zima behauptet[28]. Derridas écriture ist nicht mehr nur das Gegenstück zur Rede[29]. Hinter Derridas écriture verbirgt sich eine Philosophie, die diese platonische Opposition zu sprengen versucht. Dass Derrida seine Schrift ebenso bezeichnet wie die traditionelle Schrift, versucht er mit einer Logik der „Paläonymie“[30] zu rechtfertigen. Zu dieser Privilegierung der Rede (Derrida nennt diesen Aspekt des Logozentrismus Phonozentrismus) gesellt sich, so Derrida, die Idee des Seins als Präsenz: „Man ahnt bereits, dass der Phonozentrismus mit der historischen Sinn-Bestimmung des Seins überhaupt als Präsenz verschmilzt.“[31] Bereits Heidegger hat auf die Bestimmung des Seins als Präsenz in der antiken Philosophie aufmerksam gemacht:

 

„Das Andenken an den Anfang der Geschichte, in der sich das Sein im Denken der Griechen enthüllt, kann zeigen, dass die Griechen von früh an das Sein des Seienden als die Anwesenheit des Anwesenden erfuhren.“[32]

 

Die herkömmliche Übersetzung des griechischen einai im Deutschen mit ‘sein’ hat dessen eigentliche Bedeutung ‘anwesend sein’ verdeckt. Wie folgenschwer sich ein Denken im Rahmen dieses Logozentrismus als Phonozentrismus und als Denken der Präsenz auswirkt, hat Derrida zu zeigen versucht.

 

Die beiden Ansätze der Derrida’schen Kritik an der Metaphysik, die im Begriff Logozentrismus versammelt sind, decken sich mit den beiden Tendenzen, unter denen Kondylis die gesamte Kritik an der Metaphysik zusammenfasst:

 

„Einerseits wird die Metaphysik als vollständiges rationales Wissen, d. h. als Gewinnung der letzten Wahrheiten durch die Mittel der Vernunft abgelehnt, andererseits die metaphysische Unterscheidung zwischen Transzendentem und Immanentem relativiert oder aufgehoben.“[33]

 

Mit der Infragestellung der Präsenz des Sinns vom Sein kritisiert Derrida nichts anderes als die vollständige Erkennbarkeit des Seins: „Gegenwart ist Evidenz schlechthin [...]“[34]. Die Kritik des Verhältnisses von Rede und Schrift ist gleichzeitig eine Kritik an der platonischen Zwei-Welten-Lehre: Die Schrift befindet sich am Ende einer hierachischen Reihe, die mit der Idee beginnt: Idee, Seele, Stimme, Rede, Schrift[35].

Die Privilegierung des Logos hat die Konsequenz einer Herrschaft, der Herrschaft eines einzigen ideellen Signifikats (Derrida nennt es das „transzendentale Signifikat“), das, wie wir noch sehen werden, den unendlichen ‘Regress’ des Verweisens der Signifikanten ‘frühzeitig’ stoppt. Vor dem unendlichen Regress haben sich bekanntlich vor allem die Griechen gefürchtet[36]. Das „transzendentale Signifikat“ ist die Basis, „auf der eine ganze Hierarchie von Bedeutungen errichtet werden kann.“[37] Es bildet das Zentrum jeder geschlossenen Struktur[38], auch derjenigen von Saussure.

 

Heideggers Verfahren der „Destruktion“ in „Sein und Zeit“ kann als Vorläufer zu Derridas Methode der „Dekonstruktion“ angesehen werden. Um die Frage nach dem Sinn vom Sein beantworten zu können, führt Heidegger eine neue Methode ein:

 

„Soll für die Seinsfrage selbst die Durchsichtigkeit ihrer eigenen Geschichte gewonnen werden, dann bedarf es der Auflockerung der verhärteten Tradition und der Ablösung der durch sie gezeitigten Verdeckungen. Diese Aufgabe verstehen wir als die am Leitfaden der Seinsfrage sich vollziehende Destruktion des überlieferten Bestandes der antiken Ontologie auf die ursprüngliche Erfahrungen, in denen die ersten und fortan leitenden Bestimmungen des Seins gewonnen werden.“[39]

 

Die „Destruktion“ ist grundsätzlich einmal ein Aufruf zu einer neuartigen Aufarbeitung der Geschichte der Metaphysik. Diese Aufarbeitung beinhaltet zwei Operationen: Erstens soll ein durch die Tradition starr gewordenes Begriffssystem durch eine erneute Reflexion wieder luzide gemacht werden, d. h. beweglich und empfänglich für neue Denkansätze. Zweitens aber sollen „Verdeckungen“ enthüllt werden, die von der nicht mehr hinterfragten Tradition der Metaphysik bewirkt wurden. So hat die Tradition zum Beispiel die „Verwechslung von Seiendem und Sein“[40] ständig gedeckt. Ebenso hat sie den wesenhaft zeitlichen Charakter des Seins verstellt[41] und ist auf der anderen Seite bis in die Neuzeit einer Philosophie der Zeit gefolgt, die im Wesentlichen der aristotelischen Bestimmung entspricht[42]. Heideggers Traditionskritik zielt allerdings auf eine Kritik des status quo der Metaphysik, will also nicht Negation der Tradition sein: „Die Destruktion will aber nicht die Vergangenheit in Nichtigkeit begraben, sie hat positive Absicht [...]“[43]. Das Vergessene bewirkt latent die Verirrungen der modernen Metaphysik, während sie selbst sich gerade den Zugang zur eigenen Geschichte verbaut.

Derridas Dekonstruktion weist Gemeinsamkeiten mit Heideggers Destruktion auf. Die Dekonstruktion verlangt zunächts ebenfalls eine „Auflockerung“ der Tradition[44]. Weiter definiert Derrida sie als eine „doppelte Geste“: Die Dekonstruktion „muss durch eine doppelte Gebärde, eine doppelte Wissenschaft, eine doppelte Schrift eine Umkehrung der klassischen Opposition und eine allgemeine Verschiebung des Systems bewirken.“[45] Bereits Heidegger hat mit der Umkehrung von Seiendem und Sein gearbeitet. Für die metaphysische, hierarchische Opposition Rede (oben)/Schrift (unten) bedeutet dies, dass von nun an die Rede von der Schrift aus gedacht wird und nicht mehr umgekehrt. Die traditionelle (negative) Bestimmung der Schrift wird in dieser Umkehrung beibehalten, wobei sie aber zum constituens der Rede wird. Damit nun aber nicht wieder eine neue Hierarchie (Schrift (oben)/Rede (unten)) entsteht, bedarf es der Verschiebung, d. h. der metonymischen Ausweitung des Geltungsbereichs der Prädikate des klassischen, negativen Schriftbegriffs: Was die Rede vor der Schrift ausgezeichnet hat, wird zu einem blossen „Effekt“. Derrida geht sogar noch weiter: „Diesen in Frage gestellten Effekt habe ich andernorts Logozentrismus genannt [...]“[46]. Damit wird die Geschichte der Metaphysik zur Geschichte eines Effekts der Schrift.  

Der Logozentrismus hat als vergessene, aber wirksame Geschichte die traditionellen Begriffe Wahrheit, Vernunft und Bedeutung - die Grundpfeiler jeglicher Hermeneutik - mitbestimmt und als nicht-hinterfragbare Konstellation entstellt[47]. Diese Entstellung will Derrida überwinden; das Mittel dazu ist die Dekonstruktion, die bisher nur als rein technisches Vorgehen beschrieben wurde, deren Gehalt also noch bestimmt werden muss; das neue positive Fundament der vom Logozentrismus befreiten Philosophie ist die différance.

Mit der Entdeckung der différance als Strukturgesetz der Metaphysik kann allerdings noch nicht das Ende (fin) der Metaphysik ausgerufen werden, sondern nur deren Schliessung (clôture) als Denken der Präsenz[48].

 

 

2.2    Dekonstruktion der Saussure'schen Zeichentheorie

 

Es geht darum, „die Zeichen zu ihrer Befreiung“[49] zu führen. Es geht nicht mehr um die Freiheit, wie sie in den „Metaerzählungen“ oder „Emanzipationserzählungen“ der Moderne angestrebt wurde[50], sondern nur um die Freiheit der Zeichen. Wolfgang Welsch hat darauf hingewiesen, dass Derrida trotz solcher pathetischer Formulierungen von einer „naiven Auffassung“ der Metaphysikkritik weit entfernt ist[51]. Befreit werden soll das Zeichen vom Logozentrismus, vom Phonozentrismus, vom Denken der Präsenz und von einem umfassenden Ethnozentrismus (vgl. Derrida, Die weisse Mythologie. In: Ders.: Randgänge der Philosophie). Dass selbst die auf Saussure aufbauende moderne Sprachwissenschaft von diesen metaphysischen Präsupposition affiziert ist, versucht Derrida in der „Grammatologie“ zu zeigen.

