Verasst am Philosophischen Seminar der
Philosophisch-Historischen Fakultät
Universität Basel, 21. Juni 1999
Referentin: Prof. Dr.
Annemarie Pieper
Korreferent: Prof. Dr.
Wolfram Groddeck
Einleitung
Exposé: Von Swedenborg zu Schlosser
1.
Der
Name der Philosophie
Exkurs
I: Die stumme Vernunft
Exkurs
II: Das Symbol
2. Geschichtlichkeit
und Kommunizierbarkeit
3. Der
soziale Konflikt
Exkurs
III: Arbeit, Gabe und Eigentum
4. Rhetorik
und Ironie
5. Ursprung und Ziel
Bibliographie
Doch
lassen wir die Tropen, sie geben oft der ernstlichen Sache, ich weiss nicht welche
komische Wendung.
Johann
Georg Schlosser
Metaphern,
Tropen und figürliche Sprache überhaupt sind ein dauerndes Problem und eine
anerkannte Quelle der Verwirrung für den philosophischen Diskurs und darüber
hinaus für jeden diskursiven Gebrauch der Sprache gewesen.
Alle Philosophie ist in dem Masse, wie sie von ‚uneigentlicher‘
Sprache abhängt, verurteilt, literarisch zu sein, alle Literatur, als
Depositorium genau dieses Problems, in gewissem Umfang philosophisch.
Paul de Man
Pflicht! du erhabener grosser Name ...
Die verschleierte Göttin, vor der wir beiderseits unsere
Knie beugen, ist das moralische Gesetz in uns, in seiner unverletzlichen
Majestät. Wir vernehmen zwar ihre Stimme und verstehen auch gar wohl ihr Gebot,
sind aber beim Anhören in Zweifel, ob sie von dem Menschen, aus der
Machtvollkommenheit seiner eigenen Vernunft selbst, oder ob sie von einem
anderen, dessen Wesen ihm unbekannt ist, und welches zum Menschen durch diese
seine eigene Vernunft spricht, herkomme.
Immanuel Kant
Bei der Zertrümmerung des Ödipuskomplexes muss die
Objektbesetzung der Mutter aufgegeben werden. An ihre Stelle kann zweierlei
treten, entweder eine Identifizierung mit der Mutter oder eine Verstärkung der
Vateridentifizierung. Den letzteren Ausgang pflegen wir als den normaleren
anzusehen ...
Sigmund Freud
Die folgende
Abhandlung möchte Kants Von einem
neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie mit Einbezug von
Texten Johann Georg Schlossers untersuchen. Die Grundfrage lautet: Wie versucht
Kant die Philosophie in Abgrenzung zu anderen Diskursen zu definieren, um den
reinen Namen der Philosophie zu bewahren. Philosophie muss von der Populär-
oder Gefühlsphilosophie, der Rhetorik, der Ästhetik und der Psychologie
abgegrenzt werden. Diese Kontrastdisziplinen finden alle ihren Ausdruck in
Schlossers Diskurs. Das Interessante dieser Grundfrage besteht darin, dass Kant
sich - vermeintlich inkonsequent - ebenfalls populärphilosophischer,
rhetorischer, ästhetischer und psychologischer Elemente bedient, um die Diskursivität
der Philosophie zu retten.
Diese
Ambivalenz soll an verschiedenen Orten herausgearbeitet und innerhalb der Kantischen Philosophie
erklärt werden. Gleichzeitig wird die Ambivalenz auch ausserhalb der Kantischen Philosophie, d. h. innerhalb eines
anderen theoretischen Kontextes, zu deuten versucht. Dieser grössere Kontext
verpflichtet sich einer Tradition, die sich Freuds Entdeckung des Unbewussten
als Ausgangspunkt gewählt hat. Hermann Lang hat die Freud zu verdankende
Voraussetzung formuliert, der sich Denker wie Ricoeur (Hermeneutik),
Lévi-Strauss (Strukturalismus), Foucault (Diskursanalyse), Lacan
(Psychoanalyse) oder Derrida (Dekonstruktion) bedient haben:
„Aber dann, wenn bestimmte Diskurse von bewusst rational
bestimmten Determinanten geprägt scheinen und sie sich längst auf eine Weise
eingespielt haben, dass ein weiteres Fragen nach mitbestimmenden unbewussten Dynamismen
irrelevant dünkt, kann eine nähere Untersuchung zeigen, wie einem
offensichtlich ganz rational bewussten Diskurs bestimmte
Struktureigentümlichkeiten zugrunde liegen, die nicht unabhängig von bestimmten
Emotionen anzusetzen sind.“[1]
Die von Lang
formulierte Voraussetzung bezieht sich auf Freuds Unbewusstes, das, wie Freud
in seinem Aufsatz Das Unbewusste
schreibt, „uns mit Einfällen [...], deren Herkunft wir nicht kennen, und mit
Denkresultaten, deren Ausarbeitung uns verborgen geblieben ist“[2], bekannt
macht. Die „Emotionen“ unterliegen einer bestimmen Ordnung[3], die bei Kant
als eine rhetorische, literarische und ästhetische Ordnung interpretiert wird.
Als was sollen diese „Emotionen“, dieses Andere
des rationalen Diskurses, verstanden werden? Man findet bei Kant nur Spuren
dieses Anderen, die aus den
Bedingungen der Kantischen Philosophie als ihr Anderes erkennbar sind. Die Deutung des Anderen – die Deutung der Spuren über den Kantischen Kontext hinaus
- muss sich auf einen metaphysischen Dualismus einlassen; sie wird daher nur
als eine plausible, heuristische Annahme formuliert, die aus der Thematik von
Kants Aufsatz abgeleitet wird: Das Andere ist Kants ‚Wille zur Macht‘, sein
Selbstbehauptungsdrang, sein Bemächtigungstrieb[4], sein
Durchsetzungswille oder sein Wunsch. Die Spuren dieses Anderen, die rhetorischen, literarischen und ästhetischen Elemente,
werden als Strategien[5] dieses
Wunsches oder Bemächtigungstriebes verstanden. Die Spuren tauchen auf, wenn
Kant die Gefahr droht, samt seiner Philosophie als Philosoph zu verschwinden.
Es ist Kants Anliegen, seinen Philosophiebegriff allgemeinverbindlich im
Diskurs der Philosophie durchzusetzen.
Die
Untersuchung umfasst sechs thematische Blöcke:
a) Kant eröffnet
seine Streitschrift mit einem Satz, der sprachphilosophische und
sprachgeschichtliche Thesen enthält. Statt die „Sprachlosigkeit der
Transzendentalphilosophie“[6]
zu untersuchen und zu bedauern, sollen Kants sprachphilosophischen Fragmente
ausgeschöpft werden. Der Eingangssatz von Kants Aufsatz wird insofern
überinterpretiert, als Kant der Sprachphilosophie weniger Bedeutung zumisst,
als es hier getan wird. Kants Aufsatz wird unter der Autorität seiner eigenen
‚Sprachphilosophie‘ gelesen. Das betrifft vor allem die Frage nach der
ursprünglichen Bedeutung des Namens der Philosophie. Diese Frage impliziert in
dem hier vorgeschlagenen Kontext die Frage nach Kants sprachlicher Strategie,
den sprachlichen wie auch essentiellen Ursprung der Philosophie in den Blick zu
bekommen.
b) Die Autonomie
der Philosophie kann sich dadurch bestätigen, dass sie sich von anderen
Disziplinen abgrenzt. Kants Aufsatz ist ein solcher Abgrenzungsversuch, der auf
zwei Ebenen erfolgt: Einerseits teilt Kant die philosophische Tradition in eine
philosophische und in eine offenbarende, un-philosophische Richtung auf. Diese
Teilung nimmt Kant an den klassischen Autoren Platon, Pythagoras und
Aristoteles vor. Andererseits grenzt Kant die Philosophie gegen Schlossers
Diskurs ab.
c) Wie Derrida
gezeigt hat, ist die Apokalypse eines der wichtigen Themen von Kants Aufsatz, auch
wenn in ihm der Ausdruck der Apokalypse nicht erscheint. Derrida erklärt dies
dadurch, dass der apokalyptische Textkorpus „als solcher erst im 19.
Jahrhundert gesammelt, identifiziert und untersucht worden“[7]
ist.
d) Kants
Abgrenzungen zur ‚Gefühlsphilosophie‘ können in Widerspruch zu Kants eigenen
sprachphilosophischen Theoremen stehen, besonders dann, wenn eine linguistische
Gesetzmäs-sigkeit klare und dauerhafte Abgrenzungen zu verunmöglichen scheint.
Sie erscheinen des weiteren widersprüchlich, wenn Kant als Philosoph auftritt
und die Abgrenzungen aus strategischen Gründen selber wieder verwirft. Kant
arbeitet zum Beispiel mit dem Begriff der Pflicht, den er in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
„aus dem gemeinen Gebrauch“ (GMdS BA 25) und nicht aus philosophischen Quellen
schöpft. Die Pflicht ist ein populärphilosophischer Ausdruck, den Kant im Übergang von der gemeinen sittlichen
Vernunfterkenntnis zur Philosophischen einführt und erst anschliessend in
eine philosophische Terminologie übersetzt. Ebenso scheut sich Kant nicht, die
Analogie als rhetorisches Mittel zu verwenden. Zu denken ist dabei an die
Metapher der Kastration. Kants Diskursivität steht eine andere Logik entgegen,
die hier Logik der Verführung genannt
wird. Es soll gezeigt werden, dass Kants Text auf zwei ganz verschiedenen
Ebenen seine Wirkungen entfaltet.
e) Rüdiger Bubner
spricht in Bezug auf den Streit zwischen Kant und Schlosser von einer „wechselseitigen Verkennung“[8].
Einerseits kennt Schlosser Kants Transzendentalphilosophie kaum und ist nicht
bereit, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Andererseits scheint Kant Schlosser
insofern zu überhöhen, als er ihn zu einem Vertreter einer mystischen Tradition
erhebt. Nun war Schlosser aber keineswegs ein „philosophischer Kopf“, der sich mit
irgendeinem Thema philosophisch gründlich auseinandergesetzt hätte, sondern ein
„biederer badischer Beamte“[9].
Dennoch darf seine Kritik an Kant nicht auf die leichte Schulter genommen
werden, wie dies Bubner tut.
f)
Schlossers Diskurs ist in Kants Aufsatz das Paradigma für
die aktuellen Gefahren, die der Philosophie drohen. Was hat Schlosser Kant
entgegenzuhalten, wenn er ihm auf die Ebene der Diskursivität nicht folgt?
Relevant werden hier besonders Schlossers Fussnote in Plato’s Briefe nebst einer historischen Einleitung
und Anmerkungen und die beiden Schreiben
an einen jungen Mann, der die kritische Philosophie studieren wollte.
Gegen Ende Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton
in der Philosophie schlägt Kant Schlosser einen Vertrag vor. In diesem
Vertrag steht die Deutung der inneren Stimme auf dem Spiel, die Schlosser als
Isis versteht und die Kant als das moralische Gesetz verstanden haben will. An
dieser Stelle zeigt sich die Differenz von Kants und Schlossers Diskurs am
deutlichsten. Wie werden die beiden Interpretationen legitimiert? Wie kommt
diese Differenz zu stande? Welche Rolle spielt dabei die Geschlechterdifferenz?
Die hier
vorgeschlagene Lektüre möchte sich an Kants Text
halten und nicht an dessen Intention.
Kants Wunsch ist nicht der Wunsch dieser Lektüre. Die hier präsentierte
Interpretation ist daher keine historische Rekonstruktion. Kants Anliegen,
seine in die Texte gesetzten Zentren sollen nicht ignoriert werden, aber auch
nicht als Zentren gelesen werden. Ich möchte mich in meiner Lektüre mit dem
Nebensächlichen konfrontieren, und dieses Nebensächliche wiederum auf die
Zentren des Kantischen Texts rückbeziehen. Das führt zu anderen Effekten und
hoffentlich zu einer interessanten Lektüre. Man kann dieses Verfahren mit
Heidegger eine Destruktion[10]
oder mit Derrida eine Dekonstruktion[11]
nennen.
Die
Sekundärliteratur hat Kants Aufsatz Von
einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie weitgehend
ignoriert. Einzig in biographischen Gesamtdarstellungen wird er der Vollständigkeit
halber aufgeführt und kurz besprochen. Dies hat damit zu tun, dass dieser
Streitschrift keine systematische Bedeutung für Kants Philosophieren
beigemessen wird. Man kann aber behaupten, dass dieser Aufsatz die späte
Wieder- und Rückkehr des Themas darstellt, das ein wesentlicher Motor für Kants
philosophisches Projekt war. Nicht nur Humes Empirismus oder Leibniz‘ oder
Wolffs Metaphysik waren Ausgangspunkte für Kants Philosophieren, sondern – wie
Böhme schreibt - das Thema der Schwärmerei: „Aufklärer wie Locke, Shaftesbury,
Kant fühlen sich geradezu persönlich bedroht – zumindest herausgefordert und
irritiert durch das Auftreten von Sehern, Mystikern und Wundermännern.“[12]
Das wichtigste
Vorurteil, das bereits Schiller geäussert hat, besteht darin, Kant gäbe
Schlosser bloss Nachhilfeunterricht in Kritischer Philosophie und wiederhole
nur, was er bereits an anderer Stelle ausgeführt habe: „Kants kleines Traktat
habe ich auch gelesen und, obgleich der Inhalt nichts eigentlich Neues liefert,
mich über seine trefflichen Einfälle gefreut.“[13]
Erst Derrida hat mit seinem Aufsatz Von
einem neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Philosophie eine
Antwort auf dieses Vorurteil gefunden, indem er die Metapher der „Entmannung“
und die „Göttin Isis“ – Kant verwendet den Ausdruck des Entmannens in seinem
gesamten Werk nur zwei Mal und den der
Isis insgesamt nur vier Mal[14]
- analysiert hat. Ältere Besprechungen des Aufsatzes behandeln vor allem - oft
mit einer ironischen Spitze gegen Schlosser - den Streit zwischen Schlosser und
Kant, können aber Kants Text nichts eigenes abgewinnen, weil sie entweder zu
stark auf historiographische Momente fixiert sind oder zu eindeutig für einen
der Streitenden Partei ergreifen[15].
Kreienbrinks Versuch, Schlosser gerechter zu behandeln, beschränkt sich darauf,
Schlosser zum Romantiker avant la lettre
zu stilisieren, ohne auf spezifische Merkmale von Schlossers und Kants Text
einzugehen. Bubner schliesslich hat auf das Problem der Verkennung aufmerksam
gemacht, allerdings kann er diesem Phänomen nichts Interessantes abgewinnen.
Für ihn ist es vielmehr Anlass, Kants Aufsatz nicht ernst zu nehmen: Kant und
Schlosser haben sich nicht verstanden[16].
Derrida
verfolgt in seinem Aufsatz Von einem
neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Philosophie das Ziel, über
das Apokalyptische zu sprechen[17],
und bedient sich dabei Kants Aufsatz. Er unterwirft Kant diesem Ziel und
verwandelt damit dessen Text in eine konkrete Gattung (genre), um sie „dann zu
parodieren, zu verschieben, zu deformieren“[18].
Da Derrida Kants Aufsatz bloss als Anlass nimmt, um über Diskurse vom Ende zu
sprechen, legt er keine umfassende Analyse vor, sondern beschränkt sich darauf,
einige für ihn signifikante Themen herauszugreifen. Einige dieser Themen sollen
auch dieser Arbeit die Richtung weisen:
1.)
Derrida hat als erster erkannt, dass das Funktionieren von
Sprache in Kants Aufsatz eine entscheidende Rolle spielt. Der vornehme Ton wird
nur dank einer Störung im „Verhältnis zwischen dem Zeichen und der Sache“[19]
möglich. Kants Grenzziehungen um den Namen der Philosophie müssen darauf
abzielen, diese Störung zu beheben.
2.)
Die Auseinandersetzung zwischen Kant und Schlosser
kulminiert in der Frage nach der Interpretation der Stimme: „Es handelt sich um
die Unterscheidung zwischen der Stimme der Vernunft und der Stimme des Orakels
[...]“[20].
Von der Stimme sprechen sowohl Kant als auch Schlosser, und für beide hängt
alles von der Existenz und Interpretation dieser Stimme ab. Für Kant ist sie
die „Idee der Pflicht“ (vT A 417), das „moralische Gesetz“ (vT A 419), an der
die ganze Möglichkeit seiner Ethik hängt; für Schlosser ist sie die „verschleierte
Göttin“ (vT A 423) Isis, die seinen
Mystizismus trägt.
3.)
Derrida hat darauf aufmerksam gemacht, dass Kants beiläufige
Rede von Isis und der Entmannung auf Probleme der Geschlechterdifferenz
verweist. Er kommt zum Schluss, dass der von Kant vorgeschlagene Vertrag (vT A
422) auf Kosten der Weiblichkeit möglich wird[21].
Derridas
Thesen müssen auf desen Fundamentalthese bezogen werden, nach der „jeder von
uns [...] Mystagoge und Aufklärer eines anderen“[22] ist. Diese
Arbeit bezieht sich auf diese Fundamentalthese, die im Ausgang der Dialektik der Aufklärung auch das Andere
der Aufklärung zu integrieren versucht: „Solche Gestalten des Denkens können sich
bemühen, einerseits dem Ideal der Aufklärung, der Lumières, des Illuminismo die
Treue zu halten, und auf der anderen Seite seine Begrenztheit zu reflektieren,
um auf solche Weise an der Aufklärung unserer Zeit zu arbeiten.“[23] Derridas
Fundamentalthese wird sich bei Kant als Ambivalenz von Vernunft und Sprache zu
erkennen geben. Der Sprache mehr Gewicht zu verleihen als der Vernunft kommt
für Kant bezüglich der Idee der Aufklärung einer konservativen Haltung gleich.
Doch bekanntlich erhält das Vergangene oder Veraltete in einer Konstellation
der Gegenwart wieder den Anstrich des Modernen[24]. Diese
Operation, die Sprache auf Vernunft selbst rückbezieht, führt zu der
Konstellation, mit der das in der Aufklärung zu Überwindende seine Aktualität
wieder erhält. Die Aufklärung und ihr Anderes wird allerdings nicht in einem
Theorierahmen gefasst, der die Ambivalenz der Aufklärung bereits überwunden
hat, wie dies Derrida post-metaphysisch mit dem Ausdruck der différance[25] versucht. Hier
soll auf Übergänge zwischen dem Diskurs der Vernunft und dem Diskurs der
Sprache aufmerksam gemacht werden, die dann entstehen, wenn man die Sprache für
wichtiger erachtet als dies Kant tut. Das Gespenst, das aus der Verdrängung der
Sprache resultiert, soll rationalisiert werden.
Exposé: Von
Swedenborg zu Schlosser
Kants
Philosophie ringt immer wieder um die Reinheit ihrer Prinzipien. Entlang dieser
Absicherung und Verteidigung von Reinheit eröffnen sich Abgründe, welche die Reinheit
zu verunreinigen drohen.
Eine dieser
Gefahren ist die Schwärmerei, die teils als „süsse“, teils als „angstvolle
Schwärmerei“ (RGV A 81) ins philosophische System einzudringen droht. Kant wird
nicht müde, die Warnung auszusprechen, nicht der Schwärmerei zu verfallen[26].
Doch zum eigentlichen Thema wird das Problem der Schwärmerei in Kants kritischer Periode nicht
erhoben. Wenn Kant vom Problem der Schwärmerei spricht, dann nur in in seinem
Werk weit verstreuten Passagen, die mühsam zusammengesucht werden müssen.
Der
Streitschrift Von einem neuerdings
erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie kommt in diesem Zusammenhang ein
besonderer Stellenwert zu, weil sie das Problem der Schwärmerei unter
verschiedenen Namen zum Thema erhebt. Das Thema der Schwärmerei wird in diesem
Text von Kant im Interesse untersucht, den Namen der Philosophie eindeutig zu
bestimmen und dadurch vor Missbrauch zu bewahren.
Nur für kurze
Zeit in der Übergangsphase von den Frühschriften zur Transzendentalphilosophie
hat Kant sich mit der Schwärmerei ausgiebig auseinandergesetzt. In den für Kant
wahrscheinlich philosophisch entscheidenden Jahren 1764-66 befasst er sich im Versuch
über Krankheiten des Kopfes (1764) und in den Träumen eines Geistersehers (1766) mit dem Thema der Schwärmerei.
In derselben Zeit ist der Entwurf zu seinem Projekt der
Transzendentalphilosophie entstanden, von dem in den Träumen eines Geistersehers Spuren nachgewiesen werden konnten[27].
Die Transzendentalphilosophie – so die These von Böhme - beginnt mit der
Schwärmerei[28].
Mit den Träumen eines Geistersehers wagt sich
Kant 1766 ins „Paradies der Phantasten“ (TeG A 3). In diesem „Schattenreich“
macht sich Kant daran, „der Wahrheit einiger Erzählungen von der erwähnten Art
nachzuspüren.“ (TeG A 6) Das Ergebnis dieser erkenntniskritischen Prüfung ist
ernüchternd: „Er [der Verfasser (Kant)] fand - - - wie gemeiniglich, wo man
nichts zu suchen hat - - - er fand nichts.“ (TeG A 6)
Als besonderen
Grund für die Veröffentlichung dieser Abhandlung gibt Kant im Vorbericht „das ungestüme Anhalten
bekannter und unbekannter Freunde“ (TeG A 6) an. Für besonders wichtig hat er
seinen Beitrag für die Philosophie nicht gehalten, wenn man an die Einleitung
der Kritik der reinen Vernunft denkt,
in der sich Kant als Kopernikus der Philosophie vorstellt (KrV B XVI). Er
bezeichnet seinen Text als „eine so gleichgültige Aufgabe [...], die mehr ein
Spielwerk als eine ernstliche Beschäftigung genannt zu werden verdient [...]“.
(TeG A 74/75) So stellt er seinen potentiellen Lesern in erster Linie den
Unterhaltungswert der Träume eines
Geistersehers in Aussicht:
„Daraus entstand nun
die gegenwärtige Abhandlung, welche, wie man sich schmeichelt, den Leser nach
Beschaffenheit der Sache völlig befriedigen soll, indem er das Vornehmste nicht
verstehen, das andere nicht glauben, das übrige aber belachen wird.“ (TeG A 6)
Doch trotz der
vermeintlich geringen Bedeutung dieses Textes für die Philosophie ist Kants
Einschätzung seiner eigenen Arbeitsleistung alles andere als bescheiden:
„Nunmehro lege ich die ganze Materie von Geistern, ein weitläufig Stück der Metaphysik, als abgemacht und vollendet
bei Seite. Sie geht mich künftig nichts mehr an.“ (TeG A 81, Hervorhebung von
mir, R. M.) Damit scheint das Thema der Schwärmerei für immer erledigt zu sein.
Erledigt ist es für Kant, weil er einen systematischen Zusammenhang zwischen
der Schwärmerei eines Swedenborgs und den Problemen der Metaphysik entdeckt
hat: Die Schwärmerei ist „ein weitläufig Stück der Metaphysik“. Die Kritik an
der traditionellen Metaphysik enthält auch die Kritik an der Schwärmerei. Diese
Erkenntnis gilt es zu entfalten. Kant wird sie Transzendentalphilosophie nennen.
Er kann den Ausdruck „Schwärmerei“ hinter sich zurücklassen, weil er das Problem
neu in der menschlichen Vernunft lokalisiert. Der Kampf gegen die Schwärmerei
wird durch das Projekt der Transzendentalphilosophie ersetzt:
„In so fern ist die
Metaphysik eine Wissenschaft von den Grenzen der menschlichen Vernunft, und da
ein kleines Land jederzeit viel Grenze hat, überhaupt auch mehr daran liegt,
seine Besitzungen wohl zu kennen und zu behaupten, als blindlings auf
Eroberungen auszugehen, so ist dieser Nutze der erwähnten Wissenschaft der
unbekannteste und zugleich wichtigste, wie er denn auch nur ziemlich spät und nach
langer Erfahrung erreicht wird.“ (TeG A 115/116)
Obwohl Kants
Urteil über Geister und ähnliche Erscheinungen am Ende klar feststeht,
hinterlassen die Träume eines
Geistersehers dem Leser eine Zweideutigkeit, die Zweideutigkeit, die mich
in dieser Abhandlung beschäftigen wird. Auch wenn Kant dem Geistersehen keine
produktiven Resultate beimisst, spricht er ihm dennoch einen minimen
Wahrheitsgehalt nicht ab: Nachdem er von der Geisterwelt – deren Wirklichkeit
er mindestens hypothetisch anerkennt - als einer Welt, zu der der Mensch keinen
Zugang hat, gesprochen hat, gibt er zu, dass es einen sehr kleinen Übergang von
der Geisterwelt zur Menschenwelt gäbe:
„Diese
Ungleichartigkeit der geistigen Vorstellungen und derer, die zum leiblichen
Leben des Menschen gehören, darf indessen nicht als ein so grosses Hindernis
angesehen werden, dass sie alle Möglichkeit aufhebe, sich bisweilen der
Einflüsse von Seiten der Geisterwelt so gar in diesem Leben bewusst zu werden.“
(TeG A 50)
Das grosse
Problem besteht allerdings darin, dass dieser Funken Wahrheit „von den groben
Blendwerken“ (TeG A 54), den Produkten der produktiven Einbildungskraft, nicht
unterschieden werden kann, so dass diese Wahrheit, auch wenn sie vorhanden ist,
nicht eruierbar ist. Der distinkte Code[29], der die
Produkte der Einbildungskraft und die Erkenntnisse aus dem Geisterreich trennen
würde, kann nicht ausfindig gemacht werde. Allerdings – und darin liegt die
Zweideutigkeit – scheint die Regel doch in bestimmten Bereichen erkenn- und
verwendbar zu sein, denn in demselben Kontext verweist Kant auf die Dichter,
die „Tugenden, Laster oder andere Eigenschaften der Natur“ personifizieren,
„so, dass die wahre Idee des Verstandes hindurchscheinet [...]“ (TeG A 51)[30]. Sie benutzen
die „Analogie“ (TeG A 52), die auf etwas Wahres verweist.