In gewissem Sinne ist Derrida ein Majeutiker: Er ist nicht der Vater des Kindes, das er auf die Welt bringen will[52]; die Epoche der Schrift hat vielmehr bereits begonnen, wobei Derrida in der „theoretische[n] Mathematik“ das wichtigste Paradigma für diesen historischen Wandel sieht: „[...] die mathematische Schrift war nie ganz an eine phonetische Produktion gebunden.“[53] Ebenso sieht er Symptome derselben in der „Inflation des Zeichens ‘Sprache’“ und in der „Inflation des Zeichens selbst“[54].

Derrida fasst diese beiden Epochen unter den Stichworten ‘Buch’ und ‘Schrift’: Mit dem „Tod des Buches“ beginnt die „Geschichte der Schrift“[55]. Die Epoche des Buches hat (ebenso wie die logozentrische Metaphysik) „nahezu drei Jahrtausende“[56] gedauert. In den beiden Epochen spielt jeweils ein bestimmter Schriftbegriff die entscheidende Rolle. Die Epoche des Buches hat das Gramma oder das Graphem mit einer „metaphorischen Vermittlung“ getilgt: Sie spricht von einer ‘Schrift der Seele’ (Platon), dem ‘Buch der Natur’ oder der ‘Schrift Gottes’ (Mittelalter). Diese metaphorische Verschiebung beruht auf dem Dualismus von Materialität und Intelligibilität: Der körperlichen, sinnlich wahrnehmbaren äusserlichen Schrift wird eine gute Schrift gegenübergestellt, in der die Signifikanten immer schon erloschen sind[57]. Die Subjekte dieser Schrift - sei es ein absoluter Logos, sei es Gott, die Natur oder die Subjektivität - sind dabei nur Metonymien desselben Prinzips: der Präsenz. Eine Dekonstruktion des Logozentrismus erfordert also immer eine Dekonstruktion der Präsenz.

 

Hegel nimmt für Derrida (neben anderen Vertretern) in dieser historischen Klassifizierung die Rolle des Grenzgängers ein: Seine Sprachphilosophie kann in Bezug auf die beiden Epochen nicht klar eingeordnet werden. Die Hyperbolik seines logozentrischen Schriftverständnisses[58] führt ihn an die Grenze zwischen ‘Buch’ und ‘Schrift’, macht ihn als „erste[n] Denker der Schrift“[59] lesbar. Diese neue Lesbarkeit Hegels als Denker der Schrift beruht auf Derridas Methode der Dekonstruktion.

Hegel stellt seine „Buchstabenschrift“ noch immer unter das Privileg der „Tonsprache“:

 

„Bei der Tonsprache, als der ursprünglichen [!], kann auch der Schriftsprache, jedoch hier nur im Vorbeigehen, erwähnt werden [...] Diese [die Buchstabenschrift, d. i. die phonetische Schrift] besteht daher aus Zeichen der Zeichen [...]. [...] bei der Buchstabenschrift aber ist nur eine Grundlage und zwar in dem richtigen Verhältnisse, dass die sichtbare Sprache zu der tönenden nur als Zeichen sich verhält; die Intelligenz äussert sich unmittelbar und unbedingt durch Sprechen.“[60]

 

Die Schrift, die nicht-phonetische, gefährdet dessen philosophisches System; sie bedroht „den Atem, den Geist und die Geschichte als Selbstbezug des Geistes.“[61] Die phonetische Schrift selbst wird von Hegel als technisches Korrektiv legitimiert, indem er sie in den Dienst der „Tonsprache“ stellt: „Die Ausbildung der Tonsprache hängt aufs genaueste mit der Gewohnheit der Buchstabenschrift zusammen, durch welche die Tonsprache allein die Bestimmtheit und Reinheit ihrer Artikultion gewinnt.“[62] Die Schrift ist bei Hegel bloss Supplement der Phonie. In „Der Schacht und die Pyramide“ stellt Derrida die typisch metaphysischen Hierarchien der Hegel’schen Zeichentheorie kurz und bündig dar:

 

„Es handelt sich also um das Privileg des Sprechens gegenüber der Schrift - und der phonetischen Schrift gegenüber jedem anderen System der Einschreibung, im besonderen gegenüber der hieroglyphischen oder ideographischen, aber auch gegenüber der mathematischen Schrift [...].“[63]

 

Auf der anderen Seite wird bei Hegel aber das Zeichen im Kontext der ‘produktiven Einbildungskraft’ „nicht länger als ein Abfalls- oder empirisches Zufallsprodukt behandelt“[64]: „Er hat das Denken als ein Zeichen produzierendes Gedächtnis wieder zu Ehren begracht.“[65] Indem Hegel weiter die ägyptische Pyramide als das Symbol des Zeichens bestimmt, deutet er den möglichen Tod des Signifikats im Signifikanten an[66], antizipert er - wenn auch unter moralisch negativen Vorzeichen - Derridas „irreduzible Differenz“[67],das überbordende Verweisen und Differieren der Signifikanten. Die ist die zweite mögliche Lektüre Hegels, die „nichtmetaphysische [...] Arbeit an Begriffssystemen“[68].

Dies ist die Situation in der „Grammatologie“, bevor Derrida mit der Lektüre Saussures beginnt. Mit Hegel kündet Derrida an, was bei Saussure noch viel mehr der Fall ist: er ist ein „Denker der Schrift“, auch wenn er noch in der Metaphysik verhaftet ist.

 

In den ersten Kapiteln der „Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft“ wiederholt Saussure die Hierarchien, die schon für Hegels Sprachphilosophie entscheidend waren. Der Gegenstand der Linguistik (als Teilgebiet der Psychologie) ist die gesprochene Sprache, der Schrift kommt dabei nur eine abgeleitet Funktion (Derivat, Supplement, „Zeichen der Zeichen“) zu[69]. Saussure begrenzt die Schrift selbst auf die phonetische Schrift, er schliesst die ideographische Schrift aus[70]. Saussure stutzt die Schrift unter dem Privileg der Rede auf eine Schrift zu, die nur noch Abbild der jwnh, des Lautes, der „Lautschrift“ ist. Derridas Interesse gilt aber nicht etwa dem ideographischen Charakter einer Schrift, sondern dem graphematischen Charakter der Schrift, der sich nicht auf eine phonetische Abbildfunktion reduzieren lässt.

Derrida weist nun darauf hin, dass sich „bei Saussure eine gewisse Unruhe“[71] breit macht, obwohl er anfänglich die Verhältnisse von Rede und Schrift so klar umschrieben hat: Einerseits gibt er zu, dass man von der Schrift nicht gänzlich abstrahieren könne (entgegen konträren Aussagen). Er schenkt dem äusserlichen Phänomen im folgenden viel Aufmerksamkeit. Andererseits brandmarkt er die Schrift als „unvollkommenes Gerät“, als „verhexende Technik“[72].

Saussure beklagt eine verkehrte Welt: Die Schrift ist ein Usurpator, der sich das Privileg der Stimme erobern will[73]. Es ist Saussures „Absicht“, das natürliche Verhältnis, d. h. das logozentrische Verhältnis, von Sprache und Schrift wiederherzustellen[74], aber nicht seine „Geste“. Derridas Interesse für diese Bipolarität legitimiert sich am Prinzip der Paralogie: Aufmerksamkeit für das ‘Widerstreitende’ (Lyotard). Dieses Schwanken des Saussure’schen Textes zwischen Intention und Schrift ist ein Zeichen für die unentschiedene Position Saussures zwischen der Epoche des Buches und der Epoche der Schrift. Wir begegnen nun in Derridas Text ein erstes Mal der ersten Stufe der Dekonstruktion, der „Umkehrung“: Bis jetzt hat Derrida Saussures Text gelesen, wie Saussure es wollte; er hat Saussures Intention offengelegt, nun beginnt Derrida das zu lesen, was Saussure geschrieben hat. Er zieht die Konsequenzen aus Saussures negativen Beschreibung der Schrift, die Saussure auf Grund seiner „Begierde“[75], seines „Traumes“[76], seines „Wunsches“[77] - der immer ein metaphysischer ist - weder ziehen konnte noch wollte. Das Lesen des „Wunsches“ als Effekt und des Textes über die Schrift als Schrift führt zur Umkehrung und Verschiebung - zur Dekonstruktion - von Saussures Zeichentheorie. Dies ist allerdings nur möglich, wenn es Derrida gelingt, die Opposition von Natürlichkeit und Künstlichkeit (physis versus techne), die für Saussures in letzter Konsequenz moralische Argumentation[78] ausschlaggebend ist, zu entkräften[79]. Derrida liest zwar auch auf Seite 65 der „Grammatologie“ immer noch Saussure, aber, wie später deutlich werden wird, antizipiert er bereits hier seinen eigenen Zeichenbegriff. Er fasst Saussures Konsequenzen dieser Usurpation der Schrift folgendermassen zusammen:

„Nun bestimmen sowohl Rousseau als auch Saussure die historische Usurpation und die theoretische Absonderlichkeit, die das Bild in die Rechte der Realität einsetzen als Vergessen eines einfachen Ursprungs.“[80] 

 

Durch die mit keinem theoretischen Instrument zu entwirrende „gefährliche Promiskuität“ von Schrift und Rede wird das Denken eines einheitlichen sinnhaften Ursprungs als Bedingunge der Möglichkeit von Bedeutung überhaupt verunmöglicht: „Der Ursprung der Spekulation wird eine Differenz.“[81] Es gibt nur noch Signifikanten, die differierend aufeinander verweisen, es gibt kein privilegiertes „transzendentales Signifikat“[82] mehr, das ohne Signifikanten sich in der Präsenz offenbaren würde. In diesem Sinne ist die „Schrift nicht Zeichen der Zeichen“[83]. Derrida löscht auf der einen Seite die Differenz, die in der traditionellen Zeichentheorie zwischen Signifikat und Signifikant bestanden hat, ganz[84], aktiviert aber auf der anderen Seite die Differenz zwischen den Signifikanten, für die sich, paradoxerweise, Saussure[85] als erster stark gemacht hat[86]. Indem Saussure für den „sprachlichen Wert“ die Notwendigkeit der Differenz erkannt hat, stellt er seine Privilegierung der Stimme gegenüber der Schrift selbst in Frage; Derrida zieht diese Konsequenz:

 

„Da die Differenz niemals an sich und per definitionem eine sinnlich wahrnehmbare Fülle ist, widerspricht ihre Notwendigkeit der Behauptung einer von Natur aus lautlichen Wesenhaftigkeit der Sprache. Zugleiche aber stellt sie die angeblich natürliche Abhängigkeit des graphischen Signifikanten in Frage.“[87] 

 

Ergänzt wird Saussures These der Differenz durch die These der Arbitrarität des Zeichens, beide, die „Beliebigkeit“ und die „Verschiedenheit“ sind „zwei korrelative Eigenschaften“[88]. Die These der Arbitrarität widerspricht wie das Differenzprinzip der Annahme eines sinnerfüllten Zeichens und einer Schrift, die diesem erfüllten Zeichen unterstellt wäre[89].

Damit wird sichtbar, weshalb Saussure für Derrida ein Denker ist, der sich an der Grenze zwischen ‘Buch’ und ‘Schrift’ befindet.

Mit der Verabschiedung des „transzendentalen Signifikats“ rückt automatisch die Schrift in die erste Position, eine Schrift, in der bereits nach traditionellem Verständis der Schreiber und der Empfänger abwesend sind[90], in der ohne die Begrenzung durch das „transzendentale Signifikat“ das „Spiel“ der uferlosen Verweisungen eröffnet ist. Der zentrale Begriff „Spiel“ ist gerade durch das Fehlen eines „transzendentalen Signifikats“ definiert[91]. Die Struktur, die von ihrem Zentrum beherrscht wurde[92], ist entgrenzt. Saussure selbst spricht nie von einem „transzendentalen Signifikat“, Derrida zufolge tut er es aber implizit immer: Der Phonozentrismus, dem auch Saussure unterliegt, funktioniert nur dank dem „transzendentalen Signifikat“. Nur Saussures Text ‘wehrt’ sich gegen diesen sichernden Sinn.

Saussure bleibt nach dem Ausschluss des Graphems nicht beim Phonem stehen, sondern transzendiert dieses in Richtung seiner „Phonologie“ (im Gegensatz zur „Phonetik“). Derrida zitiert Saussure an der entsprechenden Stelle:

 

„Seinem Wesen nach ist er [der Signifikant] keineswegs lautlich, er ist unkörperlich, er ist gebildet nicht durch seine stoffliche Substanz, sondern einzig durch die Differenzen, welche sein Lautbild von allem anderen trennen.“[93]

 

Saussure gelangt über eine phänomenologische Reduktion des „son objective“ zum „image acoustique“. Alleine diese Unterscheidung erlaubt es Saussure, langue (Sprachsystem) und parole (Sprechakt) voneinander zu unterscheiden. Derrida macht darauf aufmerksam, dass es sich hierbei nicht um ein Abbildverhältnis handelt, sondern um die Differenz von „erscheinendem Laut“ und „Erscheinen des Lautes“[94], ansonsten würde Saussure bei einem „mentalistischen Standpunkt“, in einer „vor-phänomenologischen Psychologie“[95] stehen bleiben. Damit werden auch jene „lautlichen Differenzen“ transzendiert. Sie werden zu rein formalen Differenzen. Dabei ist „die unerhörte Differenz zwischen dem Erscheinenden und dem Erscheinen [...] die Bedingung für alle anderen Differenzen [...].“[96] Differenz zwischen Erscheinendem und Erscheinen, zwischen langue und parole, zwischen Welt und Erfahrung, zwischen Noumenon und Phänomenon, zwischen Rede und Schrift ...[97]

Ausgehend von dieser Differenz wollen wir nun versuchen, den Übergang von Saussure zu Derrida zu vollziehen.

Es handelt sich hier nämlich um die Differenz, in der die différance immer schon eingeschrieben ist.

 

 

2.      Die différance

 

„Die Ordnung, die dieser Opposition [von Sinnlichkeit und Intelligibilität] widersteht, und ihr widersteht, weil sie sie trägt, kündigt sich in einer Bewegung der différance [...] zwischen zwei différences oder zwischen zwei Buchstaben an, einer différance, die weder der Stimme noch der Schrift im gewöhnlichen Sinne angehört und sich als seltsamer Raum [...] zwischen Sprechakt und Schrift ansiedelt.“[98]

 

Wir haben eine erste Antwort darauf gefunden, an welchem Ort, in welchem Raum (wir übernehmen hier Derridas Metapher) sich Derridas Denken ansiedelt. Es handelt sich bei diesem Raum nach Derridas eigener Forderung um einen Raum, der sich absolut ausserhalb der Metaphysik befindet. Die Differenz zwischen Sprechakt und Schrift ist dieselbe wie diejenige zwischen parole und langue, da Derrida die wesentlichen Gesetze der langue, die Arbitrarität und die Verschiedenheit, auch - sogar in origniärer Weise - der Schrift zuspricht (diese Operation ist als Verschiebung ein Teil seiner Dekonstruktion). Die Differenz zwischen Erscheinen und Erscheinendem ist dabei die Bedingung der Möglichkeit der Saussure’schen Unterscheidung von langue und parole. Gleichzeitig ist diese Differenz die Bedingung von Bedeutung und Sinn überhaupt.

Wie man jetzt sieht, bleibt Derrida nicht bei einer Umkehrung des Verhältnisses von Schrift und Rede stehen, sein Schriftbegriff, der gleichwohl Merkmale des traditionellen trägt, seine „Ur-Schrift“, die „Spur“, „die Ur-Spur“, die différance gehen jeglichem Verhältnis von Schrift (der Schrift, die vom Logozentrismus ‘beherrscht’ wird) und Rede voraus. 

Der Raum, von dem die Rede war, wird in der ungewöhnlichen Schreibweise der différance ausgedrückt: das a bezeichnet die unhörbare und unsichtbare Differenz zwischen Hören und Sehen, zwischen Sprechen und Schreiben, zwischen Zuhören und Lesen, zwischen Rede und Schrift[99].  Das a ist Anzeichen für einen Bereich jenseits der Sinnlichkeit.

Doch Derrida folgt auch nicht Saussures Weg in die Inelligibilität, zur langue, denn gerade die Differenz von Erscheinen und Erscheinendem, die Saussures Transzendenz ausmacht, bestimmt er als „Spur“: Die Differenz „ist selbst schon eine Spur[100]. Derrida bleibt vor Saussures Eintauchen in die Transzendenz bei der fundierenden Differenz stehen. Weder Sinnlichkeit noch Intelligibilität also. Die „Spur“ ist Bedingung der Differenz, die in ihrem Zusammenwirken als Sinnlichkeit (Welt) und Idealität (Erlebtes) Bedeutung ermöglicht. Die „Spur“ aber erschöpft sich im Verweisen. Sie bedeutet nichts.

Basteln[101] wir am „Bündel“[102] der différance weiter. Kaum haben wir einen Raum der différance zu fassen versucht, sehen wir uns auf ein neues Wort (es ist wohl kaum ein Wort!) verwiesen: die „Spur“. Befinden wir uns noch im selben Raum? Derrida nennt die Ausdrücke, die im ‘Kontext’ der différance immer wieder erscheinen („Urschrift“, „Spur“, „Ur-Spur“, „Ur-Schrift“, „Supplement“, usw.), „Reserven“[103] der différance. 

 

Knüpfen wir wieder bei Saussure an, um der „Spur“ auf die Spur zu kommen.

Wir haben bereits bemerkt, dass Derrida für seinen Schriftbegriff, der der différance gerecht werden soll, von Saussure das Differenzprinzip der langue übernimmt, allerdings ohne dem „transzendentalen Signifikat“. Dieses entgrenzte Differieren nennt Derrida auf Nietzsche zurückgreifend „Spiel“. Doch Derrida bemerkt mit schon beinahe ironischem Ton zu Saussures Differenzen: „Andererseits sind diese Differenzen selbst wiederum Effekte. Sie sind nicht in fertigem Zustand vom Himmel gefallen.“[104] Effekte? Effekte der différance. Wir gelangen zu dem Faden des „Bündels“, den Derrida in seiner „approximativen semantischen Analyse“[105] Polemos nennt: Kampf, Streit: Die sonderbare Tätigkeit, die die Differenzen hervorbringt.

Hinter den Differenzen verbirgt sich eine Tätigkeit, die total unzugänglich ist, deren Status Derrida als eine doppelt durchstrichene Präsenz charakterisiert, die jeglicher Präsenz vorausgeht. Heidegger hatte das Sein bereits einfach durchstrichen („kreuzweise Durchstreichung“): „Dementsprechend kann der denkende Vorblick in diesen Bereich das ‘Sein’ nur noch in folgender Weise schreiben: das Sein.“[106] Er hat damit darauf hingewiesen, dass das Sein nicht eine Vorstellung des Menschen ist, die er gewissermassen von Aussen beherrschen kann[107], dass sich das Sein vielmehr als Bedingung der Möglichkeit des Seienden beim Erscheinen des Seienden „verbirgt“[108]. Derrida schreibt zum Seinsstatus der différance: „Wenn aber die différance das ist (ich streiche auch das „ist“ durch), was die Gegenwärtigung des gegenwärtig Seienden ermöglicht, so gegenwärtigt sie sich nie als solche.“[109] Auch wenn Heidegger bei seiner Durchstreichung wert darauf legt, dass es sich nicht um ein „bloss negatives Zeichen der Durchstreichung“[110] handelt und dabei auf das „Geviert“ verweist, ist seine Durchstreichung des Seins als Präsenz eine Negation, bei der die Abewesenheit des Seins dennoch immer noch als Präsenz gedacht wird: Abwesende Präsenz. Derrida möchte nun mit seiner zweiten Durchstreichung auch diesen letzten Hauch einer Präsenz tilgen.  Derrida versucht damit über die Opposition von Präsenz und Abesenheit zu gelangen. Welsch formuliert diese Kritik Derridas an Heidegger folgendermassen: Heidegger gelange zwar über das Präsenzdenken hinaus, bleibe aber mit seiner Art, mit der er das Andere der Präsenz denkt, in ihm verhaftet[111]. Heidegger hat das Sein einfach durchstrichen (Sein), so dass die Präsenz zwar verschwindet, aber „dennoch lesbar“ bleibt[112]; Derrida durchstreicht es ein zweites Mal, um darauf hinzudeuten, dass Präsenz weder sichtbar, vorstellbar noch lesbar ist; dass sie sich uns gänzlich entzieht:

 

Sein

------------------->

Sein

------------------->

 

                                                            Heidegger                                             Derrida

Die Präsenz ist das irreduzible Andere, das sich ganz entzieht.

Dies ist der Seins- bzw. Präsenz- bzw. Nicht-Seins- bzw Nicht-Präsenz-Status (wie man es auch immer nennen möchte) der différance. Sie geht der einfachen Präsenz von Sinn, einer Bedeutung, eines Seienden voraus.

Kommen wir zur „Spur“ zurück. Dieser Begriff ist diese Kritik an der arche als Präsenz: Die „Spur“ (man vergegenwärtige (aber nur in der Form einer doppelten Durchstreichung) sich das Bild dieser Metapher) ist immer schon gegeben (in der metaphysischen Sprache als eine Ursache), aber sie ist nichts Gegenwärtiges[113]. „Spur“ ist der Name für diese doppelt durchstrichene Präsenz, die mit gewönlicher Präsenz gar nichts mehr zu tun hat. Der Begriff der „Ur-Spur“ - die Hyperbolik der „Spur“ - macht die Paradoxie noch deutlicher: Ein Begriff, der sich selbst verunmöglicht. Die „Ur-Spur“ ist Ursprung, aber eben keine arche. Die „Spur“ selbst aber - wie auch die „Ur-Spur“ und die „Ur-Schrift“ - gehört als „Reserve“-Metapher zum „Bündel“ der différance.  Wir befinden uns also noch immer an demselben Ort, in demselben Raum. Die „Spur“ hat uns über die Opposition von Anwesenheit und Abwesenheit hinaus geführt. Die Schrift (écriture), von der Derrida spricht, ist die geschriebene Schrift, die von diesem Raum bestimmt wird. In diesem Raum werden das Zeichen, das Sein, das Seiende und die Präsenz geboren, in dieser Differenz zwischen Erscheinendem und Erscheinen, die selbst ein „Produkt“ der différance ist.

Anders als mit Paradoxien, mit unzutreffenden Metaphern und mit Negationen der Negationen kann sie nicht beschrieben werden: Paralogie, ohne Irrationalität zu sein. Aber auch dies verweist letztlich gerade darauf, was die différance ‘sein’ will: „Die différance ist der nicht-volle, nicht-einfache Ursprung der Differenzen.“[114] Es handelt sich „um eine Zerteilung im Ursprung und des Ursprungs“[115]. Diese Teilung des Ursprungs selbst hat zur Folge, dass es für die différance nie einen „einzigartigen Namen geben“[116] kann. Darauf weist Derrida hin, wenn er die différance in einer unabschliessbaren Reihe von Metonymien ansiedelt („Spur“, „Ur-Spur“, „Ur-Schrift“, „Supplement“, usw.).

 

Doch wenn die einfache und einfach durchstrichene Präsenz nur ein Effekt ist, wie kann sie aus der différance entstehen? Wie entsteht das Gleiche, das mit sich selbst Identische? Mit dieser Frage gelangen wir zur zweiten „approximativen semantischen“ Bestimmung der différance: Das lateinische differre in der Bedeutung von „aufschieben“. Derrida nennt diese Bewegung „Temporisation“[117]. Was zur „klassisch anerkannten Struktur des Zeichens“ als Repräsentation gehört - seine Bestimmung als „aufgeschobene Gegenwart“[118] (aliquid stat pro aliquo) - übernimmt Derrida für die différance. Doch was wir aufgeschoben, wenn die Gegenwart bereits ein sekundäres Phänomen ist?  Die „Temporisation“ bestimmt die ‘Tätigkeit’ des Differenzen-Bildens näher. Das Spiel der Differenzen, welches von der différance eröffnet wird, ist ein Spiel, das sich immer über den Umweg der Differenz vollzieht: in der metaphysischen Sprache ausgedrückt: der Umweg über die Differenz von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Nur gilt es dabei zu beachten, dass es die Gegenwart als präsente Punktualität (Jetzt)[119] nicht gibt; sie ist ein Produkt der Differenz. Das Gegenwärtige wird zu dem, was es ist, auf Grund von dem, was es nicht ist. Derrida nennt daher diese Differenz auch „Intervall“[120], das sowohl Temporisation als auch Verräumlichung ist. Ein „Intervall“, das als Aufschub Identität und Gegenwart synthetisiert und das als Verräumlichung - als „Raum-Werden der Zeit“[121] - das Zeichen als Schrift ermöglicht.  Die Ur-Schrift und die Urspur konstituieren als Synthesen von Differenzen die Gegenwart, die Identität und das Zeichen. Es liegt gerade an diesem Merkmal der Verräumlichung, dass Derrida den Zeichentypus, der der différance folgt, Schrift nennt. Sie ist als Punkt, Linie, Interpunktion und Zwischenraum das Produkt einer Verräumlichung (die zugleich Temporisation ist). Die différance geht der Synthese voraus, die für zum Beispiel Husserl Bedingung der Möglichkeit der Konstitution von Erfahrung (Identität eines Phämonens) für das phänomenologische Subjekt ist[122]. Sie ist in diesem Sinne auch das Apriori der Phänomenologie: Transzendenz der Transzendentalität.