Der Analogie könnte die systematische
Funktion zufallen, zwischen empirischen und intelligiblen und sogar
übersinnlichen Bereichen zu vermitteln. Obwohl Kant zugibt, dass es „seltsame
Personen“ (TeG A 53) gibt, die Zugang zur Geisterwelt haben, zieht er den
pragmatischen und ökonomischen Schluss, man solle auf Erkenntnisse aus der
Geisterwelt verzichten, weil „die anschauenden Kenntnisse der andern Welt
allhier nur erlangt werden, indem man etwas von demjenigen Verstande einbüsst,
welchen man vor die gegenwärtige nötig hat.“ (TeG A 57) Kant weiss nicht, was
er mit der Analogie anfangen soll: Weder kann er sie gutheissen, noch ist er
bereit, ganz auf sie zu verzichten. Er verwirft die Analogie nicht aus
erkenntnistheoretischen, sondern aus pragmatisch-ökonomischen Gründen.
Kant hat sich
tatsächlich lange an seinen Vorsatz gehalten, die übersinnliche Schwärmerei
nicht mehr zu thematisieren, wenn man davon absieht, dass die Transzendentalphilosophie
nur die Kehrseite der Beschäftigung mit der Schwärmerei ist. Erst um 1788, als
Kant mitten in seinem Projekt der Transzendentalphilosophie steht, wird die
Thematik wieder aktuell, und zwar, würde man den Biographen und der biographischen
Methode trauen, aus gesellschaftlichen und politischen Gründen und nicht aus
Kants eigenem Interesse[31].
Betrachtet man das Thema der Schwärmerei, so werden seine Urteile im Anschluss
an die Kritik der reinen Vernunft
strenger. Es gibt für Kant radikal keine Erkenntnis des Übersinnlichen mehr. Er
weist der Freiheit, der Unsterblichkeit der Seele und Gott nur noch den Status
des Denkbaren, nicht mehr aber denjenigen des Erkennbaren oder Erfahrbaren zu.
Die übersinnlichen Elemente bekommen den Status von transzendentalen Ideen (KrV
B 378), von Postulaten (KpV A 238ff.), von heuristischen Prinzipien (KrV B
672ff.).
Der
Justizminister Preussens, Johann Friedrich Wöllner, erlässt im Zug einer um
sich greifenden geistigen Reaktion am 9. Juli 1788 das Religionsedikt, das die Untergrabung der Heiligen Schrift unterbinden
soll. Auch wenn das 18. Jahrhundert in literarischen und philosophischen
Einteilungen mit dem Etikett der Aufklärung versehen wird, darf nicht übersehen
werden, dass es weit verbreitete anti-aufklärerische Tendenzen gab: „Das 18.
Jahrhundert [war] erfüllt von Phantasten, Geistersehern, Wundermännern,
Heiligen, Mystikern und Narren und wahren Bewegungen von Schwärmern,
Fanatikern, Heilssuchenden, die ihnen folgen.“[32]
Kurz darauf, am 19. Dezember 1788, wird das
Zensuredikt publiziert, das sich gegen die Aufklärer richtet[33].
Kant scheint für sich keine Gefahr zu sehen. Auch will er auf die
„überhandnehmende Schwärmerei“[34]
– eine von vielen Aufklärern geteilte Zeitdiagnose - im Brief an Ludwig Ernst
Borowski im März 1790 nicht ausführlich eingehen:
„Wider diesen Unfug ist nun nichts weiter zu tun als den
animalischen Magnetiseur magnetisieren und desorganisieren zu lassen, so lange
es ihm und andern Leichtgläubigen gefällt [...] Weitläufige Widerlegungen ist
hier wider die Würde der Vernunft und richtet auch nichts aus, verachtendes
Stillschweigen ist einer solchen Art von Wahnsinn besser angemessen, wie denn
auch dergleichen Eräugnisse in der moralischen Welt nur eine kurze Zeit dauern,
um andern Torheiten Platz zu machen.“[35]
Kant hält das
Thema der Schwärmerei noch immer für erledigt und tut so, als sei es
philosophisch uninteressant. Auch als ihn 1794 die Zensur persönlich trifft,
fügt er sich mehr oder weniger dem Beschluss, in Zukunft zu Religionsfragen
keine Stellung mehr zu beziehen[36].
Es scheint,
als ob sich Kant erst, als er die Existenz der Philosophie in Gefahr sieht,
wieder mit dem Thema der Schwärmerei zu befassen beginnt. Bereits in den Träumen eines Geistersehers war ihm der Stolz des Philosophen ein wichtiges
Anliegen. Im Vorwort hat er seine
philosophische Leserschaft gefragt: „Welcher Philosoph hat nicht einmal
zwischen den Beteuerungen eines vernünftigen und festüberredeten Augenzeugen
und der inneren Gegenwehr eines unüberwindlichen Zweifels, die einfältigste
Figur gemacht, die man sich vorstellen kann?“ (TeG A 4) Neben aller philosophischen
Argumentation und den Belustigungen, die er sich verspricht, haben die Träume eines Geistersehers die
sozialkritische Absicht, jene Strategie zu kritisieren, der das professionelle Philosophieren
gänzlich zum Opfer fallen könnte. Es kritisiert die Strategie der Phantasten,
die Philosophen in Gespräche mit unüberprüfbaren Sätzen zu verstricken, um sie
durch die Enthüllung ihrer vermeintlichen Unwissenheit lächerlich zu machen.
Mit dieser Strategie gelingt es den Phantasten, die Unterscheidung von Laien
und Philosophen so zu verwischen, dass sich am Ende jeder, der möchte, Philosoph
nennen kann[37].
Eben dasselbe
Anliegen, die Philosophie vor Missbräuchen seitens der Schwärmer zu bewahren,
leitet die 1796 in der Berlinischen
Monatsschrift erschienene Streitschrift Von
einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie. Reaktionäre
Umwälzungen in Gesellschaft und Politik haben nicht nur zur Einschränkung der
Pressefreiheit und zur Verbreitung von Fanatismus und Religionsschwärmerei geführt,
was Kant widerwillig duldet, sondern zur existentiellen Bedrohung der Philosophie
und des Philosophen:
„Er [Kant] stellt jene vor Gericht, die durch den Ton, den
sie anschlagen, und den Ausdruck, den sie beim Sagen gewisser Dinge annehmen,
die Philosophie in Lebensgefahr bringen und der Philosophie und den Philosophen
das Bevorstehen ihres Endes verkünden.“[38]
Dies ist
mindestens die Situationsdiagnose Kants. Obwohl schon systematische Zusammenhänge
zwischen dem Thema der Schwärmerei und der Kritischen
Philosophie herausgearbeitet wurden, tut Kant so, als würde er nur auf
äussere Gefahren reagieren. Tatsächlich ist die Schwärmerei schon immer die Bedrohung der Philosophie. Nur die
grosse öffentliche Resonanz und Akzeptanz der Transzendentalphilosophie und
eine clevere Verschiebungs- und Verdrängungsstrategie Kants kann sie in den
Hintergrund drängen. Während es in den Träumen
eines Geistersehers Kants Hauptanliegen war, seinen Gegner Swedenborg so weit
wie damals möglich zu widerlegen und schliesslich zu pathalogisieren (TeG A
61ff.), geht Kant in Von einem neuerdings
erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie nach der Niederschrift der drei Kritiken daran, die Diskursgrenzen von
Philosophie und Schwärmerei genau zu bestimmen. Kant möchte den Schwärmer dazu
bringen, gewisse erkenntnistheoretische Grenzen, die von der Philosophie
gesetzt werden, nicht mehr zu überschreiten und damit die Autorität der
Philosophie zu akzeptieren. Das Philosophieren muss innerhalb bestimmter
Grenzen stattfinden, und nur diejenigen, die diese Grenze einhalten, dürfen
sich Philosophen nennen.
Unmittelbarer Anlass
für Kants Streitschrift Von einem
neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie ist eine Fussnote in
Johann Georg Schlossers Übersetzung der Briefe Platons[39].
Im Anschluss an eine Stelle in Platons 7. Brief lässt Schlosser eine
Erläuterung folgen, in der er Kants Kritische
Philosophie angreift[40].
Obwohl Kant in seiner Streitschrift 16 Mal den Namen Platon, 4 Mal den Namen Pythagoras
und 3 Mal den Namen Aristoteles nennt, bleibt der eigentliche Adressat der
Streitschrift, Johann Georg Schlosser, ungenannt. Auch wenn Kant mehrmals aus
Schlossers (und Stolbergs) Schriften zitiert, nennt er ihre Namen nicht[41].
Dies hat damit zu tun, dass Kants Gegenoffensive weniger gegen eine bestimmte
Person, als gegen eine geistige Strömung, gegen einen allgemeinen „vornehmen
Ton“ (vT A 387) gerichtet ist. Die Streitschrift wendet sich gegen das Phänomen
der Schwärmerei, unter der Kant eine ganze Reihe von Erscheinungen
zusammenfasst. Es hat aber auch damit zu tun, dass die Namen Platon oder
Aristoteles besser klingen als die Namen Schlosser und Stolberg.
Kant stand in Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton
in der Philosophie nicht vor einem einzigen Gegner, sondern vor einer
ganzen Gegnerschar: Es sind die philosophi
per ignem, die philosophi per
initiationem, die Asketen, die Alchemisten (vT A 387) die philosophi per inspirationem (vT A 388),
die Philosophen der Anschauung (vT A
390), die Mystiker (vT A 407), die
alten und neuen Platons (vT A
407/408), die Mystagogen, die Klubbisten (vT A 409), die Gefühlsphilosophen (vT A 410) und die Philosophen der Vision (vT A 420).
Es kam nach Kants
streckenweise in einem polemischen Ton gehaltenen Aufsatz doch noch zu einem persönlichen
Streit mit Schlosser. Dieser war nämlich seinerseits mit dem Schreiben an einen jungen Mann, der die
kritische Philosophie studieren wollte (1797)[42]
wiederum in die Offensive gegangen. Kant reagiert im zweiten Teil der Verkündigung des nahen Abschlusses eines
Traktats zum ewigen Frieden in der Philosophie persönlich auf Schlossers zweiten Angriff, als dieser mit seinem Zweiten Schreiben[43]
ein drittes Mal den Versuch startet, Kants Philosophie aus den Fugen zu heben,
geht Kant nicht mehr auf ihn ein.
Die kleine
Debatte zwischen Schlosser und Kant erregte wegen ihres zum Teil irrationalen
und bissigen Charakters in der literarischen Öffentlichkeit grosses Aufsehen.
Friedrich Schlegel widmet den beiden Schreiben
Schlossers bissige Rezensionen, in denen er mit Schimpfworten nicht spart[44].
Auch Goethe, mit dessen Schwester Schlosser verheiratet war, und Schiller
schlagen sich sofort auf Kants Seite[45].
Vor allem die Nachdopplung Schlossers mit dem Zweiten Schreiben an einen jungen Mann, der die kritische Philosophie
studieren wollte war von der grossen Mehrheit der Zeitgenossen nur als
peinlich empfunden worden
Allerdings
darf Schlossers Bedeutung nicht unterschätzt werden. Als hoher Staatsbeamter
und Verfasser von über 100 Schriften war er durchaus eine angesehene und
einflussreiche Persönlichkeit. In den damaligen Zeitschriften wurden seinen
Beiträgen grossen Wert beigemessen[46].
Es war ein Streit zwischen zwei bekannten öffentlichen Personen, in dem auch Kant
etwas zu verlieren hatte. In der öffentlichen Diskussion muss sich Philosophie
bewähren, um nicht zu verschwinden.
1. Der Name der
Philosophie
Es besteht ein
Unterschied, ob ich über Anton oder über den Namen Anton nachdenke. Es besteht
ein Unterschied, ob ich über Blumen oder über Blumennamen spreche. Ich verwende
in beiden Fällen Zeichen, nur spreche ich im ersten Fall über eine Sache und im
zweiten über die Bezeichnung einer Sache. Bei der Verwendung von Zeichen, bin
ich mir gewöhnlich nicht bewusst, dass ich Zeichen benutze. Im Strassenverkehr
vor einer roten Ampel stehend, denke ich normalerweise nicht, dass die rote
Farbe für etwas anderes steht und dass dieses Andere, obwohl es nicht präsent
ist, in diesem Kontext mit dem Befehl ‚Halt!‘ gefüllt ist. Gewöhnlich halte ich
einfach vor einer roten Ampel an.
In den
sprachphilosophischen, linguistischen oder semiotischen Zustand trete ich erst,
wenn es eine Störung gibt, wenn die Selbstverständlichkeit aufhört, wenn eine
Unsicherheit auftritt. Diese Störung bringt eine reflexive Distanz ins Spiel,
eine Differenz, die die Sache von dem trennt, was ich von ihr denke, sage oder
behaupte.
Es wäre
übertrieben zu sagen, dass Kants Aufsatz
Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie intentional
von dieser Differenz lebt, aber sie ist die Spannung, die den Text beherrscht. Kant eröffnet seinen
Text nicht mit der Philosophie, sondern mit ihrem Namen: „Der Namen der
Philosophie [...]“ (vT A 387). Es ist offenbar nicht unproblematisch, von der
Philosophie zu sprechen. Kant kann nicht unmittelbar von ihr sprechen, er muss
eine Haltung der reflexiven Distanz einnehmen, von Anfang an.
Derrida hat
behauptet, „Geheimnis“ sei das am häufigsten auftretende Wort in Kants Aufsatz[47],
dem ist nicht so, der Ausdruck „Philosophie“ wird auf den rund 20 Seiten 61 Mal
genannt. Statistiken können nur wenig über die Wichtigkeit eines Wortes aussagen.
Die Wiederholung eines Ausdrucks ist nicht die Wiederholung seiner Bedeutung.
Kant verwendet nämlich den Ausdruck „Philosophie“ in seinem Text meistens ohne
die Vorsichtsklausel ‚der Name der ...‘, meistens spricht er selbstbewusst von
der Philosophie, und es ist für ihn klar, was darunter zu verstehen ist.
Nur zwei Mal
spricht er vom „Namen der Philosophie“ (vT A 387 u. 422). Überhaupt lässt er
sich von der Unsicherheit, die die Distanznahme impliziert, nicht affizieren.
Im ersten Fall spricht Kant davon, wie der Name der Philosophie in der
Gesellschaft verwendet wird. Er wird neben seiner ‚eigentlichen‘ Verwendungsweise
für die „Enthüllung eines Geheimnisses“ (vT A 387) verwendet. Er wird
inflationär[48]
gebraucht. Kant präsentiert gleich zu Beginn eine ganze Liste missbräuchlicher
Verwendungsweisen des Ausdrucks Philosophie (vT A 387/388). Kant selbst hat
keinen Zweifel darüber, was Philosophie bedeutet. Im zweiten Fall geht es nicht
darum, wie Kant, sondern wie die Mystagogen den Namen der Philosophie
verwenden: Kant betont, dass seine Philosophie keine „plan- oder fabrikmässige
[...] Formgebung“ sei, dass aber der „Ehrenmann, der für die Vision des
Übersinnlichen ein Orakel eröffnet“, seiner „mechanischen Behandlung der Köpfe“
„den Namen der Philosophie nur ehrenhalber beigegeben“ (vT A 422) habe.
Kant spricht
nur dann vom Namen der Philosophie, wenn andere
missbräuchlich mit dem Wort Philosophie umgehen. Die Differenz besteht zwischen
zwei verschiedenen Codes, die Kant je nach Kontext mit dem Ausdruck
‚Philosophie‘ verbindet.
Der Titel – Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton
in der Philosophie - zeigt diese Differenz am deutlichsten. Er ist
widersprüchlich, wie er auch gelesen wird. Im Titel trägt der Ausdruck
‚Philosophie‘ beide Bedeutungen: Wenn man ihn in seiner inflationären Bedeutung
liest, verwendet ihn Kant so, wie er ihn nicht verwendet haben will. Versteht
man ihn in seiner engen, von Kant autorisierten Bedeutung, so ist die Vorsilbe
„in“ falsch gesetzt: innerhalb der
echten Philosophie darf es keinen „vornehmen Ton“ geben. Mindestens der Titel
verrät eine Unsicherheit oder Unachtsamkeit Kants im Umgang mit dem Namen der
Philosophie.
Obwohl Kant
sich auf einen eng gefassten Begriff von Philosophie bezieht, scheut er sich
nicht, das Philosophie zu nennen, was in der Tradition für Philosophie gehalten
wird. Ein Denken, das „eine intellektuelle Anschauung“ (vT A 388) zulässt,
nennt er Philosophie. Er nennt sowohl Platons Ideenlehre als auch Pythagoras‘
Zahlenmystik Philosophie, obwohl er beide verwirft. Er spricht von der
„Philosophie aus Gefühlen“ (vT A 400).
Kant verwendet
den Ausdruck Philosophie ebenso polysem wie seine Zeitgenossen. Er tut dies mit
rhetorischer Ironie, denn es gibt keinen Zweifel darüber, wo und wann der
Ausdruck falsch und wo und wann er richtig verwendet wird. Durch die Oberfläche
der Rhetorik strahlt die wahre Bedeutung des Ausdrucks immer deutlich hervor.
Der Leser weiss nach dem ersten Satz, dass es eine Differenz zwischen Namen und
Gegenstand gibt.
Exkurs
I: Die stumme Vernunft
Es wurde
bedauert, dass Kant keine Kritik der
Sprache geschrieben und sich generell nicht mit der Sprache
auseinandergesetzt hat[49].
Dieses Faktum wurde durch zwei Hypothesen erklärt: (1) Kant war noch nicht so
weit oder (2) hat es versäumt, die Sprache zu thematisieren[50].
Villers hat sich zum Ziel gesetzt, diese Hypothesen zu untersuchen und zu
widerlegen: Er zeigt, dass eine Kritik
der Sprache im Widerspruch zu den Thesen der Transzendentalphilosophie
gestanden hätte und dass Kants Strategie sich darauf hat beschränken müssen,
die Sprache so effizient wie möglich zu verdrängen[51].
Doch an mehreren
Stellen[52]
thematisiert Kant die Sprache explizit: in den Vorlesungen über die Metaphysik[53],
in der Anthropologie in pragmatischer
Hinsicht (Anthr BA 106ff.), in den Reflexionen
zur kritischen Philosophie[54]
und in der Kritik der Urteilskraft
(KU B 255).
Kant behandelt
die Sprache an den beiden ausführlichsten Stellen, in den Vorlesungen und der Anthropologie,
in einem Kontext, der aus dem Rahmen der Transzendentalphilosophie herausfällt.
Thema der Anthropologie ist
pragmatische Menschenkenntnis: Sie geht „auf das, was er [der Mensch] als
freihandelndes Wesen, aus sich selber macht, oder machen kann und soll.“ (Anthr
BA IV) Sie beschäftigt sich nicht mit reiner Vernunft, weder in theoretischer
noch in praktischer Hinsicht. In den Vorlesungen
thematisiert Kant die Sprache im Rahmen der empirischen Psychologie, die wie
die „Physica empirica [...] eigentlich gar nicht zur Metaphysik“[55]
gehört. Metaphysik aber ist „die eigentliche Philosophie“[56].
Sprachphilosophie befindet sich bei Kant am Rand der Philosophie, sie ist
vor-systematisch, propädeutisch[57].
Kant bespricht
die Sprache in den Vorlesungen im
Rahmen der „sinnlichen Erkenntnisvermögen“ oder genauer der „nachgeahmten
Erkenntnis der Sinne“[58].
Der nachgeahmten Erkenntnis geht ein sinnlicher Eindruck voraus, der durch die
„Spontaneität des Gemüts“ reproduziert wird. Kant nennt die Kraft, die diese Erkenntnis
bewirkt, die „bildende Kraft“. Er weist sie der Sinnlichkeit zu, obwohl in ihr
auch die „Spontaneität des Gemüts“ wirksam ist, und es sich nicht nur um „gegebene“,
sondern auch um „gemachte“ Erkenntnis handelt.
Kant lässt
eine Typologie der Vermögen der „bildenden Kraft“ folgen, in der das Vermögen
der Charakteristik erscheint, das für die Sprache verantwortlich ist. Die Vermögen
(oder Kräfte) lauten: (a) die Abbildungskraft (facultas formandi), (b) die Nachbildungskraft
(facultas imaginandi), (c) die Vorbildungskraft (facultas praevidendi)[59]
und schliesslich (d) das Vermögen der Phantasie und (e) das Vermögen der Charakteristik[60].
Kant differenziert die ersten drei Vermögen (a-c) im Hinblick auf die zeitlichen
Verhältnisse der Vorstellungen. Sie werden den drei Arten des „natürlichen Zeichens“
korrespondieren (Anthr BA 110f.). Für das Vermögen der Phantasie (d) und das
der Charakteristik (e) spielt die Zeit keine Rolle mehr[61].
Das Vermögen
der Charakteristik betrifft die Sprache. Kant umschreibt es folgendermassen:
„Das Vermögen der Gegenbildung ist das Vermögen der
Charakteristik. Charakteristik ist das Gegenbild des andern. Gegenbild ist ein
Mittel, das Bild des andern Dinges hervor zu bringen. So sind Worte Gegenbilder
der Sachen, um die Vorstellungen der Sache sich zu concipiren. Weil es also
Bilder vorstellt, so gehört es zur Sinnlichkeit, obgleich die Bilder nicht
durch den Einfluss der Gegenstände, sondern aus uns selbst kommen; aber der
Form nach gehört es doch zur Sinnlichkeit.“[62]
Kant weist die
„Worte“ dem Vermögen der Gegenbildung zu, „Worte“ sind Gegenbilder. Gegenbilder
sind keine Ab-bilder. Kant vertritt, was die Sprache betrifft, keine Abbildtheorie[63].
Er hat für die Abbildung eigens das „Vermögen der Abbildung“ (facultas
formandi) geschaffen[64].
Wären Worte Abbildungen der Vorstellungen der Sachen, so hätte er die Sprache
im Rahmen der „facultas formandi“ behandeln können. Die Funktion und Bedeutung
des Gegenbildes besteht einzig und allein darin, „die Vorstellungen der Sachen
sich zu concipiren.“ Das Verhältnis zwischen Wort und Vorstellung ist eines von
Ursache und Wirkung, seinem Gehalt nach ist es beliebig. Wie für Saussure ist
für Kant das Verhältnis zwischen signifiant
und signifié arbiträr[65].
Markis versucht Kants Kriterium der Beliebigkeit des sprachlichen Ausdrucks von
dessen Unterscheidung des Akts der „bildenden Kraft“ in einen „willkürlichen“
und einen „unwillkürlichen“ herzuleiten[66].
Doch diese Unterscheidung Kants betrifft nicht das Problem der Beliebigkeit,
sie betrifft nur die Einteilung der „bildenden Kraft“ und letztlich auch des
„Vermögens der Gegenbildung“ in das „obere“ bzw. „untere Erkenntnisvermögen“.
Sie deckt sich mit Kants Unterscheidung von gegebener und gemachter Erkenntnis.
Sie tangiert nicht die Unterscheidung von „Charakter“ und „Symbol“ (Anthr BA
106-108), sondern diejenige von „willkürlichen“ und „natürlichen“ Zeichen
(Anthr BA 108). Auch „Symbole“ werden „willkürlich“ (im Sinne Kants und nicht
im Sinne Saussures) gesetzt, und Kant rechnet sie nicht zu den „natürlichen
Zeichen“ (Anthr BA 110), auch wenn ihnen eine Verknüpfung zu Grunde liegt, die
man ‚natürlich‘ nennen kann. Sowohl das „Symbol“ als auch der „Charakter“
gehören zum „willkürlichen Zeichen“. Beide sind Produkte der „bildenden Kraft“[67].
Kant rechnet
die „natürlichen Zeichen“ dem „unwillkürlichen“, die „willkürlichen Zeichen“ –
das sind die sprachlichen Zeichen – dem „willkürlichen“ Akt der „bildenden Kraft“
zu. Damit kommt etwas Entscheidendes ins Spiel: Kant erhebt den Akt der Zeichensetzung
aus der Sinnlichkeit in das obere Erkenntnisvermögen: „[...] so fern sie [die
Akte der bildenden Kraft] aber willkürlich geschehen, gehören sie zum oberen
Erkenntnisvermögen.“[68]
Dies bedeutet aber nicht, dass Kant die Sprache in den Bereich des Verstandes
rückt. Das Gegenteil ist der Fall. Kant charakterisiert die Sprache als etwas
rein Äusserliches, als eine „Nomenklatur“[69].
Sprache ist „nur ein Mittel, die Vorstellungen des Verstandes durch Association
hervorzubringen.“[70]
In den Reflexionen spricht Kant vom
Wort als einem Stellvertreter für die Vorstellung[71].
Oder er nennt das Zeichen „bloss [...] ein Mittel“[72],
Vorstellungen hervorzubringen. In der Anthropologie
begleitet das Zeichen „den Begriff nur als Wächter (custos)“ (Anthr BA 107).
Kant drängt die Sprache an den Rand der Philosophie; er drängt sie aus dem
Subjekt hinaus. Er reduziert die Sprache auf den Ausdruck; nur der Inhalt des
Zeichens, die Vorstellung, gehört zur Philosophie, sie gehört zum Inventar des
Subjekts: „Wie in dem klassischen Diskurs über Sprache, wird Sprache auch bei
Kant nur so weit thematisiert, als es der philosophischen Intention dienlich
ist. Die Sprache wird zum Werkzeug der Philosophie gemacht.“[73]
In der Anthropologie in pragmatischer Hinsicht
wird bestätigt, dass die systematische Einordnung der Sprache Kant Probleme
bereitet hat und dass Sprache nur als Spezialfall eines Vermögens behandelt
wird.
Die Anthropologie behandelt die Sprache im Rahmen
des Bezeichnungsvermögens (facultas signatrix). Villers Darstellung von Kants
Sprachphilosophie übersieht, dass Kant sich nicht sicher ist, welchem Vermögen
er die Sprache zuordnen soll.
Für Villers
ist es immer das Bezeichnungsvermögen[74].
Die Vorlesungen über die Metaphysik
aber haben die Sprache unter dem „Vermögen der Gegenbildung“ behandelt. Dieses
gehört nicht unter die „facultas signandi“, sondern unter die „facultas fingandi“[75].
In den Reflexionen wiederum behandelt
Kant die Sprache unter der „facultas signandi“, die er als Untervermögen der
„facultas comparandi“ betrachtet[76].
Kant hat sich nicht recht entscheiden können, ob er die Sprache der „facultas
fingendi“ oder der „facultas signandi“ zuordnen soll. Villers zeigt hingegen
Kants Unsicherheit auf, welchem Erkenntnisstamm er die Sprache zuordnen soll.
Mehrfach betont Kant in den Vorlesungen,
dass die „bildende Kraft“ der Sinnlichkeit zuzuordnen sei[77],
doch er weist den Akt der Zeichengebung schliesslich dem „oberen
Erkenntnisvermögen“ zu.
In der Anthropologie definiert Kant das
Bezeichnungsvermögen:
„Das Vermögen der Erkenntnis des Gegenwärtigen, als Mittel
der Verknüpfung der Vorstellung des Vorhergesehenen mit der des Vergangenen,
ist das Bezeichnungsvermögen. – Die Handlung des Gemüts, diese Verknüpfung zu
bewirken, ist die Bezeichnung (signatio), die auch das Signalisieren genannt
wird, von der nun der grössere Grad die Auszeichnung genannt wird.“ (Anthr BA
106)
Auffälligerweise
hat das Bezeichnungsvermögen nicht direkt mit Sprache zu tun. Es verknüpft
„Vorstellungen“, es umfasst allgemeinste Verknüpfungen innerhalb des
Bewusstseins, die einen vorsprachlichen Status haben können. Das Bezeichnungsvermögen
ist ein umfassendes Vermögen der Synthese, in dem die Sprache nur ein
Spezialfall ist. Kants Typologie der Zeichen macht die Bandbreite des
Bezeichnungsvermögens nur annähernd deutlich: Er teilt die Zeichen ein in (a)
willkürliche Zeichen, in (b) natürliche Zeichen und in (c) Wunderzeichen (Anthr
BA 108f.). Unter den willkürlichen Zeichen erscheint schliesslich die Sprache,
Kant nennt in einer weiteren Ausdifferenzierung die „Schriftzeichen“ an zweiter
Stelle. Alleine der Ort in der Typologie, an der die Sprache erscheint, ist
bezeichnend.
Dies hat
mindestens zwei Konsequenzen:
(1)
Das Denken ist unabhängig von der Sprache. Kants Vernunft, die Bedeutung generiert, ist
sprachlos und stumm.[78]
(2)
Die der Sprache eingeschriebene Historizität wird von Kant
nicht ernst genommen. Das ahistorische und vernünftige Subjekt bestimmt,
welcher Ausdruck welcher Vorstellung entsprechen soll. Kants Ziel ist eine von
der Geschichte unabhängige Nomenklatur. Kant vertritt einen sprachlichen
Nominalismus, er trennt die Vorstellungen von ihren Bezeichnungen.
Exkurs
II: Das Symbol
Kant räumt in
seiner Thematisierung der Sprache in der Anthropologie
der Unterscheidung von „Symbol“ und „Charakter“ grossen Platz ein. Beide
gehören zu den „willkürlichen Zeichen“.
Dem „Symbol“
entspricht die „symbolische Erkenntnis“, dem „Charakter“ die „diskursive“
(Anthr BA 106). Diskursive Erkenntnis schreitet (discurrere) nach den Gesetzen
der Logik von einer Vorstellung zur nächsten und erstellt so eine notwendige
Folge von Argumenten. „Symbole“ haben eine grössere Distanz zu den Vorstellungen
als die „Charaktere“, sie funktionieren über eine doppelte Signifikation[79]:
„Gestalten der Dinge (Vorstellungen), so fern sie nur zu Mitteln der
Vorstellungen durch Begriffe dienen, sind Symbole [...]“ (Anthr BA 106). Die
Symbole führen nicht direkt zu den Vorstellungen, sie führen zuerst zu den
Charakteren, die „den Begriff nur als Wächter (custos) begleiten“ (Anthr BA
107). Das Verhältnis zwischen dem Symbol und dem Charakter wird durch die
„Analogie“ (Anthr BA 107) bestimmt. Das Symbol Kants entspricht dem, was heute
nach der der rhetorischen Tradition Metapher genannt wird. In den Vorlesungen heisst es:
„Die Erkenntnis ist symbolisch, wo der Gegenstand in dem
Zeichen erkennt wird; aber bei der diskursiven Erkenntnis sind die Zeichen nicht
Symbola, indem ich in dem Zeichen nicht den Gegenstand erkenne, sondern das
Zeichen mir nur die Vorstellung von dem Gegenstande hervorbringt.“[80]
Metaphern
dringen nicht bis zur Allgemeinheit der begrifflichen Vorstellungen vor, sie
sind zu stark dem Abbild verhaftet, sie werden zu stark vom Bild affiziert.
Kants
Wertungsweise ist eindeutig: Das Symbol soll verschwinden: „Das Symbolum ist
nur ein Mittel, die Intellektion zu befördern; es dient nur der unmittelbaren
Verstandeserkenntnis; mit der Zeit muss es
aber wegfallen.“[81]
Kant diagnostiziert für denjenigen, der sich nur „symbolisch“ ausdrücken kann, eine Schwäche des Verstandes. Wer zu
wenig „Begriffe“ hat, dem Fehlen die „Charaktere“, so dass er sich der „Symbole“
bedienen muss. An einem Mangel an „Charakteren“ kann es nicht liegen, denn
diese lassen sich setzen. Wiederum wird deutlich, wie wenig Bedeutung Kant der
Sprache zumisst: Kant ist nicht bereit, auf das „Symbol“ einzugehen, er
verschiebt das Problem sogleich in den Verstand, der der Sprache absolut
vorgelagert ist. Nur der unreife, nicht aufgeklärte Mensch verwendet die
Metapher. So kann Kant über Homer, Ossian, Orpheus, die Propheten, über die
ganze Dichtung herziehen (Anthr BA 107). Wer das Symbol verwendet, gehört zu
den „Wilden“, phylogenetisch befindet er sich noch nicht im Zeitalter der
Aufklärung. Zu Kants Logozentrismus gesellt sich der Eurozentrismus:
„Amerikanische Wilde“ (Anthr BA 107) und „orientalische Nationen“[82]
befinden sich auf der geistigen (!) Entwicklungsstufe des Symbols. Nur das
aufgeklärte Europa nähert sich zielsicher der Herrschaft der Begriffe und der
Vernunft.
Die
Konsequenzen sind also deutlich:
(1)
Das Symbol, die Metapher und die Analogie sollen
verschwinden. Im philosophischen Diskurs haben sie nichts verloren. Während die
„Charaktere“ noch als Werkzeuge der Philosophie eine Verwendung finden, ist das
Symbol unnütz (auch wenn Kant nicht zögert, das Symbol für die Philosophie zu
instrumentalisieren[83]).
Das ist eine erste Grenze des philosophischen Diskurses, eine Grenze, die bis
heute Streit verursacht[84].
(2)
Das symbolische Sprechen verweist nicht auf ein anderes
Sprechen, auf eine gleichberechtigte andere Welterschliessung, sondern auf die
Schwäche des Geistes. Eine Schwäche des Geistes darf sich die Philosophie nicht
leisten.
Angesichts der
Metapher hat die Philosophie, wie Paul de Man bemerkt hat, nur zwei
Möglichkeiten: Entweder gibt sie „die für sie konstitutive Forderung nach
Strenge“ preis, oder sie versucht, sich „von allem figürlichen Sprachgebrauch“[85]
zu befreien. Kant hat sich für letztere Strategie entschieden.
2. Geschichtlichkeit und Kommunizierbarkeit
Es ist aus der
Perspektive von Kants Sprachphilosophie einfach, über Namen zu sprechen. Worte
sind ihrem Wesen nach beliebige Setzungen.
Der Kontext
von Von einem neuerdings erhobenen
vornehmen Ton in der Philosophie macht die Sache aber komplizierter, als
sie Kant haben möchte. Er hat mit diesem kleinen Aufsatz kein System
geschrieben, in dem der Leser von Definition zu Definition, von Verknüpfung zu
Verknüpfung schreitet. Kant schafft kein autonomes sprachliches Kosmos, an das
sich der Leser gewöhnt. Kant tritt mit
seinem Sprachgebrauch gegen einen anderen an. Er konfrontiert sich mit der
Konventionalität, mit einem Merkmal der Sprache, mit dem er sich in seiner
Sprachphilosophie nicht beschäftigt, mit einem Merkmal der Sprache, das Kants Nominalismus
entgegensteht.
Er öffnet mit
seiner nominalistischen Sprachphilosophie und der Gattung der Streitschrift,
der disputatio (die eigentlich nur
eine disputatio wäre, wenn sein
Gegner ein Akademiker wäre[86]), die Schere
von System und Geschichtlichkeit und von idealem und faktischem Sprachgebrauch:
„Der Name der Philosophie ist, nachdem er seine erste
Bedeutung: einer wissenschaftlichen Lebensweisheit, verlassen hatte, schon sehr
früh, als Titel der Ausschmückung des Verstandes nicht gemeiner Denker, in
Nachfrage gekommen, für welche sie jetzt eine Art von Enthüllung eines
Geheimnisses vorstellte.“ (vT A 387)
Kant gibt zu,
dass Ausdrücke faktisch polysem verwendet werden und dass die Sprache mit der
Inflation zu kämpfen hat. Sprache funktioniert inflationär. Den Ausdrücken
werden immer wieder neue Bedeutungen ‚hinein-geblasen‘ (in-fluare). Kant gibt zu, dass mindestens das Wort
‚Philosophie‘ immer wieder durch verschiedene Konventionen beherrscht wurde und
wird. Gleichzeitig glaubt er sich auf eine ursprüngliche und massgebende
Setzung und Konvention berufen zu können, auf die „erste Bedeutung“ der
„Philosophie“. Der Wind (flatus) der Geschichte konnte diese „erste Bedeutung“
nicht antasten.
Kant wird
versuchen, diese „erste Bedeutung“, ergänzt und verschoben durch eigene
Setzungen, zu restaurieren. Alle anderen Konventionen, die den Ausdruck ‚Philosophie‘
beherrschen, sind für Kant Missbräuche dieses Ausdrucks.
Bereits in der
Kritik der praktischen Vernunft hat
sich Kant dieser Missbrauchssituation gestellt, auch dort ging es um den „Namen
der Philosophie“ (KpV A 195). Er hat sich auf die Tradition berufen, um
bestimmen zu können, was Philosophie sei:
„Diese Idee praktisch-, d. i. für die Maxime unseres
vernünftigen Verhaltens, hinreichend zu bestimmen, ist die Weisheitslehre, und
diese wiederum, als Wissenschaft, ist Philosophie, in der Bedeutung, wie die
Alten das Wort verstanden, bei denen sie eine Anweisung zu dem Begriffe war,
worin das höchste Gut zu setzen, und zum Verhalten, durch welches es zu erwerben
sei. Es wäre gut, wenn wir dieses Wort bei seiner alten Bedeutung liessen, als
eine Lehre vom höchsten Gut [...]“ (KpV A 194)
Kant beruft
sich sowohl auf antike Philosophen als auch auf die Etymologie („der
griechische Ausdruck (welcher Liebe zur Weisheit bedeutet)“ (KpV A 194)), kann
es aber nicht unterlassen, seine eigenen Absichten einzubringen: Philosophie
soll auch „Liebe zur Wissenschaft“ (KpV A 195) sein, doch Kant versteht unter
Wissenschaft nicht die griechische episteme,
sondern seine, an den modernen Naturwissenschaften orientierte Epistemologie.
Zu Kants
Verständnis der Sprache als einer Nomenklatur gesellt sich ein bedingter
Konventionalismus. Kant nimmt Rücksicht auf die Bedeutungen, die die Geschichte
den Ausdrücken auferlegt hat. Unter welchen Bedingungen kommt dieser Konventionalismus
zum Zug?
In der Transzendentalen Dialektik der Kritik der reinen Vernunft hat Kant das
Problem, den mit einer langen philosophischen Tradition beladenen Begriff der
Idee von neuem zu verwenden. Dieser Abschnitt gibt Einblick in Kants Verhältnis
zur Geschichtlichkeit der Sprache. Er führt das Kriterium der
Kommunizierbarkeit ein:
„Bei dem grossen Reichtum unserer Sprachen findet sich doch
oft der denkende Kopf wegen des Ausdrucks verlegen, der seinem Begriffe genau
anpasst, und in dessen Ermangelung er weder andern, noch so gar sich selbst recht verständlich machen
kann.“ (KrV B 368, Hervorhebung von mir, R. M.)
Auch in diesem
Passus ist die bis zum linguistic turn
im 20. Jahrhundert weit verbreitete Ansicht des Primats des Denkens vor dem
Sprechen ablesbar. Das Problem kann nur darin bestehen, für eine bereits gefasste
Vorstellung, den richtigen oder passenden Ausdruck zu finden. Allerdings muss
darauf geachtet werden, dass man sich „verständlich machen kann“! Kant gibt den
Rat, „sich in einer toten und gelehrten Sprache umzusehen [...]“ (KrV B 369).
Diese „tote“ Sprache hat gegenüber der lebendigen Sprache den Vorteil der
grösseren Beständigkeit. Die Schrift fixiert Bedeutungen dauerhafter als das
Gedächtnis. Die „gelehrte“ Sprache besitzt den Vorteil, dass sie bereits ein
wenig vernünftig ist. Aber auch in der „toten und gelehrten Sprache“ ist es
möglich, dass „der alte Gebrauch [...] etwas schwankend“ (KrV B 369) geworden
ist.
Was ist dann
zu tun? Kant bringt in diesem Moment die Bedingung der Kommunizierbarkeit ins
Spiel: Wenn der Gebrauch selbst eines toten und wissenschaftlichen Wortes
schwankend geworden ist, „so ist es doch besser die Bedeutung, die ihm vorzüglich
eigen war, zu befestigen [...], als sein Geschäfte nur dadurch zu verderben, dass man sich unverständlich machte.“
(KrV B 369, Hervorhebung von mir, R. M.) Es ist besser, die Bedeutung zu
„befestigen“, als zu Neologismen zu greifen[87].
Man darf sich
nicht über die Tätigkeit des ‚Befestigens‘ täuschen: Es geht nicht darum, die
intendierte Bedeutung des ursprünglichen Urhebers zu ‚befestigen‘, sondern
darum, die Bedeutung, die das Denken und die Vernunft vorschreiben – und das ist in diesem Fall Kants Denken und Kants
Vernunft, die natürlich universal konzipiert sind – zu fixieren. Kants Strategie ist die verschiebende
Aneignung der Konventionalität. Die Konventionalität steht, so weit sie
eine Rolle spielt, ganz im Dienst der Kommunizierbarkeit. Die Kommunizierbarkeit
selbst hat nur der Vernunft zu dienen. Die Konventionalität schützt die
Kommunizierbarkeit als Bedingung der Verbreitung von Vorstellungen und
Begriffen. Gewöhnlich „fehlt es uns doch nicht an Benennungen, die jeder
Vorstellungsart gehörig angemessen sind, ohne dass wir nötig haben, in das Eigentum einer anderen einzugreifen.“
(KrV B 376, Hervorhebung von mir, R. M.). Kant setzt seinem Nominalismus mit
der Kommunizierbarkeit eine Grenze. Um die ‚Eigentümer‘ nicht zu vermehren bzw.
um die Pluralität der ‚Eigentümer‘ zu kaschieren oder die Einheit der
Systematik zu bewahren, setzt Kant geschickt das Mittel der Verschiebung ein,
indem er die Denotationen unberührt stehen lässt, dafür aber den Kontext der
Bedeutung stillschweigend verschiebt. „Philosophie“ bedeutet „Wissenschaft“,
nur hat sich der Gehalt der Wissenschaft verändert. „Philosophie“ bedeutet die
„Lehre vom höchsten Gut“, nur hat sich die Bedeutung des höchsten Guts verschoben,
es wird zum Ausdruck von Kants eigener Ethik. Als Transportmittel eigener
Gedanken eignet sich der Ausdruck vom „höchsten Gut“ vorzüglich: Als mächtiger
historischer Topos gewährleistet er die Kommunizierbarkeit auch von anderem; er muss nur mit der richtigen Signatur versehen werden. Ebenso steht
es mit der Definition der Philosophie in Von
einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie als einer
„wissenschaftlichen Lebensweisheit“, die als solche in der Antike verankerbar
ist, die aber als deren Transformation erscheint.
Die Frage nach
der ersten und eigentlichen Bedeutung der Philosophie kann reformuliert werden.
Sie lautet: Wessen „Eigentum“ ist die „Benennung“ Philosophie? Sie gehört der „Vorstellungsart“ an, die am
geschicktesten mit der Tradition umgehen kann. Die „Vorstellungsart“ moderner
Philosophen, die den Ausdruck ‚Philosophie‘ im Namen der Tradition (d. h. auch
im Namen der Vernunft) am geschicktesten zu verschieben vermag, hat die grösste
Überlebenschance. Liest man den von Kant essentialistisch vorgetragenen
Streit um den Namen der Philosophie im Hinblick auf seine sprachlichen
Mechanismen und Strategien, so wird Kants Essentialismus als ein sprachliches
Strategem lesbar. Essentialistische Fragen verschieben sich so zu
pragmatistischen. Was als eine Suche nach dem Eigentlichen vorgetragen wird, entpuppt sich als Produkt einer
cleveren Strategie.
Den Aufsatz Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton
in der Philosophie im Hinblick auf Sprache als Streitschrift zu betrachten,
bedeutet Kants Hinaustreten in die Konventionalität und Geschichtlichkeit ernst
zu nehmen. Die pragmatistische Wendung, die dem Streit verliehen wurde,
entlarvt die essentialistisch vorgetragene Auseinandersetzung als einen Kampf um
die Macht. Der philosophische Streit
wird damit als eine gesellschaftliche Auseinandersetzung interpretiert. Kants
Aufsatz hat eine sozialkritische Stossrichtung. Die Frage verschiebt sich
erneut: Welchem Mitglied der Gesellschaft soll es erlaubt sein, den Namen der
Philosophie oder den Titel des Philosophen zu verwenden? Wer darf sich in den
Augen Kants der Philosophie bemächtigen?
Wer darf sich in diesem Machtspiel um
die Philosophie betätigen? Wenn ein Ding-an-sich, ein Ereignis-an-sich, eine
Bedeutung-an-sich und ein Sinn-an-sich schlichtweg nicht von Interesse ist, so
die pragmatistische Prämisse, wird das Ringen um die Bedeutung der Philosophie
als ‚Wille zur Macht‘ lesbar.
3. Der soziale
Konflikt
Die
sozialkritische Absicht veranlasst Kant, nicht von den Schwärmern zu sprechen,
sondern von den „vornehmen Personen“ (vT A 389). ‚Vornehm‘ zu sein, bezeichnet
einen sozialen Status. Für Grimm liegt in ‚vornehm‘ „die vorstellung des auswählens, aus einer weniger werten mehrheit“[88].
Ebenso hat Adelung die Denotation von ‚vornehm‘ umschrieben[89].
Während die Schwärmerei eine geistige Haltung meint, betrifft der „vornehme
Ton“ eine soziale Handlung, eine soziale Handlung, die von Schwärmern
ausgeführt wird.
Die Schwärmer[90] halten die
Grenzen der Vernunft nicht ein: „Dagegen gibt es kein einziges sicheres Mittel
alle Schwärmerei mit der Wurzel auszurotten, als jene Grenzbestimmung des
reinen Vernunftvermögens.“ (DenkOr A 323/324) Schwärmerei ist „ein Wahn“, „über
alle Grenze der Sinnlichkeit hinaus etwas zu sehen, d. i. nach Grundsätzen
träumen (mit Vernunft rasen) zu wollen [...]“ (KU A 124) Schwärmer begnügen
sich nicht mit dem Instrumentarium, das das Subjekt gemäss der Kritik der reinen Vernunft zur Verfügung
hat. Sie bedienen sich der „intellektuellen Anschauung“ (vT A 388); sie glauben
an ein Organ, das der Mensch nicht besitzt. Die Träume eines Geistersehers haben die Schwärmerei in diesem Sinne
als eine Übertretung erkenntnistheoretischer Grenzen verstanden. Doch Kant hat
aus der Schwärmerei keinen sehr deutlichen Begriff gemacht. So bedeutet zu
schwärmen auch, das Instrumentarium des transzendentalen Subjekts falsch zu verwenden: „Die Originalität
(nicht nachgeahmte Production) der Einbildungskraft, wenn sie zu Begriffen zusammenstimmt,
heißt Genie; stimmt sie dazu nicht zusammen, Schwärmerei.“ (Anthr B 76) In Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton
in der Philosophie wird die Schwärmerei in erster Linie als ein Überschreiten
von erkenntnistheoretischen Grenzen verstanden. Die doppelte Verwendung des
Ausdrucks kann davon abgeleitet werden, dass Kant die Schwärmerei einerseits
als Thema der Metaphysik (als Selbstkritik der Vernunft) und andererseits als
Thema der Pathologie (als Fehlleistung innerhalb Subjekts)[91]
behandelt.
Der soziale Konflikt,
der Kant beschäftigt, betrifft die Art des gesellschaftlichen Auftretens von
Personen, die die Grenzen der Vernunft überschreiten.
Es gibt zwei
gewichtige Voraussetzungen, die für Kant erfüllt sein müssen, damit er das
soziale Spiel um die Macht in der Philosophie akzeptieren kann.
1.) Kant muss
bestimmen können, was mit dem Ausdruck Philosophie gemeint ist. Kant wünscht sich einen geschützten und verbindlichen
Philosophentitel.
2.) Kants Ethik muss eingehalten werden. Seine Ethik
muss das soziale Verhalten in der intellektuellen Welt regeln.
Diese beiden
Bedingungen müssen von allen Beteiligten eingehalten werden, ansonsten muss
„die Polizei im Reiche der Wissenschaften“ (vT A 420) einschreiten. Wer diese
beiden Bedingungen nicht einhält, der soll von einer externen Gewalt, die dem
Diskurs der Philosophie intern nicht zur Verfügung steht, ausgeschlossen werden.
Die Kantische Philosophie besässe die Befehlsgewalt über diese Exekutivgewalt,
insofern sie als Ethik, Rechtsphilosophie und Staatsphilosophie die Fundamente
der Gesellschaft bestimmt.
Was die erste
Bedingung betrifft, so operiert Kant mit der Unterscheidung vom Philosophieren
als einer Tätigkeit und vom Philosophen als einem Titel:
„Es ist doch ein Unterschied zwischen Philosophieren und den
Philosophen machen. Das letztere geschieht im vornehmen Ton, wenn der Despotism
über die Vernunft des Volks (ja wohl gar über seine eigene), durch Fesselung an
einen blinden Glauben, für Philosophie ausgegeben wird.“ (vT A 399, Note)
Das „Philosophieren“,
so töricht es sein mag, soll nicht verboten werden, im Gegenteil:
„Dass vornehme Personen philosophieren, wenn es auch bis zu
den Spitzen der Metaphysik hinauf geschähe, muss ihnen zur grössten Ehre
angerechnet werden, und sie verdienen Nachsicht bei ihrem (kaum vermeindlichen)
Verstoss wieder die Schule, weil sie sich doch zu dieser auf den Fuss der
bürgerlichen Gleichheit herablassen.“ (vT A 398)
Man darf
Unsinn erzählen, es kommt nur darauf an, wer man ist, und als was man sich
bezeichnet. Kant bestimmt die Differenz zwischen den Philosophen und den philosophierenden
Personen nicht objektiv, sondern intentional:
Es ist für denjenigen verboten, Unsinn zu erzählen, der ein Philosoph ist oder
sein will: Kant richtet sich nicht nur gegen die falschen Philosophen, sondern
auch gegen die „sein-wollenden Philosophen“ (vT A 399). Damit Kant die
„sein-wollenden Philosophen“ ausgrenzen kann, muss er sagen können, was „eigentlich“
(vT A 423 u. 424) mit dem „Namen der Philosophie“ gemeint ist.