 

Doch die Angelegenheit wird noch verstrickter. Wie steht es mit mir, der ich diesen Text über die différance schreibe? Wie steht es um das Ich, um das Subjekt, um das Bewusstsein? Das Bewusstsein war in der Philosophie immer Ausdruck von Präsenz: Es lässt sich „nur als Selbst-Gegenwart, als Selbst-Wahrnehmung der Gegenwart denken.“[123] Nietzsche und Freud waren die ersten, die das Subjekt in Frage gestellt haben, das Herr in seinem eigenen Haus sein will. Es ist bei ihnen das Produkt von Kräften, die vom Subjekt nicht kontrolierbar sind. Auch bei Saussure ist die langue unabhängig vom sprechenden Subjekt. Wie wir allerdings bereits gesehen haben, ist aber die Präsenz nur ein Effekt der différance, was bedeutet, dass auch das Subjekt als Selbstpräsenz des Bewusstseins dem Gesetz der différance nicht entgeht:

 

„Es kommt also dazu, dass die Gegenwart - und besonders das Bewusstsein, das Beisichsein des Bewusstseins - nicht mehr als die absolute Matrixform des Seins, sondern als eine ‘Bestimmtung’ und ein ‘Effekt’ gesetzt wird. Bestimmung oder Effekt innerhalb eines Systems , das nicht dasjenige der Gegenwart, sondern das der différance ist [...].“ [124]

 

Wenn wir hier also über diesen sonderbaren Raum der différance schreiben, werden wir selbst von ihm bestimmt, von diesem Raum, den man eigentlich mit Sprache - auch mit unserem Schreiben - nicht abbilden kann, da sie selbst ein Produkt derselben ist.

 

 

3.      Grammatographie. Ist Derrida ein Dichter oder ein Philosoph?

 

Wenn man die différance als „das verborgene Organisationsprinzip der Metaphysik“[125] bestimmt, wie dies Welsch getan hat, wird deutlich, dass es unendlich viele Richtungen gibt, aus denen man zur différance vorzustossen vermag. Derrida belegt es selbst: Ob er Platon, Hegel, Heidegger, Husserl, Freud oder Foucault liest, er gelangt über die Dekonstruktion immer wieder zurück zur différance. Man könnte zum Beispiel - wie dies Derrida auch ausführt - auch vom ‘Raum’ ausgehen, der sich mit Heidegger ontisch-ontologischen Differenz öffnet. Wir begnügen uns daher mit unserer bescheidenen Darstellung. Da sich die différance der Sprache entzieht, kann sie auch niemals erschöpfend beschrieben werden. Die Erfindung der différance mit all ihren Problemen erfordert eine Dekonstruktion der Geschichte der Philosophie, was ein endloses Unternehmen ist.

 

Wir wollen uns auch nicht fragen, ob dieses Unternehmen zu einem Ende oder zu seiner Schliessung gelangt ist oder nicht, ob es also Derrida wirklich gelungen ist, die Metaphysik zu überwinden. Diese Frage ist schon an sich problematisch, da man sich dabei fragen muss, was die Metaphysik ist und ob es die Metaphysik überhaupt gibt.  Angehrn hat dazu bemerkt: „Kontrovers sind Bestand, Recht und Wesen der Metaphysik zugleich. Angesichts der Vielgestaltigkeit der metaphysischen Ideengeschichte ist von vornherein klar, dass jeder Versuch, etwas über ‘die’ Metaphysik auszusagen, mit extremen Verkürzungen operiert.“[126] Auch wenn Derrida Metaphysik dekonstruiert, bleibt seine Lesart der Metaphysik eine Interpretation unter anderen. Es ist daher wenig erstaunlich, dass der Streit um die Metaphysik groteske Züge angenommen hat: „So kommt es, dass Hegel, Nietzsche, Heidegger, Derrida und pragmatistische Derrida-Interpreten wie ich selbst drängelnd um die Position des ersten wirklich radikalen Antiplatonikers der Geschichte streiten“[127], mit diesen Worten ironisiert Rorty „dieses ein wenig possenhaft anmutende Bestreben“, den Steit um den ersten, wahren Überwinder der Metaphysik.

 

Wir wollen zum Schluss auf die vieldiskutierte Frage eingehen, ob Derrida mit seinen Publikationen ‘nach der différance’ zum Dichter geworden ist, oder ob man ihn immer noch als einen Philosophen betrachten kann. Habermas zum Beispiel hat ihm vorgeworfen, er betreibe nicht mehr Philosophie, sondern Literatur[128].

Derridas „Grammatologie“ ist, wie es auch bereits der Titel sagt, nur eine Vorstufe zu seinem Philosophieren. „Grammatologie“ ist - gemessen an Derridas Intention, die différance zum Massstab des Schreibens und Lesens zu machen - ein paradoxer Begriff. Derrida sagt es selber am Ende des ersten Teils: „Grammatologie, Denken, das noch eingemauert bliebe in der Präsenz.“[129] Derrida bleibt auf dem Weg zur différance noch in der Epoche des Buches stehen, nicht zuletzt - neben theoretischen Gründen - auf Grund einer notwendigen Rücksichtsname auf die Rezeption durch sein universitäres philosophisches Publikum. Ein Text wie „Glas“[130] bedarf der rationalen Vorbereitung, braucht eine philosophische Rechtfertigung, um noch als Philosophie angeboten werden zu können. Auch Derrida musste sich als philosophische Autorität im Rahmen der Tradition auszeichnen, bevor er eigenen Wege gehen konnte.

Die Konsequenzen der différance für das Schreiben und die Lektüre von Texten zeichnen sich in der Form von Negationen ab: Texte haben keinen einheitlichen Sinn, keine geschlossene Struktur, keinen fixierbaren Kontext, keinen festgelegten Kotext[131]; Texte sind immer schon Zitate; eindeutige Bedeutungen können nur über metaphysische Reduktionen gewonnen werden; Linearität ist keine notwendige Bestimmung der Sprache; usw. (Dasselbe gilt natürlich auch für das gesprochene Wort). Derrida hat diese Konsequenzen in der „Grammatologie“ noch kaum realisiert.

Die „Grammatologie“ ist ein philosophisches Buch, das für die Linguistik und die Philosphie Analoges leistet wie die Wissenschaftslehre für die Einzelwissenschaften; dies allerdings auf viel radikalere Art und Weise. Derridas Dekonstruktion führt nämlich zu einer Verunmöglichung dessen, was Wissenschaft genannt wird, weil diese Wissenschaft logozentrisch ist. Es gibt zwar ein „grammatologisches Wissen“, aber kein „grammatographisches“: „Die Graphematik oder die Grammatographie dürften nicht länger als Wissenschaften dargestellt werden [...].“[132] Die Grammatographie, zu der die Grammatologie führen soll, ist so verschieden von der Wissenschaft wie die différance zum Logos. Derridas „Glas“ ist ein erster Versuch, grammatographisch zu schreiben. Dieser Text verlangt vom Leser einen Horizont, der von metaphysischen Reduktionen befreit ist.

 

Derrida vor die Wahl zu stellen, Dichter oder Philosoph zu sein, wird seinem eigenen Theo-rieniveau nicht gerecht. Es geht Derrida nicht um die Frage, ob man philosophisch, poetisch, lyrisch oder metaphorisch schreiben soll. Dichter sind, würde Derrida vielleicht sagen, ebenso oft dem Logozentrismus, dem Phonozentrismus oder dem Ethnozentrismus erlegen wie die Philosophen. In diesem Sinne ist Derrida kein Dichter. Er will grammatographisch schreiben. Derrida ist aber auch kein Philosoph mehr, wenn man die Philosophie als logozentrische Wissenschaft bestimmt. Er möchte eine Grammatographie gründen, die den Rang der Wissenschaft erhalten soll. Eine Einordnung Derridas in die Option Dichter/Philosoph muss mit dieser Verkürzung operieren. Dass allerdings Derridas spätere Schreibweise literarische Züge trägt, soll nicht in Frage gestellt werden.

Geeigneter scheint mir ein Prädikat von Jonathan Culler zu sein, um Derridas Schreibweise zu charakterisieren: Derridas Texte tendieren zu einer „allgemeinen, undifferenzierten Textualität“[133].Undifferenziert ist diese Textualität insofern, als sie auf Differenzierungen verzichtet, die jenseits metaphysischer Werte nicht aufrecht erhalten werden können.

 

Mit der Grammatologie befindet sich Derrida noch immer in der logozentrischen Tradition, erst eine Grammatographie führt über sie hinaus.

Mit Wittgenstein gesprochen: Was ist dein Ziel in der Grammatologie? - Der Philosophie den Ausweg aus der Metaphysik in die Grammatographie zeigen.

Sei es als Dichter oder als Philosoph.

 

 

Bibliographie

 

Primärliteratur:

 

Aristoteles: Metaphysik. Übers. v. Eugen Rolfes. Leipzig 1904.

Derrida, Jacques: Die Schrift und die Differenz. Übers. v. Rodolphe Gasché, 6. Aufl.,    Frankfurt a. M. 1994.

Derrida, Jacques: Grammatologie. Übers. v. Hans-Jörg Rheinberger u. Hanns Zischler, 5. Aufl., Frankfurt a. M. 1994.

Derrida, Jacques: Randgänge der Philosophie. Hrsg. v. Peter Engelmann, übers. v. Günther R. Sigl, 1. Aufl., Wien 1988.

Derrida, Jacques: Positionen. Gespräche mit Henri Ronse, Julia Kristeva, Jean-Louis Houdebine, Guy Scarpetta. Hrsg. v. Peter Engelmann, übers. v. Dorothea Schmidt. Wien     1986.

Derrida, Jacques: Glas. 1.. Paris 1981 (=Édition Denoël/Gonthier).

Derrida, Jacques: Glas 2.. Paris 1981 (=Édition Denoël/Gonthier).

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im   Grundbegriffe. In: Ders.: Werke. Hrsg. v. Ludwig Boumann. Berlin 1845. Bd. 7, 2. Abt..

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Husserl, Edmund: Cartesianische Meditationen. Hrsg. u. eingel. v. Elisabeth Ströker. 2. Aufl., Hamburg 1987.

Klages, Ludwig: Der Geist als Widersacher der Seele. 6. Aufl., Bonn 1981

Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Hrsg. v. Peter Engelmann, 3. Aufl., Wien 1994.

Lyotard, Jean-François: Postmoderne für Kinder. Briefe aus den Jahren 1982-1985. Hrsg. v. Peter Engelmann, 2. Aufl., Wien 1996.

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Novalis: Werke. Hrsg. u. komment. v. Gerhard Schulz. 3. Aufl., München 1981.

Platon: Werke. Hrsg. v. Gunther Eigler, Darmstatt 1990.

Rorty, Richard: Eine Kultur ohne Zentrum. Vier philosophische Essays und ein Vorwort. Übers. v. Joachim Schulte. Stuttgart 1993.

Saussure, Ferdinand: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Hrsg. v. Charles Bally u. Albert Sechehaye, übers. v. Herman Lommel, 2. Aufl., Berlin 1967.

 

Sekundärliteratur

 

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Eagleton, Terry: Einführung in die Literaturtheorie. Übers. v. Elsi Bettinger u. Elke Hentschel, 3. Aufl., Stuttgart/Weimar 1994.

Heinrich, Klaus: Parmenides und Jona. Vier Studien über das Verhältnis von Philosophie und Mythologie. Basel 1982.

Kondylis, P.: Die neuzeitliche Metaphysikkritik. Stuttgart 1990.

Ritter, Joachim: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Basel 1980.

Welsch, Wolfgang: Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft. Frankfurt a. M. 1996.

Zima, Peter V.: Die Dekonstruktion. Einführung und Kritik. Basel 1994.

 

 



[1]Nietzsche, Friedrich: Werke. Hrsg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari. Berlin/New York 1972. III/1, 79.

[2]Ebda., III/1, 83: "[...] sein [Euripides'] aesthetischer Grundsatz 'alles muss bewusst sein, um schön zu sein', ist, wie ich sagte, der Parallelsatz zu dem sokratischen 'alles muss bewusst sein, um gut zu sein'." Nietzsche deutet hier auf die notwendige Kongruenz von Wissen und Handeln in der platonischen Philosophie (vgl. z. B. Menon 87d-89a).

[3]Ebda., III/1, 93: "Um die Würde einer solchen Führerstellung auch für Sokrates zu erweisen, genügt es in ihm den Typus einer vor ihm unerhörten Daseinsform zu erkennen, den Typus des  t h e o r e t i s c h e n   M e n -  s c h e n [...]".

[4]Ebda., III/1, 95: "Nun steht freilich neben dieser vereinzelten Erkenntniss [...] eine tiefsinnige W a h n v o r -  s t e l l u n g, welche zuerst in der Person des Sokrates zur Welt kam, jener unerschütterliche Glaube, dass das Denken, an dem Leitfaden der Causalität, bis in die tiefsten Abgründe des Seins reiche, und dass das Denken das Sein nicht nur zu erkennen, sondern gar zu c o r r i g i e r e n im Stande sei."

[5]Ebda., III/1, 71.

[6]Derrida, Jacques: Grammatologie. Übers. v. Hans-Jörg Rheinberger u. Hanns Zischler, 5. Aufl., Frankfurt a. M. 1994. 49-129.

[7]Saussure, Ferdinand: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Hrsg. v. Charles Bally u. Albert Sechehaye, übers. v. Herman Lommel, 2. Aufl., Berlin 1967.

[8]Derrida, Grammatologie, 14/15.

[9] In der Grammatologie vergleicht (Analogie) Derrida die Schrift mit dem Unbewussten Freuds: „Und wenn der Schauplatz des Traums immer ein Schauplatz der Schrift ist?“ (Derrida, Grammatologie, 541).

[10]Klaus Heinrich nennt die Qualität des Mythos "Ursprünglichkeit". Mythisches Denken ist Ursprungsdenken (vgl. Heinrich, Klaus: Parmenides und Jona. Vier Studien über das Verhältnis von Philosophie und Mythologie. Basel 1982. 11ff.).

[11]Aristoteles: Metaphysik. Übers. v. Eug. Rolfes. Leipzig 1904. 25 (983a): "Es ist also offenbar, dass es hier gilt, eine Wissenschaft der ursprünglichen und ersten Ursachen zu gewinnen - denn dann behaupten wir etwas zu wissen, wenn wir die erste Ursache zu kennen meinen."

[12]Auch Derrida geht es um eine Letztbegründung, die allerdings nicht mehr mit dem Begriff der arché gefasst werden kann: "Denn was hier gerade in Frage steht, ist die Forderung nach einem rechten Anfang, einem absoluten Ausgangspunkt, einer prinzipiellen Verantwortung. Die Problematik der Schrift wird mit der Infragestellung des Wertes der arche eröffnet." (Derrida, Jacques: La différance. In: Ders.: Randgänge der Philosophie. Hrsg. v. Peter Engelmann, übers. v. Günther R. Sigl, 1. Aufl., Wien 1988. 32.)

[13]Derrida, Jacques: Tympanon. In: Ders.: Randgänge der Philosophie. Wien 1988. 13.

[14] Derrida, Jacques: Cogito und die Geschichte des Wahnsinns. In: Ders.: Die Schrift und die Differenz. Übers. v. Rodolphe Gasché, 6. Aufl., Frankfurt a. M. 1994:

„Unter dieser natürlichen Bequemlichkeit, unter diesem anscheinend vorphilosophischen Vertrauen verbirgt sich die Anerkennung einer Wahrheit des Wesens und des Rechts: nämlich, dass der philosophische Diskurs und die philosophische Mitteilung (das heisst die Sprache selbst)[Hervorhebung von mir], wenn sie einen erkennbaren Sinn haben soll, das heisst sich ihrem Wesen und ihrer Bestimmung als Diskurs anpassen sollen, de facto und gleichzeitig de jure dem Wahnsinn entgehen müssen. Sie müssen die Normalität in sich selbst tragen [...]

Der Satz ist seinem Wesen nach normal. Er trägt die Normalität in sich, das heisst den Sinn, in jedem Sinne dieses Wortes, dem Descartes’ insbesondere [...] In seiner ärmsten Syntax ist der Logos die Vernunft [...]“ (86/87).

[15]Ders., Tympanon, 15.

[16]Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Hrsg. v. Peter Engelmann, 3. Aufl., Wien 1994. 14.

[17]Ebda., vergleiche das Kapitel 14: Die Legitimierung durch die Paralogie, 175-193. Das Interesse an der Paralogie ist wohl das verbindende Glied der Philosophien, die unter dem Stichwort ‘postmodern’ kursieren (Lyotard, Derrida, Baudrillard, Deleuze).

[18]Ebda., 13.

[19]Ebda., 158. Anstösse zu dieser neuen Form des Wissensbegriffs haben Kants Theorie des Erhabenen, das Gödel’sche Theorem, Heisenbergs Unschärferelation oder Mandelbrots Chaostheorie geliefert (Vgl. hierzu: Ebda., 125/126, 165/166 und Ders.: Postmoderne für Kinder. Briefe aus den Jahren 1982-1985. Hrsg. v. Peter Engelmann, 2. Aufl., Wien 1996. 21-31)

[20]Auch der Begriff der Transparenz gehört zu einer Tradition der Metaphysik, die Derrida dekonstruieren möchte. Kondylis hat darauf hingewiesen, dass die Unterstellung der vollständigen Erkennbarkeit des Seins einer der wichtigen Angelpunkte der modernen Metaphysikkritik ist (P. Kondylis: Die neuzeitliche Metaphysikkritik. Stuttgart 1990, 13ff..)

[21] Joachim Ritter: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Basel 1980. Bd. 5, 491ff..