Was die zweite
Bedingung betrifft, so liefert sie die Begründung für den Verstoss, dessen sich
die Pseudo-Philosophen schuldig machen:
„Dass aber sein-wollende Philosophen vornehm tun, kann ihnen
auf keine Weise nachgesehen werden, weil sie sich über ihre Zunftgenossen
erheben, und deren unveräusserliches Recht der Freiheit und Gleichheit, in
Sachen der blossen Vernunft, verletzen.“ (vT A 399)
Kant beruft
sich auf die „Freiheit“, auf die das „moralische Gesetz“ notwendig verweist
(KpV A 53). Die „sein-wollenden Philosophen“, die im „vornehmen Ton“ sprechen,
verstossen gegen das „moralische Gesetz“, gegen den kategorischen Imperativ:
Ich kann nicht allgemein wollen, dass ein Philosoph beliebig sagen kann, was er
will, weil sonst – formal betrachtet – der Titel des Philosophen seinen Sinn
verliert. Die wirklichen Philosophen halten sich an bestimmte Bedingungen und
sind daher „Zunftgenossen“. Um einerseits sein ethisches Grundgesetz anwenden
und andererseits den Titel des Philosophen im Gegensatz zum Philosophieren
bestimmen zu können, muss Kant eine Reihe von Wertgegensätzen bestimmen: Er
setzt die Arbeit (vT A 389), den Begriff (vT A 388), die Schulmässigkeit (vT A
390) und die Aristokratie der Gabe (des Orakels), der Anschauung (vT A 388),
dem Genie (vT A 390) und der Demokratie entgegen[92].
Kants
Gegnerschaft achtet die beiden Bedingungen nicht. Sie redet
von einer „Philosophie aus Gefühlen“ (vT A 400), sie missbraucht die
Philosophie als ein „fühlbares Geheimnis“ (vT A 401). Schlosser und Stolberg
verstehen sich als „Elitewesen“[93],
die sich über die wirklichen Philosophen hinwegsetzen. Sie halten sich nicht an
das Gesetz der Freiheit. Für beide müsste die „Polizei im Reiche der
Wissenschaften“ (vT A 420) zuständig sein. Sie sollen vom Spiel um die Macht in
der Philosophie ausgeschlossen sein, weil sie mit ihrer Missachtung der beiden
Bedingungen nicht nur die Existenz der Philosophie in Gefahr bringen, sondern
sogar das Ende der Philosophie ausrufen und intentional vorantreiben (vT A 399,
Note). Kant spricht zwei Mal vom „Tod aller Philosophie“ (vT A 407 u. 424), er
befürchtet das Schlimmste.
Die Mystagogen
verwenden den Namen der Philosophie ebensowenig beliebig wie Kant. Auch sie
knüpfen ihn an die Tradition, nur hört ihre philosophische Tradition mit
Aristoteles auf: Sie glauben, „dass es mit der Philosophie seit schon
zweitausend Jahren ein Ende habe, weil ‚der Starigit [Aristoteles] für die
Wissenschaft soviel erobert habe, dass er wenig Erhebliches mehr den
Nachfolgern zu erspähen überlassen hat!‘“ (vT A 398/399). Die Frage nach der
Bestimmung des Namens der Philosophie führt zur Frage, wessen Vaters Kind man
sein will[94].
Philosophische Autoritäten gibt es für die Gefühlsphilosophen nur bis zum
Endpunkt Aristoteles. Zu ihrem Stammvater haben sie Platon gewählt.
Die
Problematik verschiebt sich: Da Kant Platon als Philosoph nicht ablehnen kann,
ohne Gefahr zu laufen, seine eigene soziale Position zu schwächen, muss er sich
im Kampf um die Bestimmung des Namens der Philosophie auf eine historische
Debatte um Platon einlassen. Wenn Kant sagt, der wahre Philosoph zeichne sich
dadurch aus, dass er sich an die Gesetze der Diskursivität hält, dann können
die Gefühlsphilosophen sagen, dass das, was sie verkünden, beim Philosophen
Platon nachgelesen werden könne. Die essentialistische Problematik, die
pragmatistisch reformuliert wurde, findet ihre Fortsetzung in der Frage nach
der philosophischen Tradition. Kant muss die Tradition deuten, um sie zu
instrumentalisieren.
Kant kommt im
Machtstreit um die Philosophie nicht an Platon vorbei, wenn es darum geht, die erste Bedingung dieses Spiels – die
Bestimmung des Ausdrucks ‚Philosophie‘ – zu formulieren.
Exkurs
III: Arbeit, Gabe und Eigentum
Dass Menschen
vornehm tun, hat den Ursprung in einem sozialen Konflikt, der sich mit dem
Gegensatz von Arbeit und Gabe umschreiben lässt:
„Es liegt nämlich nicht bloss in der natürlichen Trägheit,
sondern auch in der Eitelkeit der Menschen (einer missverstandenen Freiheit),
dass die, welche zu leben haben, es sei reichlich oder kärglich, in
Vergleichung mit denen, welche arbeiten müssen, um zu leben, sich für Vornehme
halten.“ (vT A 389)
Die Eitelkeit[95]
ist die Missachtung der Gleichheit der Menschen. Sie findet in Kants Kontext
den Nährboden im Gegensatz von „zu leben haben“ und „arbeiten müssen“.
Derjenige, der „zu leben“ hat, muss nichts tun, um leben zu können, ihm wird
alles gegeben, ohne dass er jemals etwas zurückgeben müsste[96].
Der Gegensatz
von Arbeit und Gabe, mit dem Kant die Tradition und ihre Vertreter spaltet,
wird in Von einem neuerdings erhobenen
vornehmen Ton in der Philosophie mit Beispielen ausgeschmückt. Eines dieser
Beispiele ist mehr als eine Ausschmückung, es
lässt eine Verknüpfung zu einem anderen Text und zu anderen Motiven zu:
„Der Araber oder Mongole verachtet den Städter und dünkt
sich vornehm in Vergleichung mit ihm: weil das Herumziehen in den Wüsten mit
seinen Pferden und Schafen mehr Belustigung als Arbeit ist. Der Waldtunguse
meint seinem Bruder einen Fluch an den Hals zu werfen, wenn er sagt: ‚Daß du
dein Vieh selber erziehen magst wie der Buräte!‘ Dieser gibt die Verwünschung
weiter ab und sagt: ‚Daß du den Acker bauen magst wie der Russe!‘ Der Letztere
wird vielleicht nach seiner Denkungsart sagen: ‚Daß du am Weberstuhl sitzen
magst, wie der Deutsche!‘“ (vT A 389)
Das Beispiel
setzt den Gegensatz von Arbeit und Gabe in einem fingierten Streitgespräch in
die Berufsgattungen Hirte und Ackerbauer um. Der Hirte muss nicht arbeiten,
sein „Herumziehen“ ist in erster Linie „Belustigung“.
In Kants Mutmasslichem Anfang der Menschengeschichte
(1786) trifft man die beiden Berufsgattungen Hirte und Ackerbauer wieder an.
Sie sind dort mit den Motiven des Eigentums, der Arbeit und der Gabe verquickt.
Die beiden Berufsgattungen werden als Ausdruck einer fundamentalen
kulturhistorischen Differenz eingeführt, die den Übergang zur Epoche der
„Arbeit und der Zwietracht“ (AnfMen A 18) ermöglicht.
Kant
vergleicht im Mutmasslichen Anfang der
Menschengeschichte den „Weg, den Philosophie nach Begriffen nimmt“ mit der
„Geschichte“ (AnfMen A 3), wie sie im jüdischen Mythos geschildert wird. Das
Verhältnis zwischen vernünftiger Geschichtsphilosophie und mythischer
Geschichtsschreibung wird als eine Analogie vorgestellt. Die „heilige Urkunde“
(AnfMen A 2) soll Kants Vernunftgeschichte historisch bestätigen.
Nach einem
paradiesischen Zustand (AnfMen A 5) tritt die Vernunft mit der Natur in
Konflikt: Der Mensch entdeckt die Freiheit (AnfMen A 7), er versteht den Nutzen
des Triebverzichts (AnfMen A 8) und er erkennt sein Wesen als „Zweck der Natur“
(AnfMen A 10). Diese Veränderungen gehören in die Epoche der „Gemächlichkeit
und des Friedens“ (AnfMen A 18). Anschliessend übernimmt der Konflikt von
„Hirtenleben“ und „Ackerbau“ (AnfMen A 18) die Aufgabe, die Menschheit in die
Epoche der „Arbeit und der Zwietracht, als das Vorspiel der Vereinigung in
Gesellschaft“ (AnfMen A 18) überzuführen.
Diese
Entwicklung lässt sich im Kontext von Kants Geschichtsphilosophie mit dem
„Antagonism“ der Natur, mit der „ungeselligen Geselligkeit“, die die
„Entwicklung aller [...] Anlagen“ der Menschheit bewirkt (IdeeGe A 392), mit
Kants Naturteleologie[97]
erklären. Der Antagonismus manifestiert sich im Konflikt zwischen dem
„Hirtenleben“ und dem „Ackerbau“. Kant charakterisiert die beiden Berufsstände
im Mutmasslichen Anfang der
Menschengeschichte:
„Das Hirtenleben ist nicht allein gemächlich, sondern gibt
auch, weil es in einem weit und breit unbewohnten Boden an Futter nicht mangeln
kann, den sichersten Unterhalt. Dagegen ist der Ackerbau, oder die Pflanzung,
sehr mühsam, vom Unbestande der Witterung abhängend, mithin unsicher, erfordert
auch bleibende Behausung, Eigentum
des Bodens und hinreichende Gewalt, ihn zu verteidigen; der Hirte aber hasst
dieses Eigentum, welches seine Freiheit der Weiden einschränkt.“ (AnfMen A
18/19, Hervorhebung von mir, R. M.)
Durch die
Charakterisierung der Hirten durch die Gemächlichkeit und der Ackerbauern durch
die Mühsamkeit schimmert der Gegensatz von Arbeit und Gabe. Kant definiert mit
dem Konflikt zweier Berufsstände eine neue Epoche, die er als „Zeitabschnitt“
der „Arbeit und der Zwietracht“
bezeichnet. Vor dieser Epoche gab es keine Arbeit.
Obwohl sich die Menschen im „wilden Jägerleben“ und im „Wurzelgraben oder
Fruchtsammeln“ (AnfMen A 18) betätigt haben, bzeichnet Kant diese Betätigungen
nicht als Arbeit. Erst der Ackerbauer arbeitet, das Hirtenleben ist
„gemächlich“, während der Ackerbau „sehr mühsam“ ist. Das Phänomen der Arbeit
tritt im Mutmasslichen Anfang der
Menschengeschichte kulturhistorisch mit dem Ackerbau zum ersten Mal auf.
Die Arbeit
tritt historisch auch zur gleichen
Zeit wie das Eigentum[98]
auf: Der „Ackerbau“, der „sehr mühsam“ ist, „erfordert auch bleibende
Behausung, Eigentum des Bodens“. In Kants Eigentumstheorie in der Metaphysik der Sitten hat derjenige, der
als erster Land zu seinem eigenen Besitz erklärt, diesen Boden rechtmässig zu
seinem Eigentum gemacht (MdS §17). Kant sieht den Erwerb von Boden dann für legitim
an, wenn der Boden nicht durch einen früheren Erwerb einen Eigentümer erhalten
hat. Die Priorität der Erwerbung legitimiert den Privatbesitz im Naturzustand[99].
Arbeit und Eigentum werden von Kant strikt getrennt gedacht[100]:
Für ihn steht fest, dass „die erste Bearbeitung, Begrenzung, oder überhaupt
Formgebung eines Bodens keinen Titel der Erwerbung desselben“ (MdS §17)
bewirken kann. Im Naturzustand ist es dem Besitzer von Eigentum erlaubt, dieses
mit Gewalt zu verteidigen, so wie es die Bauern im Mutmasslichen Anfang der Menschengeschichte tun (AnfMen A 20).
Die Differenz
von Arbeit und Gabe exponiert im
Mutmasslichen Anfang der Menschengeschichte und in Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie
einen sozialen Konflikt. In beiden Fällen ist eine Form von Eigentum Thema. Der
Titel des Philosophen darf nicht von jedem getragen werden, nur unter bestimmten
Bedingungen darf er angeeignet werden.
Die Philosophie ist „Eigentum“ einer bestimmen „Vorstellungsart“ (KrV A 319)),
deren Bedingungen formuliert wurden. Derjenige darf den Titel eines Philosophen
annehmen, der sich mit seinem Philosophieren an jene „Vorstellungsart“ hält.
Dem materiellen Eigentum steht in Von
einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie das ‚geistige
Eigentum‘ gegenüber. Kant spricht nie von ‚geistigem Eigentum‘. Was er aber
unter Philosophie versteht, kommt dem gleich, was in der Juris Prudens im
Immaterialgüterrecht als ‚geistiges Eigentum‘ bezeichnet wird.
In beiden
Fällen tritt das Motiv der Gewalt auf. Im Mutmasslichen
Anfang der Menschengeschichte muss der Ackersmann Gewalt einsetzen, „wenn
er nicht der Früchte seines langen Fleisses verlustig gehen wollte [...]“
(AnfMen A 19). Solange es keine Staatsgewalt gibt, die die Individualinteressen
schützt, ist Gewalt als Selbstverteidigung erlaubt[101].
Ebenso droht Kant in Von einem neuerdings
erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie denjenigen, die als
‘Philosophen’ in der Philosophie nicht arbeiten wollen, mit seinem Traum einer
„Polizei im Reiche der Wissenschaften“ (vT A 420). Wie legitimiert Kant diesen
Gewalteinsatz? Über den Begriff des Eigentums. Das individuelle Recht auf
Eigentum legitimiert er in der Metaphysik
der Sitten über die Priorität der Erwerbung. Dieses fundiert Kant
idealistisch in der Idee der Freiheit. Kant glaubt, dass nur das Eigentum der
„Willkür des einen im Besitz mit der Willkür des anderen“ Grenzen setzen kann.
Die Willkürfreiheit aber würde das allgemeine „angeborene und gleiche Recht auf
dem Boden zu sein“[102]
in Frage stellen. In Von einem neuerdings
erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie wird das Recht auf eine
gewaltsame Verteidigung des Philosophentitels über die „erste Bedeutung“ der
Philosophie, über die erste Setzung und erste Verwendung, legitimiert. Arbeit
ist in die Definition dieser ersten Philosophie eingebunden: Es kann nicht
„ohne Mühe“ (vT A 420) philosophiert werden. Philosophie, „sofern sie sich auf
methodische Entwicklung und systematische Zusammenstellung der Begriffe
einzulassen genötigt ist“ (vT A 390), ist Arbeit, „[...] denn der discursive
Verstand muß vermittelst der ersteren viele Arbeit zu der Auflösung und
wiederum der Zusammensetzung seiner Begriffe nach Principien verwenden und
viele Stufen mühsam besteigen, um im Erkenntnis Fortschritte zu tun [...]“ (vT
A 388). Der Satz ‚Philosophie ist Arbeit‘ ist als ein analytisches Urteil zu
verstehen. Die Legitimation der Philosophie als Arbeit wird durch die Tradition
gestützt, die Kant für sich zu verwenden weiss. Wie bei der Priorität der Besitzerwerbung
hat eine erste Setzung - eine Setzung die Kant bei den Griechen ansiedelt - die
Philosophie als „wissenschaftliche Lebensweisheit“ bestimmt.
Nicht weil ich
arbeite, werde ich ein echter Philosoph, sondern weil ich philosophisch
arbeite, d. h. weil ich richtig philosophiere. Das Recht auf den Titel des
Philosophen wird wie beim Recht auf Eigentum des Bodens über die Idee der
Freiheit legitimiert. Die „vornehmen Personen“ verletzen das „unveräusserliche
Recht der Freiheit und Gleichheit, in Sachen der blossen Vernunft“ (vT A 399)
ihrer Zunftgenossen. Die Begründung des Eigentums der Philosophie entspricht
derjenigen des Eigentums von Boden: Nur die Philosophie als ein bestimmtes
Eigentum kann der Willkür von nicht-autorisierten Philosophen eine Grenze
setzen. Die Willkürfreiheit gefährdet die Philosophie, weil sie ihren Ausdruck
der Inflation aussetzt und die Gleichheit der Menschen gefährdet:
Philosophierende sind gleich, und Philosophen sind gleich. Das Philosophieren
und die Philosophie unterscheiden sich durch Arbeit, weil Philosophie - so die
konventionelle Setzung - Arbeit ist.
Man kann diese Verletzung der Gleichheit mit einem grotesken Beispiel
veranschaulichen: Vornehme Personen trinken Tee und behaupten anschliessend,
sie hätten ein Haus gebaut und seien deshalb so kompetent wie Bauarbeiter.
Kant hätte
auch sagen können, dass die „vornehmen Personen“ lügen. Wie das Zeichen
überhaupt eröffnet der Ausdruck ‘Philosophie’ die Möglichkeit der Lüge[103].
Natürlich
müsste darüber diskutiert werden, was mit Arbeit gemeint ist, und was überhaupt
als Arbeit bezeichnet werden kann, denn auch Schlosser hat von sich gesagt, er
verrichte „echt platonische Arbeit“[104].
Ist „Beobachtung“[105]
Arbeit? Ist die Tätigkeit der Ideenschau Arbeit? Ist Meditation Arbeit? Ist nur
das Arbeit, was etwas produziert?
4. Ironie
Die Rhetorik
schliesst an das Motiv des Eigentums an:
„Die Rhetorik (als Metasprache) ist aus Eigentumsprozessen
hervorgegangen. Um 485 v. Chr. führten Gelon und Hieron, zwei sizilianische
Tyrannen, Verschleppungen, Umsiedelungen und Enteignungen durch, um Syrakus zu
bevölkern und die Söldner anzusiedeln; als sie durch eine demokratische
Erhebung gestürzt wurden und man zum ante
qua zurückkehren wollte, kam es aufgrund der verworrenen Besitzverhältnisse
zu zahllosen Prozessen.“[106]
Wenn Eigentumsverhältnisse
nicht klar geregelt sind, so kann dies Anlass für einen Prozess sein. Kants Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton
in der Philosophie ist ein Prozess, in dem darum gestritten wird, wer sich
den Philosophentitel zuschreiben darf. Wer in einem Prozess gewinnen möchte,
sollte die Beredsamkeit beherrschen.
Kant ist
Verteidiger (er verteidigt sich gegen Schlossers Angriff), Ankläger (er greift
Schlosser und den „vornehmen Ton“ an) und Richter (er entscheidet darüber, was
mit den „vornehmen Personen“ geschehen soll) zugleich. Als Verteidiger und
Ankläger will er überzeugen können, als Richter muss er entscheiden können,
wann die „Polizei im Reiche der Wissenschaften“ (vT A 420) einzuschreiten hat.
Kants Prozess kreist um die Frage, wer die wirklichen Eigentümer (KrV A 319/320
u. AnfMen A 19) der Philosophie sind.
Wie
festgestellt wurde, verwendet Kant den Ausdruck ‘Philosophie’ nicht nur in der
von ihm geforderten engen Bedeutung. Allerdings ist an jeder Stelle klar, wann
mit Philosophie was gemeint ist. Für Kant gibt es eine eigentliche Bedeutung
des Ausdrucks Philosophie, wenn er ihn anders verwendet, so gibt es spezielle
Gründe dafür. In Von einem neuerdings
erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie verwendet Kant den Ausdruck
‘Philosophie’ als eine klassische rhetorische Trope. Dies erklärt, wie Kant
einerseits von einer eigentlichen Bedeutung der Philosophie ausgehen und wie er
andererseits den Ausdruck polysem verwenden kann. Kant argumentiert nicht nur,
er agiert auch als Überzeugungskünstler. Dies ist befremdlich, weil Kant die Rhetorik
aus ethischen Gründen verurteilt und aus dem Bereich der Philosophie verbannt.
Kant behandelt die Rhetorik in der Kritik der Urteilskraft. Sie gehört für ihn wie die Dichtkunst in
den Bereich der „redenden Künste“:
„Die
redenden Künste sind Beredsamkeit und Dichtkunst. Beredsamkeit ist die Kunst,
ein Geschäft des Verstandes als ein freies Spiel der Einbildungskraft zu
betreiben; Dichtkunst, ein freies Spiel der Einbildungskraft als ein Geschäft
des Verstandes auszuführen.“ (KU B 205)
Kant definiert
die Beredsamkeit über die Differenz von „Verstandesgeschäft“ und „Spiel der
Einbildungskraft“ und in chiastischer Abgrenzung von der Dichtkunst:
„Der Redner also kündigt ein Geschäft an und führt es so
aus, als ob es bloß ein Spiel mit Ideen sei, um die Zuhörer zu unterhalten. Der
Dichter kündigt bloß ein unterhaltendes Spiel mit Ideen an, und es kommt doch
so viel für den Verstand heraus, als ob er bloß dessen Geschäft zu treiben die
Absicht gehabt hätte.“ (KU B 205/206)
Kant spielt
die Rhetorik gegen die Dichtkunst aus[107],
indem er auf das Missverhältnis von Versprechen und Einlösung verweist: Der
Redner verspricht, den Verstand zu gebrauchen, überlässt die Produkte des Verstands
aber dem „freien Spiel“ der Einbildungskraft, welches die Klarheit des
Verstandes trübt. Die Dichtkunst hingegen verspricht weniger, als sie hergibt:
Sie verspricht nur ein „Spiel“, von dem aber der Verstand profitieren kann. Das
„freie Spiel der Einbildungskraft“ ist nichts anderes als die Tätigkeit, die
die Figuren und Tropen hervorbringt, von denen die Rhetorik spricht. Der Ernst
der Philosophie und der Wissenschaft - die Ernsthaftigkeit und Würde des
Verstandes - disqualifiziert die Spielereien der Beredsamkeit. Die Beredsamkeit
ist nicht nur moralisch minderwertig, weil sie den Verstand nicht respektiert,
sie verdient auch keine Achtung, weil sie die Schwächen des Menschen mit ihren
sophistischen Überzeugungsstrategien missbraucht:
„Beredtheit und Wohlredenheit (zusammen Rhetorik) gehören
zur schönen Kunst; aber Rednerkunst (ars
oratoria) ist, als Kunst sich der Schwächen der Menschen zu seinen Absichten
zu bedienen (diese mögen immer so gut gemeint, oder auch wirklich gut sein, als
sie wollen), gar keiner Achtung würdig.“ (KU B 217/218)
Die Kunst als
Wohlgefallen „ohne alles Interesse“ (KU B 17) ist zweckfrei. Die „Rednerkunst“
als eine sprachliche Strategie, bestimmte „Absichten“ zu erreichen, kann nicht
in den Bereich der „schönen Kunst“ fallen. Kant unterscheidet zwischen der
„Rhetorik“, der er wie der Kunst Absichtslosigkeit zuspricht, und der „Rednerkunst
(ars oratoria)“, die den Menschen, der nur Zweck sein kann (GMdS BA 67), missbraucht.
Die
„Rednerkunst“ versucht, durch Sprache Wahrheit zu erzeugen, was nach Kants
Sprachphilosophie unmöglich ist. Wahrheit ist alleine durch die Sinnlichkeit
und den Verstand gegeben. Die Rhetorik kann nur täuschen, und sie macht dies
als Sophistik mit Absicht.
Im Diskurs der
Philosophie hat die rhetorische Rede wie die symbolische nichts verloren. Die
Philosophie braucht keine Metaphern, keine Metonymien und keine Ironie. Sie
braucht keine Beredsamkeit und keine Überredungskunst, der Verstand ist sich
selbst genug. Kant unterliegt dem philosophischen Gemeinplatz, dass Rhetorik
als Schein und Täuschung der Wahrheit nur schaden kann: „Das Mittel, die
Wahrheit der Rede zu erzeugen, ist die Täuschung,
ein sophistischer Grundbegriff, der für die Begründung der Rhetorik entscheidend
ist und der dann alsbald von den Philosophen zum Hauptvorwurf gegen die
Rhetorik verwendet wurde.“[108]
Die Rhetorik hat mit Kant in der Aufklärung ihren Tiefpunkt erreicht[109].
Die sonderbare
Konstellation, in die Philosophie und Rhetorik in Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie
treten, besteht darin, dass Kant während seines Versuchs, den Namen der
Philosophie genau zu bestimmen, den Ausdruck ‘Philosophie’ als eine Trope, als
eine Ersetzung[110],
als eine verborum immutatio,
einsetzt, d. h. den Namen der Philosophie dem „freien Spiel der Einbildungskraft“
aussetzt. Kant verwendet die Ironie (dissimulatio).