[22] Derrida, Die Différance, 29.

[23] Klages, Ludwig: Der Geist als Widersacher der Seele. 6. Aufl., Bonn 1981, 130: Klages nennt die „Grundgesinnung der Wissenschaft“ logozentrisch und versieht sie mit den Merkmalen ‘flach’, ‘mechanistisch’, ‘voluntaristisch’ und ‘lebensgelöst’. Klages verwendet für „logozentrisch“ auch den Begriff „herakleisch“ (374).

[24] Ebda., 130: Mit „prometheisch“ und „biozentrisch“ bezeichnet Klages die „Grundgesinnung der Metaphysik“, die er mit den Attributten ‘tief’, idealistisch’, ‘beschaulich’, ‘kontemplativ’ und ‘lebensabhängig’ versieht.

[25] Platon: Werke. Hrsg. v. Gunther Eigler, Darmstatt 1990, Bd. 5, 421. Vgl. ebenfalls Phaidros 275c: „Wer also eine Kunst in Schriften hinterlässt, und auch wer sie aufnimmt, in der Meinung, dass etwas Deutliches und Sicheres durch die Buchstaben kommen könne, der ist einfältig [...].“

[26] Derrida, Grammatologie, 27.

[27] Heidergger, Martin: Sein und Zeit. 11. Aufl., Tübingen 1967. 32/33.

[28] Zima, Peter V.: Die Dekonstruktion. Einführung und Kritik. Basel 1994. 64: „Denn der Dekonstruktion selbst liegt eine relativ stabile semantische Taxononie zugrunde, die von Grundgegensätzen wie parole/écriture, Sinnpräsenz/Differänz und Logozentrismus/Dekonstruktion strukturiert wird.“ Derrida geht nicht von diesen Oppositionen aus, sondern findet diese empirisch in der Geschichte der Metaphysik. Sie zu dekonstruieren ist gerade die Aufgabe, die er sich gestellt hat. Es ist daher überflüssig zu bemerken: „Fehlte diese Taxonomie wäre die Dekonstruktion als Theorie und Verfahren weder darstellbar noch kritisierbar.“ Es kann nur Derridas Ziel sein, die Dekonstruktion, wie er sie etwa in der Grammatologie betreibt, überflüssig zu machen: Das würde das Ende (fin) der Metaphysik bedeuten.

[29] Derrida bezeichnet seine Schrift im Gegensatz zum traditonellen ausdrücklich als einen „modifizierten Schriftbegriff“ (Derrida, Grammatologie, 97).

[30] Vgl., Derrida, Jacques: Positionen. Gespräche mit Henri Ronsé, Julia Kristeva, Jean-Louis Houdebine, Guy Scarpetta. Hrsg. v. Peter Engelmann, übers. v. Dorothea Schmidt. Wien 1986. 138/139: Der Begriff, dessen Name beibehalten wird, wird inhaltlich verändert, indem ein verdecktes Prädikat ‘herausgehoben’ wird, dieses wird anschliessend ‘verpflanzt’ (verschoben) und damit in seinem Geltungsanspruch ‘erweitert’.

[31] Derrida, Grammatologie, 26.

[32] Heidegger, Martin: Was ist Metaphysik? 14. Aufl., Frankfurt a. M. 1992. 17.

[33] Kondylis, Die neuzeitliche Metaphysikkritik, 14.

[34] Derrida, Jacques: Ousia und Gramme. Notiz über eine Fussnote in Sein und Zeit. Aus: Ders., Randgänge der Philosophie, 54.

[35] Ders., Grammatologie, 34.

[36] Angehrn, Emil: Ursprung und Gestalt. Die zwiespältige Entstehung der Metaphysik. In: Dialektischer Negativismus. Michael Theunissen zum 60. Geburtstag. Hrsg. v. E. Angerhn, H. Fink-Eitel, Chr. Iber u. G. Lohmann. 162: „Bedeutsam ist die Zurückweisung des unendlichen Regresses: nicht einfach als Ausdruck eines ananke stenai, das sich gegebenenfalls mit axiomatischen Setzungen begnügt, sondern als Überzeugung vom Gegebensein (und der Erkennbarkeit) eines realiter Erstens, schlechthin Fundamentalen [...].“

[37] Eagleton, Terry: Einführung in die Literaturwissenschaft. Übers. v. Elsi Bettinger u. Elke Hentschel, 3. Aufl., Stuttgart/Weimar 1994. 116.

[38] Derrida, Jacques: Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen. Aus: Ders.: Die Schrift und die Differenz. 422/424: „Die Struktur oder vielmehr die Strukturalität der Strukur wurde, obgleich sie immer schon am Werk war, bis zu dem Ereignis, das ich festhalten möchte, immer wieder neutralisiert, reduziert: und zwar durch einen Gestus, der der Struktur ein Zentrum geben sie auf einen Punkt in der Präsenz, auf einen festen Ursprung beziehen wollte. [...] Die Abwesenheit eines tranzsendentalen Signifikats erweitert das Feld und das Spiel des Bezeichnens ins Undendliche.“

[39] Heidegger, Sein und Zeit, 22.

[40] Ders., Was ist Metaphysik, 12.

[41] Ebda., 17f..

[42] Ders., Sein und Zeit, 26.

[43] Ebda., 23.

[44] Derrida, Grammatologie, 28: „Es geht keinesfalls darum, diese Begriffe [absoluter Logos, Gott] ‘zurückzuweisen’. Sie sind notwendig, und zumindes heute lässt sich für uns ohne sie nichts mehr denken. Es muss vielmehr die systematische und historische Verbundenheit von Begriffen und Gesten des Denkens evident gemacht werden, die man oft unbedenklich glaubt voneinander trennen zu können.“

[45] Derrida, Jacques: Signatur Ereignis Kontext. Aus: Ders., Randgänge der Philosophie, 313.

[46] Ebda., 313.

[47] Ders., Grammatologie, 23f..

[48] Vgl. Welsch, Wolfgang: Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft. Frankfurt a. M. 1996. 266/67.

[49] Derrida, Grammatologie, 14.

[50] Lyotard, Das postmoderne Wissen, 13/14 und 175.

[51] Welsch, Vernunft, 247. Auf die „Terminologie der Befreiung“ (Welsch) folgen in der „Grammatologie“ Überlegungen, die vielmehr auf eine Unmöglichkeit des Unternehmens einer Grammtologie deuten: „Vorallem möchten wir zu bedenken geben, dass eine solche Wissenschaft von der Schrift - so notwendig und fruchtbar dieses Unternehmen auch sein mag -, selbst wenn sie im günstigsten Falle alle technischen und epistemologischen  Hindernisse überwinden, alle theologischen und metaphysischen Fesseln von sich abstreifen würde, die sie bisher einschränkten, Gefahr läuft, vielleicht niemals als solche und unter diesem Namen das Tageslicht zu erblicken; niemals die Einheit ihres Vorhabens und ihres Gegenstandes definieren, weder ihre Methode diskursiv fassen noch die Grenzen ihres Feldes umreissen zu können.“ (Derrida, Grammatologie, 14) Derrida spricht daher auch nicht vom Ende (fin) der Metaphysik, sondern nur von deren Schliessung (clôture).

[52] Vgl. Welsch, Vernunft, 253.

[53] Derrida, Grammatologie, 22.

[54] Ebda., 16.

[55] Ebda., 20.

[56] Ebda..

[57] Ein gutes, beliebig gewähltes Beispiel für dieses Erlöschen des Signifikanten in der „absoluten Präsenz als Selbstpräsenz“ (Derrida, Grammatologie, 33) in der Subjektivität findet sich in Novalis’ „Heinrich von Ofterdingen“ (aus: Novalis: Werke. Hrsg. v. Gerhard Schulz. München 1981): In einem Gespräch Heinrichs mit Klingsohr und Mathilde, offenbart Heinricht „seinem Meister“ eine Erfahrung, die er beim Eins-Werden mit der Natur gemacht hat: „Aber sagt mir, lieber Meister, ob ich recht habe: micht dünkt, dass man gerade wenn man am innigsten mit der Natur vertraut ist am wenigsten von ihr sagen könne und möchte.“ (221) Einige Zeilen später wird er von Klingsohr bestätigt: „Es wird ein verworrenes Geschwätz, wenn ein reissender Sturm in der Brust tobt, und die Aufmerksamkeit in eine zitternde Gedankenlosigkeit auflöst.“ (222) Die Präsenz des Sinns macht das Sprechen unmöglich, wenn man dennoch spricht (oder gar schreibt), kann das Gesprochene die Erfahrung niemals adäquat wiedergeben. Die Sprache fehlt je mehr, desto „vertrauter“ der Gegenstand ist.