Das „freie Spiel“ ist streng begrenzt, denn Kants Ironie steht im Dienst der
Aufklärung, sie ist „eine klassische und gerade: eine rhetorische Ironie“[111].
„Hier ist immer deutlich, was gemeint ist - oder soll es doch sein. Die Ironie
fungiert allenfalls als decorum der
Rede, keinesfalls aber ist sie am Zustandekommen des Sinns beteiligt.“[112]
Damit die
klassische Ironie als Ironie funktioniert, muss im Publikum geklärt sein, was
‚eigentlich‘ gemeint ist:
„Sie [die Ironie] ist eine Waffe der Parteilichkeit: der
Redner ist sich der Überzeugungskraft seiner eigenen Partei sowie der Sympathie
des Publikums so sicher, dass er (in einer reduzierten sermocinatio) die
lexikalische Wertskala des Gegners verwendet und deren Unwahrheit durch den
(sprachlichen und situationsmässigen) Kontext evident werden lässt.“[113]
Kant kann
ironisch sprechen, weil er im Diskurs der Philosophie bereits eine Machtposition
inne hat. Das Publikum weiss dank Kants Signatur, was dieser unter Philosophie
versteht. Insofern die Mystagogen, wie Kant sagt, aus dem metaphysischen
Zentrum ihrer Philosophie ein „Gespenst“ machen, aus dem man „machen kann was
man will“ (vT A 410), entgleitet ihnen auch ihr Philosophiebegriff in die
Beliebigkeit und Inflation. Die Platonische Form und das Geschlecht (die Göttin
Isis) ist sein einziger Halt. Ihre Philosophie selbst wird zu einem Gespenst,
aus dem man „machen kann was man will“. Kant verwendet bei seinem ironischen
Sprechen dieses „Gespenst“, er verwendet die „lexikalische Wertskala seines
Gegners“[114].
Mit Argumenten und mit Ironie versucht er
dieses „Gespenst“ zu vertreiben. Indem er ironisch spricht, setzt er aber
seine Philosophie dem „freien Spiel der Einbildungskraft“ aus.
Kants
ironische Verwendung des Ausdrucks ‘Philosophie’ spielt mit der Unterscheidung,
die Kant eingeführt hat (vT A 398, Note): Es gibt das legitime vulgäre Philosophieren,
das keine eigentliche Philosophie ausmacht. Daneben gibt es die echten
Philosophen, die sich als Philosophen ausgezeichnet haben. Kants Ironie spielt
mit diesen beiden Begriffen: Er verweist mit dem Ausdruck ‘Philosophie’ auf den
vulgären Philosophiebegriff und zeigt mit einem Ironie-Signal[115]
an, dass mit diesem vulgären Begriff nicht die
Philosophie gemeint ist. In Von einem
neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie gibt es zahlreiche
Stellen, an denen der Ausdruck ‘Philosophie’ auf diese ironische Weise
verwendet wird[116].
Japp sieht in der
Ironie die sprachliche Auflösung des logischen Widerspruchs[117].
In der Ironie kann A zugleich A und B sein. Er formalisiert daher die Ironie
mit der Formel „X’ A/B“[118].
Er gelangt zu dieser Formel, weil er das Ironie-Signal, das die klassische
rhetorische Ironie beherrscht, derart verwässert, dass es nur ausnahmsweise
deutlich erkannt wird. Es ist selber das Produkt einer Interpretation. Gäbe es
das deutliche Ironie-Signal, so müsste die Formel lauten: A sagt mit B sowohl
A’ und B’ aus, wobei B für das Ironie-Signal und B’ für die intendierte
Bedeutung steht.
Kant fürchtet
sich vor der Ironiedefinition, die Japp mit seiner Ironieformel „X’ A/B“
präsentiert. Jede Ironie, auch die klassische, läuft - insofern in ihr das
„freies Spiel der Einbildungskraft“ wirksam ist - Gefahr, zu einer Maschine von
Falschgeld[119] zu werden.
Dies ist immer dann der Fall, wenn das Ironie-Signal zu verschwinden droht.
Deshalb ist
Kant sehr vorsichtig: Er definiert die Philosophie als diskursive Begriffsarbeit
und sagt immer wieder, dass die ‘Gefühlsphilosophie’ nur eine „vorgebliche“ Philosophie sei (vT A 389 u. 409). Er
bemüht sich darum, dass immer klar ist, wann er das Gegenteil[120]
dessen meint, was er schreibt. Kant verwendet keine „handlungstaktische Ironie“[121],
bei der das Ironie-Signal nicht mehr entzifferbar ist und die in strengem Sinne
gar nicht in den Bereich der Rhetorik fällt.
Kants
Ablehnung der Rhetorik und damit auch der Ironie als unnötiges „Spiel der Einbildungskraft“
hat verschiedene Gründe:
a) Das ironische
Sprechen macht einen Umweg. Es ist un-ökonomisch. Die Ironie stellt der
Wahrheit die Unwahrheit an die Seite,
obwohl nur die Wahrheit interessiert.
b) Das ironische Sprechen gefährdet die Deutlichkeit der
Aussage. Wenn die Wahrheit in unmittelbarer Nähe zur Unwahrheit gestellt wird,
droht die Gefahr der Verwechslung. Obwohl die Einbildungskraft für Kant nur die
„niedrigste Stufe vom Erkenntnisvermögen“ ist, wird sie überschätzt. Er erklärt
sich dies dadurch, „daß die Einbildungskraft, welche dem Verstande Stoff unterlegt,
um den Begriffen desselben Inhalt (zum Erkenntnisse) zu verschaffen, vermöge
der Analogie ihrer (gedichteten) Anschauungen mit wirklichen Wahrnehmungen
jenen Realität zu verschaffen scheint.“ (Anthr B 71) Die Ironie kann eine
Vorstellung, die blos das Produkt des „freien Spiels der Einbildungskraft“ ist
als real präsentieren.
c) Schliesslich
eignet sich die Ironie nicht nur schlecht zur Verkündung der Wahrheit, sie
eignet sich vorzüglich zur Erzeugung von Schein. Eine Vorstellung der Einbildungskraft
kann als eine sinnliche Erkenntnis verkauft werden. So kann bewusst Falschgeld in Umlauf gebracht
werden.
Weshalb lässt
sich Kant dazu hinreissen, sich dem „freien Spiel der Einbildungskraft“
auszusetzen? Er sagt nichts dazu. Kants Sarkasmus
als Funktion der Ironie[122]
signalisiert seine übergeordnete Machtposition. Seine Position ermöglicht ihm
eine deutliche Ironie, und die Ironie selbst wird zum Ausdruck dieser Überlegenheit.
An der einzigen Stelle im Gesamtwerk, an der Kant explizit von Ironie spricht,
hat diese die Funktion, den Gegner lächerlich zu machen: „Hierzu kam noch, daß
Sokrates die Sophisten durch seine Ironie in die Enge trieb, und lächerlich
machte.“[123]
Lächerlich macht Kant seinen Gegner mit seiner Ironie auch. Einen schönen und
bissigen Ausdruck des aufklärerischen Sarkasmus findet man in Schlegels
Rezensionen[124]
von Schlossers Schreiben, aus einem
anderen Grund charakterisiert der Sarkasmus Kants Streitschrift: Für Kant steht
der „Tod aller Philosophie“ auf dem Spiel. Mit seinem Sarkasmus (sarkasmos) baut er dem
gegnerischen Diskurs einen Sarg,
einen sarkofagos, der mit seinem eingelegten Kalkstein dessen Fleisch (sarkos) so schnell wie möglich in Asche
verwandeln soll[125].
Mit dem Sarkasmus zerfleischt (sarkazw) und löscht
er die Ausdrücke seiner Gegner mit seinen eigenen Intentionen.
5. Ursprung und Ziel
Mit der
eingegangenen Verpflichtung gegenüber der Tradition, gegenüber der „ersten
Bedeutung“ (vT A 387), gegenüber der „wissenschaftlichen Lebensweisheit“ (vT A
387) wirft Kant die Frage nach dem historischen
Ursprung der Philosophie auf. Gleichzeitig ist dies die Frage nach dem Wesen
der Philosophie: Es gibt nur eine „eigentliche“ (vT A 423 u. 424) Philosophie.
Da das Wesen der Philosophie historisch verankert werden soll, stellt Kant die
Frage nach dem historischen Ursprung des Wesens der Philosophie. In diesen
Fragen überkreuzen sich Ontologie und Sprachphilosophie, so dass Paul de Man
die berechtigte Frage gestellt hat, ob „das Eigentliche – also ein
linguistischer Begriff – mit dem Wesen – das von sprachlicher Vermittlung
unabhängig sein soll – koinzidieren könne.“[126]
Von der Geschichte erwartet Kant keine Erkenntnisse. Die
Philosophiegeschichte ist nicht die Philosophie. Für die Bestimmung der
Philosophie ist nicht die Philosophiegeschichte verantwortlich, sondern nur das
Denken:
„Es
gibt Gelehrte, denen die Geschichte der Philosophie (der alten sowohl, als
neuen) selbst ihre Philosophie ist; für diese sind gegenwärtige Prolegomena
nicht geschrieben. Sie müssen warten, bis diejenigen, die aus den Quellen der
Vernunft selbst zu schöpfen bemüht sind, ihre Sache werden ausgemacht haben,
und alsdann wird an ihnen die Reihe sein, von dem Geschehenen der Welt
Nachricht zu geben.“ (ProMe A 3)
Kants
Rationalismus schottet sich sowohl von der Geschichtlichkeit der Sprache als
auch von der Geschichtlichkeit der Philosophie ab[127].
Nur die „Vernunft“ bestimmt die Philosophie und die Wahrheit. Bei Kant findet
sich eine ähnliche Ablehnung von Büchern und von Buchwissen wie bei Descartes[128].
Gleichzeitig ist Kant sich bewusst, dass er von der Geschichte abhängig ist.
Als Konventionalität in der Sprache sichert sie die Kommunikation. Als
Tradition muss er sie berücksichtigen, um sozial ernst genommen zu werden.
In den Vorlesungen über die Metaphysik und in
der Logik hat Kant eine „Geschichte
der Philosophie“[129]
geliefert. Die Philosophie beginnt mit den Griechen, die das Denken „in concreto“ in das Denken „in abstracto“ überführt haben[130].
Nicht mehr „Bilder“ sind für die Philosophie bestimmend, sondern „Begriffe“[131].
Kant entscheidet sich für die Begriffe, und legitimiert diese Wahl nicht nur
historisch, sondern auch systematisch in der Sprachphilosophie. Die in der Logik vorgetragene „Geschichte der Philosophie“
(Logik A 29ff.) beginnt mit der Setzung des Unterschieds zwischen konkreter und
abstrakter Erkenntnis (Logik A 29). Erst über diese Setzung legt er den historischen
Ursprung der Philosophie fest. Er kommt zu demselben Resultat: „Unter allen
Völkern haben also die Griechen erst angefangen zu philosophieren.“ (Logik A
29)
Obwohl Kant
die Unterscheidung zwischen konkreter und abstrakter Erkenntnis einführt, um
den Ursprung der Philosophie zu bestimmen, stiftet Kant in einigen seiner
Formulierungen wieder Verwirrung: „Die Poesie ist älter als die Prose; denn die
ersten Philosophen kleideten alles in Bilder ein.“[132]
Oder in der Logik: „Übrigens kleideten
die ersten Philosophen alles in Bilder ein. Denn Poesie, die nichts anderes ist
als eine Einkleidung der Gedanken in Bilder, ist älter als die Prose.“ (Logik A
31) Auch diejenigen, die „Bilder“ verwenden, sind Philosophen. In Kants
historischem Ursprung der Philosophie sind begriffliches und bildliches Denken
nicht klar voneinander geschieden. Kant lässt das bildliche Denken zu, wünscht
aber im Namen seines Fortschrittsglaubens und in einer teleologischen Wendung
für die Zukunft sein Verschwinden: Wenn es genügend Begriffe geben wird, wenn
sich die der Vernunft adäquate Erkenntnis entwickelt haben wird, wird das Bild
verschwunden sein. Als Ersatz, als Supplement eines noch nicht reifen
Verstandes darf es mit dem begrifflichen Denken vorläufig koexistieren. Diese
Koexistenz ist in der Zeit Kants nicht verschwunden. Sie ist bis heute nicht
verschwunden. Kant folgt dem Schema „Vom Mythos zum Logos“, das Wilhelm Nestle
später als philosophischen Allgemeinplatz formuliert hat[133].
Mit einem
Eigennamen identifiziert Kant den Ursprung der Philosophie nicht eindeutig:
„Wenn und Wo aber unter den Griechen der philosophische Geist zuerst entsprungen
sei, das kann man eigentlich nicht bestimmen.“ (Logik A 30) Einerseits nennt er
Thales, „welcher den Gebrauch der speculativen Vernunft einführte, und von dem
man auch die ersten Schritte des menschlichen Verstandes zur wissenschaftlichen
Cultur herleitete“ (Logik A 30/31). Andererseits macht er Sokrates als Kritiker
der Sophistik zur Gründerfigur der Philosophie. Dieser hat in einer
eigentümlichen Operation den Namen der Philosophie erst eingeführt: „Deswegen
wurde auch der Name Sophist, unter dem man sich sonst einen Mann dachte, der
über alle Sachen vernünftig und einsichtsvoll reden konnte, jetzt so verhaßt
und verächtlich und statt desselben der Name Philosoph eingeführt.“ (Logik A
32) Mit der Überwindung der Sophistik ist der Name der Philosophie aufgetaucht
und zwar als Metonymie der Sophistik, die ihrerseits zur
blossen Überredungskunst verkam. Die
Figur der Metonymie hat eine bestimmte Vorstellung mit dem Namen der
Philosophie in Verbindung gebracht, in eine Verbindung, die zur Zeit Kants
wieder zu zerfallen droht.
Die Verschiebung, vor deren inflationären Auswirkungen Kant
die Philosophie schützen möchte, hat die Bezeichnung Philosophie
hervorgebracht. Die Metonymie ist der
Ursprung der Philosophie. Die Verschiebungen, die zum Namen der Philosophie
geführt haben, hatten mit dem Ursprung der Philosophie kein Ende. „Schon sehr
früh“, sagt Kant in Von einem neuerdings
erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie, ist der „Name der Philosophie“
als „Titel der Ausschmückung des Verstandes nicht gemeiner Denker, in Nachfrage
gekommen, für welche sie jetzt eine Art von Enthüllung eines Geheimnisses
vorstellte..“ (vT A 387) Derrida übersetzt dieses „schon sehr früh“, indem er
sagt, dass Kant dieses „Ereignis“ der Verschiebung „in nächster Nähe zum
Ursprung anzusiedeln scheint [...]“[134].
Kant gelingt eine eindeutige Legitimierung der Philosophie
über ihren Ursprung nicht:
1.) Begriff und Bild, Abstraktes und Konkretes sind im Ursprung
der Philosophie verschwistert.
2.) Eine Verschiebung hat zum Namen der Philosophie geführt, der
selber unaufhörlich - einem „Gesetz“ gehorchend[135]
- weiter verschoben wird.
Was tut Kant, um die historische Legitimation zu wahren?
Kant gelingt es nur mit seiner naturteleologischen Geschichtsphilosophie, in
die verworrene Geburt der Philosophie Klarheit zu bringen. Das Bild
verschwindet und die Philosophie erstrahlt in ihrem reinen Glanz, wenn der
Verstand sich entfaltet haben wird, was von der Natur gewährleistet wird. Doch
auch diese Hoffnung wird zunichte gemacht, wenn man an Paul de Mans Analyse des
„vielleicht“ aus Kants §49 der Kritik der
Urteilskraft denkt: Kant, dem es in jenem Passus darum geht, verborgene
Metaphern des philosophischen Diskurses zu enthüllen, zeigt mit einem
„vielleicht“ an, dass zwischen der eigentlichen und uneigentlichen Bedeutung
eines Wortes grundsätzlich nicht unterschieden werden kann[136]:
„Von dem Augenblick an, da diese Entscheidung, wenn auch nur beiläufig, als
bloss ‚vielleicht‘ möglich bezeichnet werden kann, verliert die Theorie einer
schematischen Hypotypose viel von ihrer Überzeugungskraft.“[137].
Auch die Metonymie stellt ein ernsthaftes Problem, nicht weil sie das Denken
oder die Vernunft affizieren könnte, die Vernunft kann von einer sprachlichen
Verschiebung nicht wirklich gestört werden. Die Verschiebung treibt die
Vernunft in einen Solipsismus, der ihr ihre Mitteilbarkeit nimmt. Verliert die
Vernunft aber ihre Mitteilbarkeit, steht ihre Existenz auf dem Spiel, so dass
Kant den „Tod aller Philosophie“ befürchtet. Kant bleibt nichts anderes übrig,
als das „Band, das den Namen der Philosophie an seine Bedeutung bindet“[138],
wieder so straff wie möglich zu ziehen. Diese Restauration des
Philosophiebegriffs aber verweist ihn in den sozialen Machtkampf, den er mit
Johann Georg Schlosser demonstriert.
Parallelisiert man Kants Geschichtsphilosophie mit seiner
Wendung vom „Tod aller Philosophie“, so zeigt sich deutlich, welche grosse
Gefahr der Philosophie seitens der Sprache droht. Die Spannung zwischen der
faktischen Philosophiegeschichte mit ihrer Ambivalenz von Begriff und Bild und
dem faktischen Funktionieren der Sprache mit ihren Verschiebungen und ihrer
immanenten Inflation einerseits und Kants teleologischen Geschichtsphilosophie
und seiner peripher angelegten Sprachphilosophie andererseits zeigt den Existenzraum
der Philosophie mit all ihren Möglichkeiten und Grenzen an. Der „Tod aller
Philosophie“, Kants Einsatz, kann das verzweifelte Ringen um eine Teleologie in
der Geschichte[139]
etwa in der Erneuerten Frage: Ob das
menschliche Geschlecht im beständigen Fortschreiten zum Besseren sei im Streit der Fakultäten erklären: Soviel
steht auf dem Spiel.
Schliesslich
darf nicht vergessen werden, dass Kant selber die Strategie der Verschiebung
anwendet, um sich überhaupt auf die Tradition rückbeziehen zu können. Die
Verschiebung ist nichts anderes als eine Form der „Analogie“ - der
Ähnlichkeitsbeziehung -, der Rhetorik als Metapher oder Metonymie und des
„Symbols“ und „Bildes“[140].
Die Geschichtsphilosophie und die Sprachphilosophie als Ausgrenzung der Sprache
aus der Vernunft haben die Funktion, Kants eigene Verschiebungsstrategie
essentialistisch zu legitimieren, d h. auf einen verbindlichen Grund
zurückzuführen. Sie erlauben es Kant, von einer Eigentlichkeit zu reden, von
der jedes Andere abfallen muss. Und
sie erlauben ihm - allen anderen zum Trotz-, die Analogie im Dienst dieser
Eigentlichkeit zu verwenden. Die Sprache ist in ihrer Unbedeutsamkeit das
Mittel, das Endziel zu erreichen. Und nur dieses Endziel kann den
gleichzeitigen Einsatz und Ausschluss der „Analogie“ rechtfertigen.
Dieses
Eigentliche aber ist Kants Philosophie. Für Derrida ist es das „transzendentale
Signifikat“[141],
das die Epoche des Buches im Gegensatz zu der der Schrift definiert[142].
Es ist der Inbegriff der Metaphysik, des Wunsches, der Präsenz[143],
des Zentrums und der Setzung, der Sinn und Diskurs überhaupt ermöglicht[144].
Diese Form der
Festigung des Diskurses ist ökonomisch[145].
Zur Eigentlichkeit (oikos) - zum
„transzendentalen Signifikat“ - wird nach einem bestimmten Gesetz (nomos) zirkulär zurückgekehrt. Diesem Kreis
kann man nur folgen oder ihn ganz verlassen. Die Gesetze (nomoi) – die Diskursivität,
Geschichtsphilosophie, Sprachphilosophie usw. - sind auf ein Zentrum gerichtet,
das den Kreis zusammenhält, ein Zentrum, das, wie Derrida bemerkt hat, sowohl
drinnen als auch draussen ist, insofern es den Bereich des Buchstabens und der
Schrift immer schon transzendiert hat. In diesem Kreis zirkuliert der Name der
Philosophie nach den Gesetzen dieser Philosophie. Die Eigentlichkeit, die nur
eine Setzung sein kann, wird durch eine Teleologie, eine sprachlose Vernunft
und eine bemächtigende und ausschliessende Verschiebungsstrategie bestätigt.
Schliesslich ist die Eigentlichkeit selbst ein überaus mächtiges, gewalttätiges
und totalitäres Strategem, die Macht zu befestigen.
Jede
Veränderung dieser Gesetze verschiebt das Zentrum. Kants Gegner wollen diese
Verschiebung: Sie wollen die Philosophie als eine „Ahnung“ (vT A 406)
verstehen, als eine „Enthüllung“ (vT A 387), als ein „Geheimnis“ (vT A 401);
sie wollen das Denken in concreto,
das Bild, den Mythos, die Analogie restaurieren. Das aber ist der „Tod aller
Philosophie“, weil Kants Eigentlichkeit zerstört, das Zentrum verschoben und
ein ganz anderer Kreis definiert wird.
An dieser
Eigentlichkeit ist Kants Totalitarismus ablesbar. An diesem Totalitarismus
ändert sich nichts, wenn Kant behauptet, es gäbe keine „wahre Philosophie“:
„Es gibt aber auch
keine solche wahre Philosophie. Lernen wir philosophieren; so dürfen wir alle
Systeme der Philosophie nur als Geschichte des Gebrauchs unserer Vernunft ansehen,
und als Objekte der Übung unserer kritischen Fähigkeiten. Hieraus erhellet, daß
Einige ihren Verstand dialektisch brauchen, d.i. ihren Kenntnissen einen Schein
der Weisheit geben. Dies ist aber das Amt eines Sophisten. Ein Philosoph muß
zwei Stücke haben:
1) Die Kultur seiner
Geschicklichkeit; diese ist nöthig, weil wir sie zu allen Zwecken brauchen;
2)
Eine Fertigkeit im
Gebrauch aller Mittel zu beliebigen Zwecken.“[146]
Gerade das Wissen,
dass es keine „wahre Philosophie“ gibt, macht die wahre Philosophie aus. Zu
sagen, dass es keine Wahrheit gibt, bedeutet, die Wahrheit zu potenzieren, um
sie auf einer anderen Ebene erneut zu behaupten. Die Potenzierung der Wahrheit
führt zur Eigentlichkeit zurück, die als solche immer schon alles absolut
transzendiert hat.
Exkurs
IV: Manöver mit Platon
Kants
Unterscheidung zwischen autorisiertem und vulgärem Philosophieren veranlasst
ihn, die philosophische Tradition zu spalten, weil seine Gegner sich durch die
Tradition legitimieren (bereits
Schlosser unterscheidet im Vorbericht zu seiner Platonübersetzung zwischen
„wahren“ und „falschen Philosophen“[147]
und zwischen den „mystischen Philosophen“ und den „Erdephilosophen"[148]).
Kant unterscheidet zwischen einer Geschichte der Philosophie und einer
Geschichte der Offenbarung (vT A 387)[149].
Die Spaltung sondiert nicht nur die echten von den falschen Philosophen. Kant
teilt einzelne Philosophen auf, um sie nicht aus dem Reich der Philosophie
verbannen zu müssen.
Der Streit
zwischen Kant und Schlosser in Von einem
neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie ist eine Schlacht mit
den Autoritäten der Philosophiegeschichte[150].
Schlosser geht in seiner Übersetzung von Platons Briefen mit der Karte Platon
gegen Kant in die Offensive. Darauf spielt Kant die Karte Platon aus, indem er
diesen teilt (vT A 391). In einem nächsten Schritt schiebt Kant die Karte
Pythagoras nach. Er stellt ihn an die Seite des schlechten Platon. Als
Inbegriff der guten Philosophie nennt Kant Aristoteles (vT A 397). In Kants
Text wird anschliessend von Stolberg mit Aristoteles das Ende der Philosophie
verkündet (vT A 399, Note). Ganz am Schluss der Streitschrift reagiert Kant mit
dem Einsatz von Aristoteles. Er stellt ihn als Vertreter des Altertums als
prosaischer Philosoph der Poesie entgegen (vT A 425).
Der Kampf mit
den Autoritäten dient Kant als Legitimation seines Philosophiebegriffs und der
Verbannung der ‘Gefühlsphilosophen’ aus der Philosophie. Kant geht auf die
Tradition ein, weil er im auf einer öffentlichen Plattform (der Berlinischen Monatsschrift)
ausgetragenen Streit diejenigen Gründungsväter der Philosophie, nach denen sich
die Öffentlichkeit ihr Bild von der Philosophie macht und gemacht hat, nicht
ignorieren darf, wenn er sein öffentliches Ansehen nicht gefährden will. Weil
es sich um einen Kampf um den Namen der Philosophie handelt, ist dieses
öffentliche Ansehen von grösster Bedeutung, weil nur die Popularität der wahren Philosophie, d. h. der Kantischen, das Band
zwischen dem Namen und der Bedeutung der Philosophie wieder so straff ziehen
kann, dass kein Falschgeld in Umlauf
gebracht wird.
Dass Kant die
Tradition nicht egal ist, davon zeugt der Ausdruck vom „Siegel des Altertums“,
den er in Von einem neuerdings erhobenen
vornehmen Ton in der Philosophie zunächst als Zitat wiedergibt, dann selber
als Argument verwendet: „Denn Aristoteles, ein äusserst prosaischer Philosoph,
hat doch gewiss auch das Siegel des Altertums auf sich, und, nach jenem Grundsatz
[nach Schlossers Grundsatz, dass das ‘Siegel des Altertums ein Grund ist, einen
Text zu lesen], den Anspruch darauf, gelesen zu werden!“ (vT A 425) Obwohl Kant
die Wendung vom „Siegel des Altertums“, die von Schlosser als
Qualitätszertifikat verstanden wird, nur negativ – d. h. ironisch - zur
Widerlegung von Schlossers Bemächtigung von Platon verwendet, zeigt er an, dass
er verstanden hat, dass die Tradition mindestens im vulgären
Philosophieverständnis, d. h. in der Öffentlichkeit, eine ungebrochene Macht
hat.
Schlosser
beginnt seine Kant-Kritik mit einem Kommentar zu einer Stelle in Platons 7.
Brief[151].
Er bezieht sich auf Platons fünfstufiges Modell der Erkenntnis. Er übersetzt:
„Drey Dinge gehören dazu, um einen Gegenstand, welcher es
auch sey, wissenschaftlich zu bearbeiten; das vierte ist die Wissenschaft [(episthmh)], und das fünfte ist der Gegenstand selbst und sein wahres
Seyn [(alhJeia)].“[152]
Für Platon ist
die erste Stufe der Erkenntnis der Name des Gegenstandes (onoma), die zweite seine Beschreibung (logos) und die dritte besteht im Gegenstand
als sinnlicher Erscheinung oder Abbild der Idee (fainomenon)[153].
Schlosser interessiert sich für die fünfte Stufe der Erkenntnis, die er in
seiner Fussnote - die seine Kant-Kritik enthält - genauer übersetzt: „Diese
Idee nun, dieses feste, unveränderliche Wesen, das sich nur in der Seele und durch die Seele anschauen lässt,
dieses ist das, was hier Plato unter dem fünften verstehet, wenn anders ich
diese Stelle richtig verstanden habe.“[154]
alhJeia meint eine
unmittelbare Schau einer übersinnlichen Idee durch die Seele. Dieses Schema,
das Grundmuster platonischer Metaphysik, macht Schlosser zum Dogma seiner
unsystematischen ‘Philosophie’. Sein Ahnen und Fühlen bezieht sich auf eine Art
Platonische Idee[155].
Die Ideenschau kommt der Definition der Philosophie gleich: „Diese Stelle [über
die 5. Stufe der Erkenntnis] scheint mir über Plato’s Philosophie, und über die
Philosophie überhaupt ein grosses Licht zu verbreiten.“[156]
Platon kommt
im 7. Brief auf die Stufen des Wissens zu sprechen, nachdem er festgestellt
hat, dass die Schrift für die Philosophie eine geringe Bedeutung hat:
„Es gibt ja auch von mir darüber keine Schrift und kann auch
niemals eine geben; denn es lässt sich keineswegs in Worte fassen wie andere
Lerngegenstände, sondern aus häufiger gemeinsamer Bemühung um die Sache selbst
und aus dem gemeinsamen Leben entsteht es plötzlich - wie ein Feuer, das von
einem übergesprungenen Funkten entfacht wurde - in der Seele und nährt sich
dann schon aus sich heraus weiter.“[157]
Platon stellt
der Schrift die „wahre Rede“ entgegen: „Denn es gibt eine wahre Rede, die sich
dem entgegenstellt, der es wagt, auch nur etwas über derartige Dinge zu
schreiben.“[158]
Trotz dieser Warnung glaubt Platon, die Lehre der Erkenntnisstufen „jetzt noch
einmal aussprechen“[159]
zu müssen. Darauf folgt der Passus, auf den sich Schlosser bezieht.
Platon stützt
die Position Schlossers kontextuell: Er spricht von einem Feuer in der Seele,
das „sich dann schon aus sich heraus weiter[160]“
nähren wird. Arbeit an Texten, an der Sprache und mit Begriffen ist nicht
notwendig, die Seele genügt sich selbst, „nach wenigen Hinweisen“[161]
kann sie selbständig zur Wahrheit finden. Platon sagt, man könne seine Lehre
kaum „in Worte fassen“ wie „andere Lerngegenstände“. Schlossers Ahnung könnte
das adäquate Mittel der Philosophie sein.
Auch Kant
hätte sich Platon zu Nutzen machen können. Da der Streit zwischen Kant und
Schlosser auf einem unvereinbaren Verständnis der Ethik beruht, hätte sich Kant
auf den Passus beziehen können, in dem Platon von der Wichtigkeit der Gesetze
in einem Staatswesen spricht: „Macht Sizilien nicht menschlichen Herrschern
untertan und auch keine Stadt sonst - so mein Wort -, sondern Gesetzen.“[162]
Was die menschlichen Beziehungen betrifft, so Platon, soll man sich nicht auf
die „Verwandtschaft der Empfindung und des Leibes“ berufen, sondern auf die
„Gemeinschaft, die die Bildung unter freien Männern begründet.“[163]
Kant hätte sich darauf stützen können, dass Platon es nicht einem Gefühl
überlässt, das menschliche Zusammenleben zu organisieren, sondern sich auf
„Bildung“ und „Gesetze“ verlässt.
Kants
Auseinandersetzung mit Platon fokusiert auf dessen Ideenlehre und Überlegungen
zur Mathematik. Kant präsentiert sich als Kritiker des Platonismus:
„Die leichte Taube, indem sie im freien Flug die Luft teilt,
deren Widerstand sie fühlt, könnte die Vorstellung fassen, dass es ihr im
luftleeren Raum noch viel besser gelingen könnte. Eben so verließ Plato die
Sinnenwelt, weil sie dem Verstande so enge Schranken setzt, und wagte sich
jenseits derselben auf den Flügeln der Ideen in den leeren Raum des reinen
Verstandes. Er bemerkte nicht, das er durch seine Bemühungen keinen Weg
gewönne, denn er hatte keinen Widerhalt, gleichsam zur Unterlage, worauf er sich
steifen, und woran er seine Kräfte anwenden konnte, um den Verstand von der
Stelle zu bringen.“ (KrV B 8f.)
Kant
verschiebt die platonischen Ideen zu Begriffen der reinen Vernunft und gelangt
zu einem eigenen Verständnis der Idee[164].
Diese Verschiebung ist für den Platonismus verhängnisvoll[165].
Den Kategorien übergeordnet, garantieren die Ideen mit regulativem Status die
Einheit der Kategorien und der Vernunft. Nur in der praktischen Philosophie
wird den Ideen der Freiheit, der Unsterblichkeit und Gottes eine objektive
Realität zuerkannt. Doch auch im praktischen Bereich hat die Idee bei Kant
einen qualitativ anderen Wert als bei Platon. Dies liegt an der grundsätzlich
verschiedenen Einschätzung des menschlichen Erkenntnisvermögens. Kant hält eine
„intellektuelle Anschauung“ (vT A 388) für unmöglich. Für ihn ist die
Unmittelbarkeit nicht mehr möglich, eine grosse Distanz trennt den Menschen von
den „Idealen“[166]:
„Was uns ein Ideal ist, war dem Plato eine Idee des göttlichen Verstandes, ein
einzelner Gegenstand in der reinen Anschauung desselben, das Vollkommenste
einer jeden Art möglicher Wesen und der Urgrund aller Nachbilder in der
Erscheinung.“ (KrV B 596)
Platons
Philosophie ist in Kants Augen mystisch: „Wenn ich aber in den Bestimmungen
weiter gehen will; so verfalle ich in den mystischen Idealismus. Behaupte ich
denkende Wesen, von denen ich intellectuelle Anschauung habe; so ist das
mystisch.“[167]
Kant bezeichnet Platon als Mystiker, weil die Schau (Jewria), von der dieser spricht, eine Metapher
ist. ‚Man schliesst (muein) die Augen‘,
um mit der Seele die Ideen zu betrachten. Während Platon auf dem Weg zu den
Ideen die „Unterlage“ und der „Widerhalt“ fehlen, gibt sich Kant zur
Grundlegung der Ethik durch die Idee der Freiheit mit der begrifflich-diskursiven
Methode ein Fundament: Nur durch die begriffliche Zergliederung der Pflicht und
der begriffliche Ausarbeitung des Sittengesetzes kann Kant der Idee der
Freiheit Realität verschaffen.
An kaum einer
Stelle, an der Kant Platon erwähnt, unterlässt er es, vor der Schwärmerei und
dem Mystizismus zu warnen[168].
Er identifiziert die „ganze mystische Theosophie“ mit Platon. „Vornehme
Personen“ nennt er „Neuplatoniker“ (vT A 410). Sie sprechen eine
„mystisch-platonische Sprache“ (vT A 409). Kant zieht eine Verbindungslinie
zwischen Platon und der ‘Gefühlsphilosophie’. Platon ist der „Vater aller
Schwärmerei mit der Philosophie“ (vT A 408).
Am Beispiel
der Mathematik demonstriert Kant in Von
einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie die Teilung
Platons. Für Kant ist die Mathematik die Vorläuferin der Philosophie[169].
Kant und Platon stellen sich die Frage, woher die reinen Figuren und Zahlen der
Geometrie und Arithmetik stammen, wenn sie empirisch nicht vorgefunden werden
und sinnlich nicht zugänglich sind. Platons Antwort auf diese Frage ist die
Ideenlehre. Platon nimmt ebenso wie Kant „Anschauungen a priori“ zur Erklärung
dieses Phänomens an. Über diese Gemeinsamkeit macht Kant Platon zum Vorläufer
der Transzendentalphilosophie: „Ihm [Platon] schwebte ohne Zweifel, obzwar auf
eine dunkle Art, die Frage vor, die nur seit kurzem deutlich zur Sprache
kommen: ‘Wie sind synthetische Sätze a priori möglich?’“ (vT A 392, Note) Kant
übersetzt Platons Fragestellung in seine eigene Sprache und behauptet, Platons
Philosophieren beruhe auf dieser Kantischen Frage[170].
Den nächsten Schritt Platons macht Kant nicht mehr mit. In einer
Klammerbemerkung betont Kant ein weiteres Mal, dass „unser Verstand [...] nicht
ein Anschauungsvermögen“ (vT A 392) sei. Was Platon im „Göttlichen Verstand“
(vT A 392) ansiedelt, verlegt Kant „in unsern Verstand“ (vT A 391).
Wie gelingt es
Kant, Platon als strategisches Mittel einzusetzen? Die Strategie umfasst fünf
Schritte:
1) Kant
identifiziert Schlossers Mystizismus mit dem ‘schlechten’ Platon.
2) Er verzeiht
Platon die Rolle als „Vater aller Schwärmerei“, weil dieser „ohne seine Schuld“
(vT A 407) in diese Funktion gerutscht ist. Platon hat die „intellectuelle
Anschauung“ nur „rückwärts“, zum „Erklären der Möglichkeit eines synthetischen
Erkenntnisses a priori“ (vT A 407) verwendet (Kant bezieht sich damit auf
Platons Anamnesis-Theorie). Dem Erfinder dieser intelligenten und die
Philosophie charakterisierenden Fragestellung muss verziehen werden, wenn er
nicht die richtige Antwort gefunden hat[171].
3) Kant lastet
den ‘Gefühlsphilosophen’ die ganze Schuld für die inflationären Zustände in der
Philosophie an[172].
Sie haben keine Rechtfertigung, weil er, Kant, eine Lösung für die
synthetischen Urteile a priori gefunden hat. Sie sollen sich nicht auf Platons
Fehler stützen, sondern auf dessen Leistungen.
4) Kant sieht in
Platon den Gründer der „Akademie“ (vT A 407), womit er den Schul- und damit
Arbeitscharakter von dessen Philosophie stark macht. Kant kann so seine
Unterscheidung zwischen „schulmässiger“ und „geniemässiger“ ‘Philosophie’(vT A
390), zwischen Arbeit und Gabe mit dem ‘schlechten’ Beispiel stützen.
5) Schliesslich
unterscheidet Kant zwischen zwei Textgattungen: Platon hat philosophische Texte
geschrieben (vor allem Dialoge) und Briefe, deren Authentizität fragwürdig ist[173].
Kant möchte diese Textgattungen nicht vermischen, wie er auch Prosa und Lyrik,
Charakter und Symbol, Begriff und Bild, Philosophie und Offenbarung vermengt
werden sollen: „Ich möchte aber nicht gerne den (neuerlich [von J. G.
Schlosser] ins Deutsche übersetzte) Plato den Briefsteller mit dem ersteren
[dem Akademiker] vermengen.“ (vT A 408) Damit entzieht aber Kant speziell
Schlosser die Textgrundlage. Die fünfte Stufe der Erkenntnis in Platons 7.
Brief ist nicht mit Platons
Anamnesis-Theorie zu verwechseln. Platons Wiedererinnerungstheorie, die Kant in
Von einem neuerdings erhobenen vornehmen
Ton in der Philosophie kurz zusammenfasst (vT A 391/392), ist „rückwärts“
gewandt, sie gibt auf Fragen, die sich auf Tatsachen gründen, eine Antwort. Die
fünfte Stufe der Erkenntnis aus dem 7. Brief ist keine Antwort auf Tatsachen,
sondern eine Erweiterung der Tatsachen und der Erkenntnis in den übersinnlichen
Bereich. Diese Form des Erkennens, der aktive Einsatz der „intellektuellen
Anschauung“ zur Erweiterung der Erkenntnis ist nach „vorwärts“ (vT A 407)
gerichtet und damit schlimmer als die Anamnesis-Theorie. Indem Kant
Textgattungen unterscheidet, kann er die 5. Stufe der Erkenntnis zurückweisen.
Kant lässt
Platon nur in positivem Licht erscheinen. Dort wo er sich gegen ihn stellt,
entschuldigt er ihn. Obwohl Kant Platon auf den Kopf stellt, indem er die
Sinnlichkeit aufwertet und Erkenntnis ausserhalb der sinnlichen Wahrnehmung für
unmöglich erklärt, präsentiert er sich als dessen Freund. Platon ist der „Vater
aller Schwärmerei mit der Philosophie“, ohne Schuld.
Aristoteles
ist der einzige traditionelle Philosoph, den Kant in Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie
ungebrochen in positivem Licht präsentiert: „Die Philosophie des Aristoteles ist dagegen Arbeit.“ (vT A
397)
Kant
identifiziert Aristoteles mit der Logik und bezieht sich daher auf dessen
Organon. In der logischen Analyse sieht er das verwirklicht, was er
philosophische Arbeit nennt:
„Die
jetzige Logik schreibt sich her von Aristoteles’ Analytik. Dieser Philosoph
kann als der Vater der Logik angesehen werden. Er trug sie als Organon vor und
teilte sie ein in Analytik und Dialektik. Seine Lehrart ist sehr scholastisch
und geht auf die Entwicklung der
allgemeinsten Begriffe, die der Logik zum Grunde liegen, wovon man indessen
keinen Nutzen hat, weil fast alles auf bloße Subtilitäten hinausläuft, außer
daß man die Benennungen verschiedener Verstandeshandlungen daraus gezogen.“ (Logik A 17f. Hervorhebung von mir, R. M.)
Kant versteht
die Logik als zergliedernde Begriffsarbeit und findet in ihr somit das
Charakteristikum der Arbeit, das er in seine Philosophiedefinition einfliessen
lässt. Mit der Autorität Aristoteles kann Kant im Namen der Tradition die
Philosophie als Arbeit ausrufen.
Nun
unterscheidet sich der Fall Aristoteles aber von den anderen Fällen (mit
Pythagoras verfährt Kant ebenso wie mit Platon) darin, dass alle in Aristoteles das Vorbild des
Philosophen sehen.
6. Das Ende
Nicht nur
Kant, sondern auch die ‘Gefühlsphilosophie’ beruft sich auf Aristoteles.
Kants
Pseudozitation aus Stolbergs Vorrede
aus den Auserlesenen Gesprächen des
Platon[174]
ist keine selbstverständliche Übertragung:
„Dahin [zum blinden Glauben] gehört dann z. B. ‘der Glaube
an die Donnerlegion zu Zeiten des Mark Aurel’, imgleichen ‘an das dem Apostaten
Julian zum Possen unter dem Schutt von Jerusalem durch ein Wunder hervorgebrochene
Feuer’; welcher für die eigentliche echte Philosophie ausgegeben, und das Gegenteil
derselben ‘der Köhlerglaube’ genannt wird (gerade als ob die Kohlbrenner, tief
in ihren Wäldern, dafür berüchtigt wären, in Ansehung der ihnen zugetragenen
Märchen sehr ungläubisch zu sein): wozu dann auch die Versicherung kommt, dass
mit der Philosophie seit schon zweitausend Jahren ein Ende habe, weil ‘der
Starigit für die Wissenschaft soviel erobert habe, dass er wenig Erhebliches mehr den Nachfolgern zu erspähen überlassen
hat’.“ (vT A 398f., Note, Hervorhebung von mir, R. M.)
Kant nimmt
Stolbergs Äusserung als Anlass, den „Tod aller Philosophie“ zu befürchten.
Schlosser
sieht in Platon den Vollender der Metaphysik. Er hat befürchtet, dass eine
Philosophie wie die Transzendentalphilosophie, die „bloss den denkenden
Menschen“ berücksichtigt, „allem Denken ein Ende machen“[175]
wird. Stolberg nun sieht in Aristoteles den Vollender der Wissenschaft, wie er
in Hyppokrates den „unsterblichen Vater der Heilkunde“[176]
und damit Vollender der Medizin sieht. Sie alle haben „wenig Erhebliches den
Nachfolgern zu erspähen überlassen“[177].
Mit Platon ist das Ende der Metaphysik erreicht, mit Aristoteles das Ende der
Wissenschaft. Obwohl es trotz der vermeintlichen Vollendung der Philosophie einen
Rest gibt - das „wenig Erhebliche“ - verkünden Stolberg und Schlosser das Ende.
Kant bezieht
das „wenig Erhebliche“ in seiner Lektüre von Stolbergs Auserlesenen Gesprächen des Platon auf Aristoteles, obwohl es sich
in Stolbergs Vorrede primär auf
Hyppokrates bezieht:
„Man kann, glaube ich, ohne Uebertreibung sagen, dass der Starigit
für die Wissenschaft mehr erobert habe, als seit zweitausend Jahren nach ihm
erobert worden, und dass ihm, in Absicht auf viele Zweige der menschlichen
Erkenntnis, ein solcher Kranz gebühre, wie
derjenige ist, der den Hippokrates ziert, diesen unsterblichen Vater der
Heilkunde, in welcher er, wie grosse Aerzte versichern, wenig Erhebliches den Nachfolgern zu erspähen überlassen hat.“[178]
Stolberg
vergleicht zwar Aristoteles mit Hyppokrates, doch in erster Linie in Bezug auf
dessen Bedeutung in der „menschlichen Erkenntnis“. Es ist eine Frage der
Interpretation, ob man die Analogie
zwischen Aristoteles und Hyppokrates bis zu jenem Rest weiterzieht. Kant redet
nicht vom Ende der Medizin, sondern vom potentiellen „Ende aller Philosophie“: Er zieht die Analogie so weit, er kann,
er umfasst mit ihr Schlosser und die gesamte ‚Gefühlsphilosophie‘, er zieht sie
bis zum Ende der Philosophie. Allerdings hat er seine Gründe dafür: Schlossers
und Stolbergs Klassizismus, ihre Vergötterung der antiken Philosophen, kommt
einer Verengung des Blicks gleich, die die Philosophiegeschichte mit Platon und
Aristoteles enden lässt[179].
Sie verstehen sich als „Repräsentanten des Altertums“[180].
Sie sind reaktionäre Klassizisten.
Für Stolberg,
Schlosser und für Kant ist das absolute Ideal gegeben, wenn auch faktisch nicht
umgesetzt. Ihre geschichtsphilosophische Argumentation ist metaphysisch und
empirisch. Die Empirie wird als „Geschichtszeichen“[181],
um den treffenden Ausdruck Kants zu verwenden, in den Dienst einer Teleologie
gestellt.
Kant bezieht
sich zur Bestätigung seiner Naturteleologie in der Idee einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht auf
die Abfolge der verschiedenen politischen Systeme. Mit der transzendentalen
Durchführung der Geschichtsphilosophie wird die Transzendentalphilosophie zum
Endpunkt der Philosophie. Sie hat das Wissen vom Ende.
Für Schlosser
und Stolberg ist es die mystische Erfahrung, das Fühlen und Ahnen, das die
Wahrheit und somit Abgeschlossenheit der Metaphysik verbürgt. Nicht die
theoretische Erklärung kann die Erfahrung der Wahrheit mitteilen, es braucht
eine Verführung zur persönlichen
Erfahrung. Gleichzeitig wird die Erfahrung mit der Platonische Metaphysik
legitimiert.
Schliesslich
geht Schlosser mit einer christlichen Eschatologie so weit, sich und seine
Anhänger von dieser Welt gänzlich zu verabschieden: In seinen Studien, sagt er,
konzentrierte er sich
„Auf die sorgfältige Verfolgung der Geschichte in den
heiligen Schriften, wie sie in unnachahmlich hoher Einfalt der Leitung des Menschengeschlechts,
durch eine Reihe irdischer und himmlischer vermischter Begebenheiten, auf
irdische mit himmlischen vermischte Zwecke fortleitet, bis zu dem Augenblick da
in Christo alle irdische Zwecke aus dem menschlichen Verhältnis zur Gottheit
verschwinden, und eine ganz reine, ganz auf den künftigen Zustand nach dem Grab
abzweckende Gottesverehrung eingeführt wird.“[182]
Schlossers
Religiosität entbindet sich von jeglichem Weltbezug, ihr einziger Zweck ist das
Jenseits post mortem. Der christliche Gott ist für diese Welt nicht zuständig,
er dient ihr nur soweit, als der Mensch sie dank ihm zu transzendieren vermag.
Das Ziel, das jeden irdischen Zweck übertrifft, liegt in der Transzendenz. Auf
der Erde richtet man sich das Warten so angenehm wie möglich ein. Doch zu tun,
zu arbeiten, gibt es nichts mehr, das Ende existiert und steht jedem bevor, mit
jedem Tod tritt es ein. Warten wir auf den Tod und auf das Ende.
Dieses
radikalisierte Ende überlässt der Philosophie keine wesentliche Rolle. Während
des Wartens, während eines Wartens, das grundsätzlich nichts mehr verändert,
darf philosophiert werden, wenn es Spass macht. Aber ein „Genuss“ soll diese
Philosophie sein, wenn sie einen Sinn machen soll. Beim Warten auf den Tod und
auf das Ende kann mit der Philosophie die Zeit vertrieben werden. Die
Philosophie steht unter dem Diktat des Endes der Welt, sie hat nichts zu sagen,
sie vertreibt die Zeit bis zum Tod. Philosophie als Arbeit hat keinen Sinn, nur
Philosophie als Zeitvertreib, als „Genuss“, als Selbstzweck, als ‚l’art pour
l’art‘ ist konsequent in Bezug auf das Ende.
Was bezwecken
diese verschiedenen Bezüge auf das Ende? Sie bedeuten immer einen Vorsprung und zwar den Vorsprung gegenüber dem tatsächlichen
Ende, das nur der Tod sein kann[183].
Alle Protagonisten glauben, dass sich ihnen die Wahrheit vor ihrer Realisierung
gezeigt hat. Da Kant im Vertrag, den er den ‚Gefühlsphilosophen‘ ganz am
Schluss von Von einem neuerdings
erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie
anbietet, den „Tod aller Philosophie“ abzuwenden versucht, nimmt er teil
an diesem Diskurs über das Ende[184].
Er glaubt, mit seiner Philosophie der Wahrheit und damit dem Ende der
Philosophie näher gekommen zu sein als seine Gegner. Wäre die Philosophie mit
Platon und Aristoteles schon zu Ende, dann wäre Kants Philosophie überflüssig.
Die ‚Gefühlsphilosophie‘ und die Kantische Philosophie unterscheiden sich in
ihrer Methode, zur Wahrheit zu gelangen, aber nicht in ihrem apokalyptischen
Denken.
Kants
Abwehrstrategie ist komplex. Er reagiert auf die Bemächtigung Aristoteles‘ für
das Ende mit einem Cocktail von
‚Argumenten‘. Kants Strategie bedient sich sowohl der Politik als auch der
Philosophie und der Literatur. Im existentiellen Kampf um die Philosophie
verwendet Kant alle Mittel. In dieser
äussersten Situation macht er selber den Übersprung,
den salto mortale (vT A 407).