[58] Ebda., S. 45: „Er [Hegel] hat zweifellos von einer Seite die Totalität der Philosophie des Logos resümiert.“

[59] Ebda., 48.

[60] Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundbegriffe. In: Ders.: Werke. Hrsg. v. Ludwig Boumann. Berlin 1845. 7. Bd., 2. Abt., 341/342/346.

[61] Derrida, Grammatologie, 47.

[62] Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundbegriffe, 343.

[63] Derrida, Jacques: Der Schacht und die Pyramide. In: Ders., Randgänge der Philosophie, 101: „Es handelt sich also um das Privileg des Sprechens gegenüber der Schrift - und der phonetischen Schrift gegenüber jedem anderen System der Einschreibung, im besonderen gegenüber der hieroglyphischen oder ideographischen, aber auch gegenüber der mathematischen Schrift [...].“

[64] Ebda., 94.

[65] Derrida, Grammatologie, 48.

[66] Derrida, Der Schacht und die Pyramide, 96/97.

[67] Derrida, Grammatologie, 48.

[68] Derrida, Signatur Ereignis Kontext, 314.

[69] Saussure, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, 28: „Nicht die Verknüpfung von geschriebenem und gesprochenem Wort ist Gegenstand der Sprachwissenschaft, sondern nur das letztere, das gesprochene Wort allein ist ihr Objekt.“

[70] Ebda., 31: „Wir werden uns bei unserer Untersuchung auf das phonetische System beschränken [...].“

[71] Derrida, Grammatologie, 60.

[72] Ebda..

[73] Saussure, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, 35: „Wenn man sagt, dass man einen Buchstaben auf die und die Weise aussprechen muss, dann nimmt man das Abbild [Schrift] als Vorbild.“

[74] Derrida, Grammatologie, 62. Derrida akzentuiert hierbei Saussures Rede vom „natürlichen Band“, das zwischen Signifikat und lautlichem Signifikant besteht.

[75] Ebda., 16.

[76] Ebda., 70.

[77] Ebda., 80.

[78] Ebda., 66.

[79] Saussure, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, 30: Nur das „Band“ zwischen Signifikat und lautlichem Signifikant ist „natürlich“. Der Wert der Schrift misst sich an dieser gesetzten Natürlichkeit.

[80] Derrida, Grammatologie, 65.

[81] Ebda..

[82] Ebda., 38: „Es muss ein transzendentales Signifikat geben, damit so etwas wie eine absolute und irreduzible Differenz zwischen Signifikat und Signifikant zustande kommt.“ Derrida kommt nun bei Saussure zu dem Schluss, den er schon bei Heidegger gezogen hat: „[...] all das zeigt an, dass der Bewegung des Signifikanten im Grunde nichts entgeht und dass die Differenz zwischen dem Signifikat und dem Signifikanten in letzter Instanz nichts ist.“ (ebda., 42)

[83] Ebda., 75.

[84] Ebda., 42: „[...] die Differenz zwischen dem Signifikat und dem Signifikanten [ist] in letzter Instanz nichts.“

[85] Vgl. Saussure, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, 123: „Die sprachliche Tatsache ist vollständig bestimmt nur, wenn sie  a b g e g r e n z t  ist, losgetrennt von allem, was sie in der gesprochenen Reihe umgibt.“

[86] Es ist also gerade das nicht der Fall, was Eagleton in seiner „Einführung in die Literaturtheorie“ behauptet: Der Poststrukturalismus „trennt den Signifikanten vom Signifikat“ (Eagleton, Einführung in die Literaturtheorie, 111). Derrida zeigt vielmehr auf, dass die traditionelle theoretische Trennung von Signifikat und Signifikant ohne die Opposition von physis/techne nicht zurechtkommen kann. Derrida hebt diese Trennung vielmehr auf, indem er mit der „Ur-Spur“ eine Gesetzlichkeit entdeckt, die der Opposition von physis und techne vorausgeht. Wenn Derrida etwas trennt, dann trennt er das „transzendentale Signifikat“ von den Signifikanten ab, indem er nachzuweisen versucht, wie dieses unter der Wirkung der Signifikanten ‘erlischt’, aber dies ist nicht das Signifikat, von dem Saussure spricht. Derrida, Grammatologie, 42: „[...] die Differenz zwischen dem Signifikat und dem Signifikant [ist] in letzter Instanz nichts [...].“

[87] Derrida, Grammatologie, 92.

[88] Saussure, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, 141.

[89] Vgl. Derrida, Grammatologie, 77-80.

[90] Vgl. Derrida, Signatur Ereignis Kontext, 298/299; wo Derrida den Tod des Empfängers und des Senders in der Schrift beschreibt. Derrida spricht in Anlehnung an Platon auch von einer „Expatriierung“ der Schrift (Grammatologie, 70).

[91] Derrida, Grammatologie, 87: „Spiel wäre der Name für die Abwesenheit des transzendentalen Signifikats als Entgrenzung des Spiels, das heisst als Erschütterung der Onto-Theologie und der Metaphysik der Präsenz.“

[92] Vgl. Derrida, Jacques: Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen. In: Ders.: Die Schrift und die Differenz. 422.

[93] Saussure, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, 141/142.

[94] Derrida, Grammatologie, 113.

[95] Ebda., 112.

[96] Ebda., 113.

[97] Es zeigt sich hier, dass Derrida, wenn er die Linguistik dekonstruiert, viel mehr im Auge hat: Die Dekonstruktion der Linguistik erfordert eine Dekonstruktion der Geschichte der Philosophie.

[98] Derrida, Die différance, 31.

[99] Vgl. ebda., 30 und 31: „Wenn jedoch unter diesem Gesichtspunkt der ausgeprägte Unterschied in der „différ()nce“ zwischen dem e und dem a sich dem Blick und dem Gehör einzieht, legt dies wohl auf treffende Art nahe, dass man sich hier auf eine Ordnung verweisen lassen muss, die nicht mehr der Sinnlichkeit angehört.“

[100] Derrida, Grammatologie, 113.

[101] Derrida nennt in Anlehnung an Lévi-Strauss seine Arbeit mit Texten „Bricolage“, Bastelei. Nur der Ingenieur glaubt noch an einen absoluten Ursprung: Derrida, Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen, 431: „Nennt man Bastelei die Notwendigkeit, seine Begriffe dem Text einer mehr oder weniger kohärenten oder zerfallenen Überliefernung entnehmen zu müssen, dann muss man zugeben, dass jeder Diskurs Bastelei ist.“

[102] Mit dieser Metapher bezeichnet Derrida das unvollkommene Konglomerat von Eigenschaften, mit dem er den Ausdruck différance beschreibt (Derrida, Die différance, 29).

[103] Derrida, Die différance, 38.

[104] Ebda., 37.

[105] Ebda., 33.

[106] Heidegger, Martin: Zur Seinsfrage. Frankfurt a. M. 1956. 30.

[107] Ebda..

[108] Ebda., 34.

[109] Derrida, Die différance, 31/32.

[110] Heidegger, Zur Seinsfrage, 31.

[111] Welsch, Vernunft, 290.

[112] Derrida, Grammatologie, 43.

[113] Ders., Die différance, 38.

[114] Ebda., 37.

[115] Welsch, Vernunft, 288.

[116] Derrida, Die différanxe, 51.

[117] Ebda., 33.

[118] Ebda., 35.

[119] Vgl. Derrida, Ousia und Gramme, 60ff..

[120] Ders., Die différance, 39.

[121] Ebda..

[122] Vgl. Husserl, Edmund: Cartesianische Meditationen. Hrsg. v. Elisabeth Ströker. Hamburg 1987. 56: „Das deutet vor auf eine universale konstitutive Synthesis, in der alle Synthesen in bestimmt geordneter Weise zusammen fungieren und in der also alle wirklichen und möglichen Gegeständlichkeiten als solche für das transzendentale Ego und korrelativ alle ihr wirklichen und möglichen Bewusstseinsweisen umspannt sind.“

[123] Derrida, Die différance, 42.

[124] Ebda..

[125] Welsch, Vernunft, 265.

[126] Angehrn, Emil: Ursprung und Gestalt, 159.

[127] Rorty, Richard: Eine Kultur ohne Zentrum. Vier philosophische Essays und ein Vorwort. Übers. v. Joachim Schulte. Stuttgart 1993. 126.

[128] Vgl. Welsch, Vernunft, 295.

[129] Derrida, Grammatologie, 167.

[130] Derrida, Jacques: Glas 1. und 2.. Paris 1981.

[131] Dieser Begriff von J. C. Catford bezeichnet im Gegensatz zum sprachlichen Kontext den situationellen Kontext.

[132] Derrida, Grammatologie, 130.

[133] Culler, Jonathan: Dekonstruktion. Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheorie. Reinbek 1988. Zitiert nach: Rorty, Eine Kultur ohne Zentrum, 105.