Nach der
Zitation von Stolberg fährt Kant mit einer politischen Ausführung fort:
„So sind die Gleichmacher der politischen Verfassung nicht bloss
diejenigen, welche, nach Rousseau, wollen, dass die Staatsbürger insgesamt
einander gleich seien, weil ein jeder alles ist; sondern auch diejenigen,
welche wollen, dass alle einander gleichen, weil sie ausser Einem insgesamt
nichts seien, und sind Monarchisten aus Neid: die bald den Plato, bald den
Aristoteles auf den Thron erheben, um, bei dem Bewusstsein ihres eigenen
Unvermögens, selbst zu denken, die verhasste Vegleichung mit andern zugleich
Lebenden nicht auszustehen.“ (vT A 399, Note)
Schlossers
Platonübersetzung versucht, wie es die Widmung An Claudius zeigt, Platon als einen realistischen und pragmatischen
Politiker vorzustellen. Platon soll dem deutschen Publikum das Gegenbeispiel
zur Französischen Revolution und zur Aufklärung sein[185].
Schlosser interpretiert die Aufklärung (wie auch den Absolutismus) als
Vorläufer der politischen Revolution[186]:
Die Aufklärer sind jene „Freyheits=Prediger“, die im „Westen“ zum Zuge gekommen
sind[187].
Die Französische Revolution hat ihm vor Augen gehalten, dass Revolutionen im
Krieg enden. Krieg bedeutete für den überzeugten Politiker das Ende der
Politik. Es führt für Schlosser eine direkte Verbindungslinie von den
philosophischen Schulen, die „bloss den denkenden Menschen“[188]
ernst nehmen, zur Französischen Revolution.
Schlosser
trennt den öffentlich-politischen Raum strikt vom privaten Raum ab. Sein
politischer Republikanismus verkommt zu einer illusionären Utopie[189],
die sich in die Innerlichkeit zurückzieht. Schlosser ist ein reaktionärer Hüter
des status quo: Er rät, mit den
„Obern, wenn sie sich durchaus nicht rathen lassen wollen, zufrieden zu seyn,
wie Gott sie gibt“[190].
Er empfiehlt seinen Zeitgenossen die „Unthätigkeit“[191].
In seiner Neuen Vorrede zur Platonübersetzung
macht Schlosser Platon zum Zeugen seiner reaktionären Haltung: „Wenn ich mich
nicht sehr betrüge, so dachte Plato nach diesen [nach Schlossers eigenen]
Grundsätzen.“[192]
Schlossers Grundsatz lautet, dass politische Veränderung nur stattfinden
dürfen, wenn sowohl das Ziel als auch das Erreichen des Ziels als absolut
sicher gelten[193].
Kant
bezeichnet die ‚Gefühlsphilosophen‘ als „Monarchisten aus Neid“ (vT A 399,
Note), weil sie es nicht wagen, sich politisch mit den gegenwärtigen
Bedingungen zu beschäftigen, dafür aber antike politische Vorbilder anbeten. Schlosser
flüchtet sich vor der realen Zeitgeschichte in eine geschichtliche und metaphysische
Transzendenz[194].
Sie beneiden auf Grund ihres eigenen „Unvermögens“ das Vermögen ihrer politischen
Gegner.
Kant hat die
Französische Revolution trotz moralischer Einwände (das gewaltsame
Widerstandsrecht gegen rechtsbrecherische Tyrannen lehnt Kant grundsätzlich ab)
aus geschichtsphilosophischer Sicht im Zuge seiner „List der Natur“ immer
positiv gewertet[195].
Schlossers und Stolbergs Anbetung Platons und Aristoteles‘, Schlossers
ablehnende Haltung gegenüber der Französischen Revolution und seine
Transzendierung der politischen Realität kommen für Kant einer Herabsetzung des
Menschen gleich, so dass alle „ausser Einem insgesamt nichts“ (vT A 399, Note) bedeuten.
Kants Exkurs
in die Politik will vor der Untergrabung der Demokratie durch die
‚Gefühlsphilosophie‘ warnen, denn nur dort, wo es Transparenz und Argumentation
gibt, wo Prüfung und öffentliche Darlegung möglich ist, ist Demokratie möglich[196].
Es gehört zur Strategie der „Monarchisten“, dem Volk die wahren Absichten zu
verschleiern, um besser schalten und walten zu können. Deshalb fragt Kant die
‚Gefühlsphilosophie‘ rhetorisch, ob sie über ihre Erkenntnisse „ein öffentlich
geltendes Zeugnis“ (vT A 416) ablegen könne.
Was hat dieser
politische Exkurs mit Schlosser mit dem Ende zu tun, das Stolberg verkündet?
Kant springt in dieser Fussnote, in der wir uns befinden, nicht nur von einem
zum anderen Thema und Diskurs, er vermengt auch Stolberg mit Schlosser und
Platon mit Aristoteles, so dass es nur eine ‚Gefühlsphilosophie‘ und eine
antike Philosophie gibt. Es scheint, als würden sich in Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie die
verschiedensten Enden überschlagen:
Es geht um das Ende der Philosophie (der Kantischen, der Schlosserschen, der
Platonischen), um das Ende der Metaphysik, um das Ende des Denkens, um das Ende
der Wissenschaft; es geht um das Ende des Bildes und um das Ende der Metapher,
um das Ende der Metonymie und um den Abschluss der Sprache (als einer
a-historischen Nomenklatur) überhaupt. Doch Kant zeigt an, dass dieser Diskurs
vom Ende – in den er selbst verflochten ist und den er mitproduziert -
politische Konsequenzen hat. Nicht die Aufklärung oder die Französische
Revolution bedeuten das Ende der Politik, wie Schlosser meint, sondern dieser
Diskurs vom Ende, der einer Nekrophilie gleichkommt, die die tote Vergangenheit
einer lebendigen Gegenwart vorzieht.
Auf die politischen Ausführungen lässt Kant einen Verweis
auf die Literatur folgen:
„Und so macht (vornehmlich durch den letzteren
Ausspruch) der vornehme Mann dadurch den Philosophen, daß er allem ferneren
Philosophieren durch Obscuriren ein Ende macht. — — Man kann dieses Phänomen nicht besser in seinem gehörigen Lichte darstellen,
als durch die Fabel von Voß (Berl. Monatsschr. Novemb. 1795, letztes Blatt),
ein Gedicht, das allein eine Hekatombe werth ist.“ (vT A 399, Hervorhebung
von mir, R. M.)
Der „vornehme
Mann“ versucht, der Philosophie „durch Obscurieren“ ein Ende zu machen. Durch
die Annahme einer ‚vorwärts gerichteten‘ intellektuellen Anschauung kann er
jedes Objekt transzendieren und jede begriffliche Aneignung durch ein Fühlen
und Ahnen ersetzen. Der Höhepunkt der Argumentation mit der Literatur besteht
darin, dass Kant die Literatur über die
Philosophie stellt: Sie kann „dieses Phänomen [das Obscurieren] besser in
seinem gehörigen Lichte darstellen“. Kant
erhebt eine Fabel von Johann Heinrich Voss zur besten Darstellung der
obskurierenden und apokalyptischen Methode der Mystagogen.
An dieser
Stelle wird deutlich, wie promiskuitiv Kants Argumentation ist: Um seines Endziels Willen, das er in seiner
Geschichtsphilosophie formuliert, ist ihm jedes Mittel recht, das seine Gegner
diskreditiert. Er formuliert das Problem zuerst philosophisch mit Begriffen,
verweist dann auf die Fabel, die das Problem ‚am besten darstellen‘ kann, die
Fabel schliesslich setzt das Problem in analogischer, d. h. in bildlicher,
metaphorischer und allegorischer und nicht zuletzt in sarkastischer Form in Sprache um.
Die Fabel von
Voss lautet:
„Der
Kauz und der Adler.
Keine Fabel.
Ein Kauz, in düstern
Synagogen
Des Ober=Uhus
auferzogen,
Kam früh in grauer
Dämmerung
Zum König Adler
hergeflogen.
‚Treu,‘ krächzt‘ er,
‚treu der Huldigung,
‚Rüg ich den
gellenden Trompeter
‚Der
unglücksschwangern Aufklärung,
‚Den Hahn, Dir König,
als Verräther.
‚Wann sanft Dein
wohlbeherrschter Staat
‚Noch schläft und
träumet und verdauet,
‚Und unser Lied, was
wacht, erbauet;
‚Schnell kräht uns
der Illuminat
‚Die Sonn‘ empor, um
aufzuklären,
‚Und Ruh und Andacht
uns zu stören.
‚Fink, Lerche,
Schwalb‘ und Reif‘ empören
‚Gefild‘ und Wald in
freien Chören;
‚Man kann sein eigen
Wort nicht hören.
‚Die tolle Rotte
singt gar Hohn
‚Der mystischen
Religion,
‚Die wir in heil’gem
Dunkel lehren;
‚Und, König, strafst
du nicht, so drohn
‚Aufruhr und
Hochverrath dem Thron!
‚Herr König, lass dir
doch gefallen
‚(Wir Kauz‘ und Eulen
flehn gesammt):
‚Dem Hahn und seinen
Schreiern allen
‚Zum Bändiger, im
Censoramt
‚Den frommen Uhu zu
bestallen!‘
Der Adler that als
hört‘ er nicht,
Und sah ins junge
Morgenlicht.“[197]
Kants
klassische Ironie umfasst den Verweis auf diese Fabel, die ironischerweise keine Fabel sein will, nicht. Er möchte
nicht sagen, dass die Literatur das Problem des Obskurierens im Gegensatz zur
Philosophie schlechter darstellt. Die literarische Darstellung macht die
Mystagogen lächerlich. Die Lust des Spotts hat Kant übermannt.
Um
konsequent zu sein, müsste Voss‘ Fabel kommentarlos stehen gelassen werden. Man
dürfte sie nicht übersetzen. Man müsste die Poesie die Wahrheit verkünden
lassen. Man dürfte die Analogien, Metaphern und Allegorien nicht auf Begriffe
reduzieren. Es wird hier eine kleine Übersetzung vorgetragen, weil Kants
Autorisierung von Voss‘ Gedicht die Verstrickung der Aufklärung in das
apokalyptische Denken weiter belegt, und weil Kant verlangt, das Bild in den
Begriff zu übersetzen.
Die
Fabel soll als Analogie zum Konflikt
zwischen Kant und der ‚Gefühlsphilosophie‘ gelesen werden. Die beiden Parteien
werden vom Ober-Uhu und vom Adler vertreten. Der Ober-Uhu hat seine Anhängerschaft (den Kauz als Sprecher oder Vermittler an
erster Stelle, dann die Eulen, die Finken, die Lerchen, die Schwalben
und Reife), der Adler tritt zusammen mit dem Hahn
als Trompeter auf. Der Adler hat wie
Kant die bessere Machtposition als sein Gegner: Er ist der König. Er müsste mit
Argumenten überzeugt und mit Rhetorik verführt werden.
Das
Bühnenbild wird von der Lichtmetaphorik der Aufklärung beherrscht. Der Kauz wurde in „düstern Synagogen“
aufgezogen (man beachte die antisemitische Wendung), seine Gesinnungsgenossen
lehren ihre „mystische Religion“ in „heil’gem Dunkel“. Der Hahn hingegen ist der „Illuminat“ (der Erheller), der mit seiner
Trompete die „Sonn‘“ heraufbeschwört. Es genügt der Hinweis, dass die
Dunkelheit im Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts als Metapher für undeutliche
Erkenntnis verwendet wird[198].
Damit ist die Lichtszenerie nicht abgeschlossen: Auch das
geschichtsphilosophische Modell, das die Fabel mitliefert und auf dem die mit
der Lichtmetaphorik aufgeladenen allegorischen Figuren agieren, wird mit dem
Übergang aus der „grauen Dämmerung“ zum „jungen Morgenlicht“ dargestellt. Wie
von eine Teleologie der Natur gelenkt, beginnt die Wahrheit mit dem Tag, der
unausweichlich – von Naturgesetzen bestimmt - kommen wird. Der Adler, der zwar vermeintlich hört, was
der Kauz sagt, schaut am Schluss der
Fabel „ins Morgenlicht“, er schaut zum Ende, zur Sonne, zur Wahrheit, die nicht
vom „Lied, das wacht, erbauet“, sondern von der „Trompete“ des Hahns verkündet wird. Die Kantische
Philosophie ist die Wahrheit, die Wahrheit das Ende[199].
Was
wäre, wenn Voss seine kurze Szene nicht in der Morgen-, sondern in der
Abenddämmerung angesiedelt hätte? Am Abend hätte der Hahn lange trompeten können (allerdings krähen Hähne nur morgens),
und die Sonne wäre dennoch verschwunden. Dagegen hätte sich das „Lied“ der
Mystiker erfüllt und Dunkelheit, der Nährboden für die „mystische Religion“,
hätte sich ausgebreitet. Wäre der Kauz
am Abend zum Adler getreten, so wäre dem König nichts anderes übrig geblieben
als – protestierend oder nicht – in die Dunkelheit der Nacht zu sehen. Was
wäre, wenn man die Fabel bis zur folgenden Nacht weiterführen würde?
Tatsächlich
hat die Frühromantik die aufklärerische Lichtmetaphorik in ihr Gegenteil
verkehrt. Das eindrucksvollste Beispiel dafür sind Novalis‘ Hymnen an die Nacht, in denen dieser die
bisher negativ konnotierte Nacht positiv umdeutet und damit die
lichtmetaphorische Wertskala umkehrt[200].
Mit der Frühromantik tritt die Diskursivität in einen dialektischen Dialog mit
einem emotionalen und intuitiven Vermögen, dem ebenfalls eine
Erkenntnisfunktion zugesprochen wird[201].
Voss‘ Fabel, sein Text, die Metaphern
und ihre willkürliche Setzung zeigen an, wie klein der Schritt von der
Aufklärung zur Mystik und umgekehrt der Schritt von der Mystik zur Aufklärung
sein kann. Wenn diese Fabel der ‚beste
Ausdruck‘ des Problems ist – wie Kant sagt -, wenn man es besser nicht
„darstellen“ kann, dann ist die Aufklärung weniger weit von den Mystagogen
entfernt, als Kant glaubt.
Derrida
hat in Von einem neuerdings erhobenen
apokalyptischen Ton in der Philosophie die Diskursgrenzen der Aufklärung
und des Mystizismus dekonstruiert und zu zeigen versucht, dass beide Elemente – das Mystagogische und das
Aufklärerische – unabhängig voneinander nicht möglich sind[202].
Kants Panik vor dem Ende der Philosophie
ist gerade der Ausdruck von dem, was das Ende herbeiführt. Die Panik schliesst
seinen Diskurs, und die Panik lässt ihn seine Diskursgrenzen ‚überspringen‘,
was einer Öffnung seines Diskurses gleichkommt. Mit der Öffnung wird das Andere
wieder zur Bedrohung und ein circulus vitiosus beginnt...
Dabei
ist Kants Reaktion nicht selbstverständlich: Erstens muss die Existenz des
Anderen nicht das Ende des Eigenen bedeuten und zweitens kann vielleicht das
Eigene ohne das Andere nicht existieren.
Kants
Von einem neuerdings erhobenen vornehmen
Ton in der Philosophie ist das beste Beispiel dafür, wie eine Philosophie
im Eifer des Gefechts, in einem Anfall von Panik ihre Grenzen übertritt und
allen Bemühungen, allen Intentionen, allem Willen und aller Anstrengung zum
Trotz die Tore zu einem anderen Raum öffnet.
Nicht
nur die Aufklärung hat das Licht in ihren Dienst genommen. Auch die
‚Gefühlsphilosophie’ verkündet die Wahrheit im Namen des Lichts. Aufklärung und
‚Gefühlsphilosophie‘ treffen sich in Platons Sonne, die sich im Gefecht als
axiologische Metapher verselbständigt hat. Schlosser, der übrigens Kants
Verweis auf Voss‘ Fabel nachgegangen ist[203],
bemerkt zur fünfte Stufe der Erkenntnis in Platons 7. Brief, dass sie „über die
Philosophie überhaupt ein grosses Licht“[204]
verbreitet. Auch Schlosser identifiziert die Wahrheit mit dem Licht. Schlosser
selber hat im Vorbericht seiner
Platonübersetzung den Streit zwischen den „Erde=Philosophen“[205],
zu denen Schlosser Kant zählt, und seiner ‚Philosophie‘ als einen Streit um die
Sonne Platons inszeniert:
„Demungeachtet
scheint es mir, als ob alle die Lehrer dieser Schule unter diejenigen gehörten,
welche zwar das Glück gehabt haben, hinter der allegorischen Mauer des Plato
die Sonne zu sehen, die aber sich da zu kurz verweilt haben, und noch geblendet
von ihrem Licht, wieder in das Dunkle zurückgekehrt sind, wo sie dann weder die
Sachen mehr sehen, noch den Schatten der Sachen.“[206]
Handkehrum
weist Schlosser der Kritischen Philosophie ihren Platz in der Dunkelheit zu:
„Mit mir hat es nun zwar gute Wege, denn ich habe nie nach dem Titel eines
Philosophen, in dem Sinn in welchem er nun genommen zu werden pflegt gerungen;
auch mag ich, aufrichtig zu gestehen, nicht sitzen wo die Kritiker sitzen, in
den finstern Höhlen [...]“[207]
Derrida
hat bemerkt, dass „jede apokalyptische Eschatologie sich im Namen des Lichts,
des Hellsehens und der Vision, sowie eines Lichts des Lichts, d. h. eines
Lichts verkündet, das noch strahlender ist als alle Aufklärung“[208].
Die ‚Gefühlsphilosophie‘ kehrt – anders als die Frühromantik – die
aufklärerische Lichtmetaphorik zu ihren Gunsten um, indem sie die Aufklärung
„in das Dunkle“ verbannt und sich in strahlendem Licht präsentiert.
7. Die Verführung
Kant
wird verführt. Er wird verführt und ist ein Verführer.
Eine mythischen Verführungsszene, die in Horkheimer/Adornos Dialektik der Aufklärung Einzug gehalten
hat, wird von Schlosser als Strategem gegen Kant verwendet. Schlosser
vergleicht Kant im ersten Schreiben an
einen jungen Mann, der die kritische Philosophie studieren wollte mit einer
Sirene, indem er philologisch nachweist, dass der Gesang der Sirenen nicht hat
„lieblich und angenehm“ sein müssen, um verführerisch zu wirken:
„Bist
du der Mann worden, o Sohn, den ich aus dir machen wollte; so kannst du nicht
allein sicher, sondern du musst sogar einen guten Theil deiner Zeit, dieser
neuen Philosophie widmen, die vielleicht Epoche in der Geschichte der
Philosophie machen, wenigstens gewiss, wie etwa ein Meteor in der Chronik der
Philosophie sofort erzählt werden wird. Aber warnen muss ich dich, ehe du dich
diesem nicht gefahrlosen Weg vertraust. Glaube nicht, dass du sorglos die
Stimme dieser Philosophie anhören könntest, weil sie so rauh, so heiser, dem
Ohr so unangenehm ist, dass sie wohl nie mit dem Gesang der Sirenen verglichen
werden könnte. Homer sagt nirgends geradezu, dass die Stimme dieser Sängerinnen
lieblich und angenehm wären. Das Wort ligos, das er zweymal bey dem Sirenen-Gesang braucht, braucht er
auch bey dem Geschrey des Thersites. Die opa melighrun versprechen die Betrügerinnen nur von sich selbst, und das telgonsi setzt ganz und gar nicht ein angenehmes, gewiss kein
sinnlich angenehmes Gefühl voraus, sondern es begreift jedes Überredungsmittel,
selbst den Betrug. Nicht also war es durch ihre Lieblichkeit und Anmuth wodurch
die Sirenen die Leute anzogen; sondern sie fesselten sie durch die schönen
grossen Versprechungen welche sie in der Ferne zeigten; durch ihre
schmeichelnden Anreden; die den Inhalt ihrer Lieder, von welchen Homer uns zum
Glück ein kleines Probestück aufbehalten hat: ‚Lobenswürdiger Ulyss, grosser
Stolz Griechenlands! Komm, wer unsre süsse Stimme hört, wird sehr weise und
froh; wir wissen alle die grossen Thaten welche die Griechen vor Troja gethan
haben‘ So sangen sie, und, schön gesungen, oder schlecht, gefällt so etwas nur allzu oft. Also lass dich durch die
rauhe barbarische Sprache der kritischen Philosophie nicht sicher machen;
sondern erinnere dich immer, dass auch sie, wie der Eleatische Fremdling bey
dem Plato von den Sophisten sagt, überall behaupten, ohne ihre katarsin könne kein Mensch weise und glückseelig seyn, und dass sie
allein sich in dem Besitz glauben, den Menschen zu seiner wahren Menschenwürde
zu erheben. Lieder die solche Dinge versprechen, sind wohl meist lockender als
die melodischen süssesten Töne!“[209]
Schlosser
stellt Kant als Verführer der Jugend dar. Kant verführt mit Zukunftsversprechen
und durch „schmeichelnde Anreden“. Kant verspricht ein gutes Ende (die
Wahrheit, die sich ausbreiten wird) und weiss dieses auch mit allen Mitteln zu verkaufen. Schlosser sagt dem fingierten
jungen Mann in seinem Schreiben, dass
auch das verführen kann, was kein „sinnlich angenehmes Gefühl“ vermittelt. Den
Schüler erwartet in der Kritischen
Philosophie Arbeit und, wie Schlosser ironisierend sagt, eine „rauhe
barbarische Sprache“, zwei Dinge, die für sich abschreckend sind und daher nie
zu Zwecken der Verführung verwendet werden können. In der Kantische Philosophie
ist der Lohn der Arbeit aufgeschoben.
Dieser Lohn ist für Schlosser ein leeres Versprechen. Er warnt seinen
Pseudo-Sohn davor, sich auf das einzulassen, das nicht verführen zu können
scheint. Wenn die Kantische Philosophie keine ästhetische Verführungsmittel
kennt (was natürlich nicht stimmt), so heisst das nicht, dass sie keine
Verführungsmittel besitzt.
Natürlich
gilt auch für Schlossers Verführungsstrategie, dass sie dem Uneingeweihten
etwas verspricht, das diesem aussteht: Nur wer daran glaubt, dass die mystische
Schau der Ideen etwas Gutes ist, wird freiwillig eine solche Schau versuchen.
Es
wird immer ein Vertrauenseinsatz verlangt,
für den es keine Garantie gibt. Es wird eine Gabe verlangt, für die keine Gegengabe garantiert ist.
Dieser
verschwenderische, ungeschützte und garantielose Einsatz charakterisiert die Verführung. Zu verführen bedeutet, dem
Anderen einen Einsatz abgewinnen zu können. Das Wort verführen (ahd. firfuoren, mhd. vervüeren, franz. seduire, lat.
seducere) bedeutet, zu einer neuen oder anderen Haltung oder Handlung geführt
zu werden, für die es keine Garantie gibt. Historisch wurde die Verführung
immer mit dem Bösen oder der „List
der Welt“ in Zusammenhang gebracht[210],
sie war „das, was vom richtigen auf
falsche wege leitet“[211].
Die Verführung - suspendiert man wie Baudrillard die moralischen Implikationen
- hat nichts mit der Wahrheit, nichts mit einer Eigentlichkeit oder einem
Essentialismus gemein, im Gegenteil. Der Moment der Verführung ist der Moment
der Inkontingenz und Unsicherheit. Die Verführung ist das Verlassen des Eigenen zu Gunsten eines Anderen. Führen bedeutet ‚ursprünglich‘ in
Bewegung setzen[212]:
Die Verführung setzt ohne Garantie in Bewegung.
Baudrillards
Interpretation des Gesangs der Sirenen in Von
der Verführung hebt gerade diesen Moment der Unsicherheit hervor: „Auch die
Sirenen sah man nicht. Die Bezauberung wird bewirkt durch das, was versteckt
ist.“[213]
Die Wahrheit kann in dem Moment, in dem man dazu verführt wird, die Wahrheit
kennen zu lernen, nicht antizipiert werden. Es gibt nur das Versprechen der
Wahrheit. Baudrillard betont, dass es diese Wahrheit, diesen endgültigen Sinn
im Diskurs der Verführung nicht gibt[214].
In diesem Zusammenhang kommt dem Schleier, von dem Schlosser spricht, eine
ausgezeichnete Bedeutung zu.
Die
Verführung besitzt eine Affinität zur Apokalypse. Sie spielt mit dem Vorsprung
bzw. Aufschub, den das apokalyptische Denken charakterisiert. Sowohl Kant als
auch Schlosser – als Apokalyptiker – spekulieren mit diesem Vorsprung. Das Ende
kommt mit der Wahrheit und die Erkenntnis der Wahrheit kommt vor dem Ende, zur
Wahrheit gelangt man nur durch jenen labilen Moment der Verführung, der das Vertrauen,
den Glauben und den Einsatz abverlangt. Dieser Einsatz wird vom
Vorsprung bzw. Aufschub des Endes eingefordert.
Auf
der Ebene des Verführens ist der Streit zwischen Kant und Schlosser ein Streit
um die Bedeutung des Versprechens, um das, was das Vertrauen, den Glauben und
den Einsatz provoziert, um das, was lockt.
Schlosser
verspricht in den Augen Kants eine Unmöglichkeit. Die Unmöglichkeit der
intellektuellen Anschauung versucht dieser erkenntnistheoretisch zu beweisen.
Es ist dieses Anschauungsvermögen als eine Abkürzung (als eine Einsparung von
Arbeitsaufwand), das in Kants Augen die verführerische Wirkung von Schlossers
Diskurs ausmacht. Deshalb darf man sich von Schlosser nicht verführen lassen!
Die
Dialektik der Aufklärung versteht die
Verführung als Verlust des Selbst und der Identität. Sie interpretiert die
Aufklärung als Funktion der intellektuellen Identitätsstiftung:
„Furchtbares
hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische,
zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas
davon wird in jeder Kindheit wiederholt. Die Anstrengung, das Ich
zusammenzuhalten, haftet dem Ich auf allen Stufen an, und stets war die
Lockung, es zu verlieren, mit der blinden Entschlossenheit zu seiner Erhaltung
gepaart.“[215]
Die
Lektüre der Kritischen Theorie stellt
dem Aufklärer Odysseus die Verführung durch die Sirenen entgegen, die der
aufklärerischen Identität den mythischen Rausch, die Euphorie und die
Selbstauflösung entgegensetzt. Kant wird mit Odysseus identifiziert: Er ist
nicht mehr der Verführer, sondern der Verführte. Für Kant steht in diesem
Kontext der Verführung die transzendentale Einheit der Apperzeption auf dem
Spiel, das „ich denke“, das „alle meine
Vorstellungen begleiten“ muss (KrV B §16). Die Verführung der ‚Gefühlsphilosophie’
als Verführung zum „Schleier der Isis“, zum „Geheimnis“, zum Fühlen und Ahnen,
kommt der mythischen Szenerie der Sirenen, wie sie von der Dialektik der Aufklärung interpretiert wird, sehr nahe. Indem sie
die Anschauungen und Begriffe zu Gunsten eines Ahnens und Fühlens suspendiert
und ihrem Objekt mit einem Schleier jegliche Konturen nimmt, gelangt die
‚Gefühlsphilosophie‘ zu einem anderen
Identitätsbegriff als Kant. Das „Geheimnis“ erhält bei Schlosser eine
identitätsstiftende Funktion. Baudrillards Geheimnisbegriff trifft sich mit Schlossers
„Geheimnis“ in der intersubjektive Funktion des Geheimnisses im Prozess der Verführung:
„So
kenne ich das Geheimnis des anderen, sage es aber nicht, und dieser wiederum
weiss, dass ich es weiss, lüftet jedoch nicht den Schleier: die Intensität, die
zwischen beiden herrscht, ist nichts anderes als dieses Geheimnis um das
Geheimnis. Eine Komplizenschaft, die nichts gemein hat mit einer verborgen
gehaltenen Information. Zumal die Partner
das Geheimnis gar nicht lüften könnten, selbst wenn sie es wollten, denn es
gibt nichts zu sagen ...“[216]
Kant
glaubt, dass es Schlosser darum geht, das „Geheimnis“ zu lüften. Tatsächlich
hat es Schlosser darauf abgesehen, die Göttin „mit der Hand [zu] ergreifen“[217],
ihr so nahe wie möglich zu kommen. Obwohl sich Schlossers Geheimnis mit
Baudrillards Geheimnis vergleichen lässt, sind ihre Intentionen ganz
verschieden: Für Schlosser ist die Wahrheit wie für Kant noch kein Simulakrum
oder Effekt des Scheins[218].
Kants
Cogito ist eine Reduktion des
Cartesianischen Cogito, das pars pro toto eine Reihe von unbezweifelbaren
Tätigkeiten umfasste: „Ich bin ein Ding, das denkt, d. h. zweifelt, bejaht,
verneint, einiges wenige erkennt, vieles nicht weiss, will und nicht will, auch
bildlich vorstellt und empfindet.“[219]
Die Cartesianische Identitätssicherung beinhaltet das Feld der Empfindung. Für
das Cartesianische Cogito ist das
‚ich empfinde‘ ebenso a priori gegeben wie das ‚ich denke‘, das für Kant
alleine das objektive „identische Selbst“ (KrV B §17) ausmacht und
Vorstellungen und Begriffe auf Verstandesebene ermöglicht. Die
Aufklärungskritik der Dialektik der
Aufklärung hat unter anderem diese Kantische Verengung der Identität im
Blick. Mit dem Verlust des „ich denke“ steht Kant dem horror vacui gegenüber, während für Schlosser an die Stelle des
„ich denke“ das Ahnen und das Fühlen – das ‚ich ahne‘ und das ‚ich fühle‘ -
tritt.
Der
Vergleich Kants mit den Sirenen (Schlosser) und derjenige mit Odysseus
(Horkheimer/Adorno) lassen Kant sowohl als Verführer als auch als Verführten
erscheinen. Was letzteres betrifft, lässt sich Kant nicht verführen: Er bleibt
gegenüber der Gefühlsphilosophie standhaft und besiegt seine Gegner mit seinem
Sarkasmus (auf jeden Fall ist Kant in die Philosophiegeschichte eingegangen und
nicht Schlosser).
Grundsätzlich
ist Kant als Freund der Argumentation, des Wissens und der Wissenschaft der
Gegner der Verführung. Aber er ist auch ein Verführer und wird in dem Moment,
in dem er gegen die Verführung, gegen die Praxis der Mystagogen, gegen den
Mystizismus, gegen den Klubbismus und gegen den Sog und die Anziehung der
Schwärmer argumentiert, selbst verführt.
Er
wird zur Rhetorik, zur Ironie, zum Sarkasmus, er wird zur Literatur, zur
Analogie und zur Metapher verführt, zur sprunghaften Argumentation, er wird zum Verlassen der Diskursivität
verführt. Wodurch wird Kant verführt?
Eine
Antwort auf diese Frage gibt Kants Sprachphilosophie. Seine beinahe absolute
Trennung von Denken und Sprache erlaubt es ihm, mit Sprache umzugehen, wie er
will. Bereits Markis hat darauf hingewiesen, dass Kant durch den „Primat der
Vorstellungsanalytik vor der semiotischen Charakteristik“ die Sprache aus dem
„Raum der [...] Repräsentation“[220]
gedrängt und dadurch den Weg für ein modernes Sprachverständnis geebnet hat.
Die Autonomie des Subjekts ermöglicht die Autonomie der Sprache, die im Ausgang
Kants als „immanentes, subjektunabhängiges, autonomes, sich selbst
entwickelndes System“[221]
verstanden werden kann. Kant hat sich im Widerspruch einer Abhängigkeit
verfangen: Die Vernunft soll sprachunabhängig gedacht werden, obwohl sie sich
nur durch Sprache mitteilen kann.
Die
Abhängigkeit des Verstandes von der Sprache zwingt Kant dazu, die Sprache dem
Verstand anzupassen bzw. die Sprache auf einen richtigen Verstandesgebrauch zu
reduzieren. Daher muss er die Analogie (das Bild, das Symbol, die Metapher und
die Metonymie) und alle Disziplinen, die sich ihrer bedienen, kritisieren. Deshalb hat er das Verhältnis
von Vorstellungen und Worten als Eigentumsverhältnis beschrieben. Das ist die
eine Seite der Medaille. Auf ihrer anderen Seite steht aber die Unabhängigkeit,
die sich Kant gewünscht hat, um sich von der Geschichte lossagen zu können.
Daher hat Kant die Worte als „Charaktere“ bestimmt und sich auf die Seite eines
beschränkten Nominalismus gestellt. Auf dieser Unabhängigkeit der Sprache vom
Verstand gründet sich der Umstand, dass Kant mehr sagt, als er darf. Wenn er sich auf die Unabhängigkeit der
Sprache von der Vernunft beruft, darf er plaudern, ironisieren, mit Voss die
Dichtung preisen und ‚Übersprünge‘ machen.
DieAmbivalenz
von Vernunft und Sprache ist die
Bedingung der Möglichkeit seines Verführt-Werdens. Kant wird sowohl von der
stummen, a-materiellen und reinen Bedeutsamkeit der Vernunft als auch vom lauten,
materiellen, bedeutungslosen Wort verführt.
Über
diese Ambivalenz hat Derrida die 2000jährige Epoche des Buches definiert, die
von derjenigen der Schrift abgelöst werden soll[222].
In der Epoche des Buches wird der Materialität der Sprache ein Super-Signifikat
– das je nach historischem Kontext in den verschiedensten Metonymien (Idee,
Gott, Subjekt usw.) erscheint - übergeordnet, das die Bedeutung der Sprache
über ein System von Differenzen, über eine geschlossene Struktur, erst
ermöglicht. Erst mit der Epoche der Schrift wird die Wahrheit zu einem Effekt
der Schrift.
Dieselbe
Kantische Ambivalenz bildet das Fundament jeder klassischen Hermeneutik: Mit ihr können Textstellen sowohl unter
den Tisch gewischt als auch für Bedeutung relevant gemacht werden; mit ihr
können sie hierarchisch geordnet werden, um Sinn zu produzieren. Das
Textmaterial wird so selektiert, dass mit einem zirkulären Verfahren (dem
hermeneutischen Zirkel) eine Einheit oder Totalität – die Interpretation –
erreicht wird[223].
Mit ihr könnte ein Interpret von Von
einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie sagen, dass die
in dieser Arbeit aufgezeigten Inkonsequenzen für Kants ‚eigentliche‘
Philosophie nicht von Belang seien, dass Kant seinen Verweis auf Johann
Heinrich Voss‘ Fabel und die Behauptung, sie sei die ‚beste Darstellung‘ des
Problems der Mystagogen, gar nicht ernst gemeint habe und dass überhaupt dieser
Kantische Text nicht in den ‚eigentlichen‘ Kanon Kantischer Texte gehöre.
Kants
Gegensatz von der „Philosophie“ und dem „Philosophieren“, den er in jener
Fussnote vorstellt, in der er Stolberg das Ende der Philosophie verkünden
lässt, kann ebenfalls nur über die Ambivalenz von Verstand und Sprache
gerechtfertigt werden. Was ermöglicht diesen Gegensatz, wenn eine soziale
Legitimierung des Philosophentitels als geistigen Eigentums gerade nicht etabliert ist? Es ist eine Frage der Ernsthaftigkeit: Wie ernsthaft stehe ich
hinter den Sätzen, die ich von mir gebe? Je nach dem, welchem Register der Sprecher
oder Schreiber seinen Text zuordnet, dem Verstand oder der Sprache, je nach dem
handelt es sich um „Philosophie“ oder um „Philosophieren“. Letzteres ist
unverbindlich, weil es sich nach anderen Gesetzen als denjenigen der Vernunft
organisieren darf. Ein solches anderes Gesetz wäre die Analogie. Das „Philosophieren“
überlässt sich so dem Spiel der
Sprache, während die „Philosophie“ bedacht ist, „die Figuration [der Sprache]
zu kontrollieren, indem sie sie beibehält, wo sie sozusagen am Platze ist,
ihrem Einfluss Grenzen setzt und derart den epistemologischen Schaden, den sie
verursachen könnte, einschränkt.“[224]
Mit
dem Reden und Schreiben tritt Kant potentiell in den Raum der Verschwendung ein. Nur in der Sprache
kann das Kalkül der Ökonomie zu Gunsten einer An-Ökonomie verlassen werden.
8. Die Verkennung
Rüdiger Bubner beschliesst nach sieben Seiten seiner
Besprechung von Kants Von einem
neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie, den Bericht über die
Streitsache Kant-Schlosser abzubrechen: „Denn es liegt zutage, dass die wechselseitige Verkennung nicht grösser sein könnte.“[225]
„Das doppelte Missverständnis kann nur entstehen, weil beide Seiten den
jeweiligen Gegner nicht genau genug gelesen hatten und daher zum Begreifen der Absichten
auch nicht annähernd vorstossen konnten.“[226]
Ist das ein Grund, einen Bericht abzubrechen? Anschliessend geht Bubner dazu
über, „die Debatte insgesamt als Dokument des Anti-Platonismus in der Neuzeit
zu würdigen“[227].
Weil für ihn Schlosser kein selbständiger Philosoph ist,
nimmt er seine Texte nicht ernst. Weil der Streit die ‚wahren‘ Intentionen
verkennt, werden die Buchstaben des Textes aufgegeben. Es kommt Bubner nicht in
den Sinn, die Verkennung als ein hermeneutisches Problem zu behandeln. Er bringt
sie nicht in Verbindung mit Kants Philosophie, und dies, obwohl er Kants
beiläufig erwähnte Interpretationsmaxime zitiert[228].
Sie steht in der Kritik der reinen
Vernunft und lautet:
„Ich
will mich hier in keine literarische Untersuchung einlassen, um den Sinn
auszumachen, den der erhabene Philosoph [Platon] mit seinem Ausdrucke [der
Idee] verband. Ich merke nur an, dass es
gar nichts Ungewöhnliches sei, sowohl im gemeinen Gespräch, als in
Schriften, durch die Vergleichung der Gedanken, welche ein Verfasser über
seinen Gegenstand äussert, ihn so gar
besser zu verstehen, als er sich selbst verstand, indem er seinen Begriff nicht
genugsam bestimmte, und dadurch bisweilen seiner eigenen Absicht entgegen
redete, oder auch dachte.“ (KrV B 370, Hervorhebung von mir, R. M.)
Ich möchte an diesem Abschnitt drei Momente hervorheben:
1.) Kant formuliert ein hermeneutisches Verfahren. Er spielt auf
die Struktur des hermeneutischen Zirkels
an, indem er von einer „Vergleichung der Gedanken“ spricht. Indem durch die
Verknüpfung von „Gedanken“ mit anderen „Gedanken“ des Textes Sinn produziert
wird, wird der Autor besser verstanden, „als er sich selbst verstand“. Es ist
legitim, nicht der unmittelbaren
Intention des Autors zu folgen. Das Gesagte darf ernster genommen werden als
das Intendierte.
2.) Dieser Verstehensprozess ist, wie Kant sagt, „gar nichts
Ungewöhnliches“.
3.) Kants Maxime geht so weit, in einer gewalttätigen Geste zu
behaupten, der Interpret würde die wahre
Intention des Autors besser kenne als dieser selbst. Der Leser darf nicht
nur die unmittelbare Intention des Autors zu Gunsten seiner eigenen Lektüre
ignorieren, er darf durch seine eigene Lektüre die wahre Intention des Autors bestimmen. Diese hermeneutische These
kommt nicht ohne einen psychologischen Begriff des Unbewussten aus. Kant nimmt an, dass gegen die „eigene Absicht“
geredet und gedacht wird: ‚Hinter‘ einem bestimmten Reden oder Denken ist eine
andere, nicht bewusste Wahrheit verborgen. Der Leser hat die Aufgabe, diese
Wahrheit über ein hermeneutisches Verfahren zu entdecken.
Es
stellt sich die Frage, ob die Verkennung,
von der Bubner spricht, wirklich eine Verkennung ist. Ist sie nicht die
Rekonstruktion von Kant, die die eigentliche Intention Schlossers an die
Oberfläche bringt?
Kants
Interpretationsmaxime eröffnet die Möglichkeit beliebigen Missbrauchs. Das
Gewalttätige dieser Geste besteht darin, sich anzumassen, die Wahrheit des
Anderen zu kennen. Man bestimmt und beherrscht den Anderen, indem man ihn
liest.
Weshalb
sieht Kant nicht, dass Schlosser nur „ein biederer badischer Beamter“ ist und
„durchaus kein philosophischer Kopf“[229],
weshalb antwortet Kant Schlosser, einem „Repräsentanten des Menschenverstandes,
abhold aller grundsätzlichen Reflexion“[230],
in dessen Texten sich „nicht ein Ansatz zu einer selbständigen Theorie“[231]
finden lässt? Bubner sagt, Kant habe seinen „Gegner nicht genau genug gelesen“[232].
Vielleicht.
Tatsächlich
ist die Kommunikationssituation absurd. Auch bei Schlosser sind die Verkennungen nicht das Resultat seiner
unprofessionellen Lektüre: Sie werden von Anfang an bewusst in Kauf genommen
(wenngleich nicht unbedingt für möglich gehalten). Im ersten Schreiben an einen jungen Mann, der die
kritische Philosophie studieren wollte heisst es:
„Da
ich in meinen Anmerkungen mich über den inneren Zusammenhang des kritischen
Systems, als eines Systemenbaues nicht erklärt habe, auch darauf mich nicht einlassen will; so rede ich auch in diesen
Blättern bloss von dem Lehrgebäude im Ganzen, seiner Festigkeit, seinem Zweck.“[233]
Schlosser
ist von Anfang an nicht bereit dazu, sich mit Kants Philosophie gründlich
auseinanderzusetzen. Nichtsdestotrotz diskutiert und kritisiert er einige
Gedankengänge Kants. Schlosser glaubt, Kants Philosophie – ohne sie gelesen zu
haben - genug zu kennen, um sie kritisieren zu können.
So
stehen sie sich also gegenüber: Einer, der glaubt den Anderen besser zu verstehen als dieser sich selbst und einer, der
den Anderen versteht, ohne ihn
verstehen zu wollen. Und so reden sie aufeinander ein bzw. aneinander vorbei.
Es
fragt sich, was eigentlich verstanden wird, wenn hier von Verstehen überhaupt
die Rede sein kann.
Lässt
man ausser Acht, dass die beiden die Kommunikationsangebote des anderen nicht
so verstehen wollen, wie sie gemeint sind, lässt sich ihre gegenseitige
Verkennung durch eine klare Differenzierung ihrer Diskurse aufhellen.
Schlosser
ist in erster Linie Psychologe. Dies verkennen sowohl Kant als auch Schlosser.
Im ersten Schreiben an einen jungen Mann,
der die kritische Philosophie studieren wollte
beschreibt Schlosser, nachdem er seine Arbeitsweise in Anlehnung an Platon als
„Arbeit in der Musse“[234]
gegen Kant verteidigt hat, die Tätigkeit, die er „Philosophie“ nennt:
„In
der That, so habe ich nicht gearbeitet um das, was ich aus Mangel eines anderen
Wortes, meine Philosophie nennen muss, zu erwerben. Meine Arbeit beschränkte
sich auf eine ständige Beobachtung meiner Selbst, auf die Vergleichung des
Zustandes meiner Seele, im Augenblick der Leidenschaft, des Hoffens, Begehrens,
Wünschens, Verabscheuens, mit dem ruhigern Zustand des Genusses der sanfteren
Freuden; der Billigung meiner Thaten, des zufriedenen Umherblickens.“[235]
Die
Positionen Kants und Schlossers gehen von verschiedenen Präsuppositionen aus.
Der Streit bringt diese Voraussetzungen nie auf den Tisch, so dass keine
Grundlagendiskussion in Gang kommt. Schlosser tritt als empirischer Psychologe
auf, Kant ist Transzendentalphilosoph. Die Sekundärliteratur hat Schlossers Kritik
an Kant nicht ernst genommen. Auch Bubner hat Schlossers Kritik nicht
verstanden, wenn er nach seinem Verdikt der Verkennung unbeschwert sagen kann:
„Kant redet beileibe nicht der einseitig übertriebenen Vernunft das
philosophische Wort, welche die uns allen vertraute Erfahrungswelt hinter sich
lässt.“[236]
Bereits
die Form von Schlossers Schreiben ist
eine Kritik an Kant: Er hat sie in pädagogische Pseudo-Briefe eingekleidet, und
deutet damit an, dass seine Kritik mit der Pädagogik einsetzt. Der fingierte
Brief ist an einen jungen Mann gerichtet, der sich an der „Schwelle des
Mannes=Alters“[237]
befindet. Schlosser gibt sich als dessen Erzieher aus, er spricht ihn als
seinen Sohn an. Die Schreiben
erreichen den werdenden Mann im allerletzten Moment: Wenn der Jüngling ein
richtiger Mann ist, wird die Pädagogik ausgedient haben, und „Warnungen“[238]
werden vergeblich sein. Bevor Schlosser seine Argumente gegen den „Kritizismus“
vorbringt, ruft er seinem Zögling die bisher geleistete Erziehung in Erinnerung.
Damit entfaltet er sein Erziehungsmodell, das er einem Kantischen
entgegenstellt:
„So lange du noch bey
mir warst, und ehe du die letzte Stufe der Jünglingsjahre erreicht [2] hattest,
verwahrte ich dich allerdings vor allem, was deine Gefühle ersticken, deinem
Verstand eine falsche Richtung geben, und deinen Blick an irgend eine Seite der
vielseitigen Pyramide der Philosophie und der Wahrheit wie sie unter Menschen
wohnen kann, setzen könnte. Ich suchte durch die Schriftsteller des Altertums deinen
Geschmack männlich und fest zu machen; die die Bücher der heiligen Schrift, die
Ehrfurcht vor der Menschheit, die dort immer als die eigenthümliche Sorge der
Gottheit vorgestellt wird, einzuflössen; durch die Geschichte alter und neuer
Zeiten, dir zu zeigen, wie es den Nationen und den einzelnen Menschen ergangen
ist, welche dieser Sorgfalt sich unwürdig gemacht, und ihre bessere Seele der
Sinnlichkeit hingegeben haben, bis wir endlich in die Zeiten gefallen sind, in
welchen wir diese erschöpft, und jene ihre Flügel verloren zu haben scheinet.
Ich habe dir in der philosophischen Geschichte gezeigt, durch wie unzählig
viele Wege und Irrwege die Denker alter und neuer Zeiten, einem ein[3]zigen
Ziel zuzulaufen sich bemühten, und welche Untiefen zwischen allen ihren Wegen
oder Irrwegen und ihrem Ziel in der Mitte liegen; Und endlich habe ich, mit den
Werken und Schriften der Dichter und der Denker und der Künstler unserer Zeit,
dir Muth eingesprochen, indem ich dir zeigte, dass auch noch unter uns, gleichzeitiger
Werth genug übrig sey, uns zu tragen, zu halten, zu stützen wie wir es
bedürfen, oder mit uns zu laufen auf der grossen Bahn nach dem Ziel das in
höheren Regionen steht.“[239]
Schlossers
Erziehungsideal beruht auf Ganzheitlichkeit, die er gewährleistet sieht, wenn
Verstand und Gefühl als eine Einheit begriffen werden. Er wehrt sich dagegen,
dass die „vielseitige Pyramide der Philosophie und der Wahrheit“ reduziert
wird. Antike Literatur, Bibelkunde, Geschichte, Philosophie, Religiosität und
Kunst sollen nicht als Konkurrenzdisziplinen verstanden werden, sondern
gemeinsam als magistrae vitae zur
Entfaltung des Menschen beitragen.
Schlossers
und Kants Streitgegenstand ist die Ethik. Schlosser glaubt nicht, dass es
verbindliche Handlungsvorschriften gibt. Er setzt pragmatisch auf die konkrete
Situation, in der Moral immer wieder neu definiert werden muss: „Der Dogmatist
[Schlosser nennt seine eigene Position Dogmatismus], der auch immer Eudämonist
seyn wird, glaubt, dass für den Menschen keine allgemein gültige Moral möglich
ist [...]“[240].
Schlossers Hinweis auf die Frage der Erziehung trifft den universellen Anspruch
von Kants Ethik an einer schwachen Stelle[241].
Kants
Ethik ist eine Vernunftethik, so die Deklaration der Kritik der praktischen Vernunft: „Sie soll bloss darthun, daß es reine praktische Vernunft gebe, und
kritisiert in dieser Absicht ihr ganzes praktisches Vermögen.“ (KpV A 3) Kants
Ethik hat ihre Geltung, so lange sie transzendental ist, d. h. so lange sie
sich auf reine Vernunft beruft. Es ist ihre Stärke, vom konkreten empirischen
Menschen zu abstrahieren. Diese Bedingung ist nicht nur die Bedingung der
Möglichkeit der transzendentalen Ethik, sondern ebenso die Bedingung ihrer
Unmöglichkeit. Es ist für Kant nicht selbstverständlich, dass der Mensch
vernünftig ist: Anthropologisch definiert er ihn nicht als animal rationale, sondern als animal
rationabile. In der Anthropologie in
pragmatischer Hinsicht heisst es:
„Es bleibt uns also, um dem Menschen im System der
lebenden Natur seine Classe anzuweisen und so ihn zu charakterisieren, nichts
übrig als: daß er einen Charakter hat, den er sich selbst schafft, indem er
vermögend ist, sich nach seinen von ihm selbst genommenen Zwecken zu
perfektionieren; wodurch er als mit Vernunftfähigkeit begabtes Thier (animal rationabile) aus sich selbst ein vernünftiges Thier (animal rationale) machen
kann; — wo er dann: erstlich sich selbst und seine Art erhält, zweitens sie
übt, belehrt und für die häusliche Gesellschaft erzieht [...]“ (Anthr B 313)
Kant
ist sich bewusst, dass die Universalität seiner Ethik ein Problem ist. Deshalb
führt er in der Pädagogik das
Korrektiv der Erziehung ein: Vernünftigkeit muss als Voraussetzung gegeben ist.
Um die Verbindung zwischen dem konkret praktischen und dem transzendentalen
Bereich herstellen zu können, wertet Kant die Bedeutung der Pädagogik auf[242]:
„Der Mensch kann nur Mensch werden durch
Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht.“ (Pädagogik A 7)
Weil der Zweck der Natur, den Kant in seiner Geschichtsphilosophie bestimmt und
legitimiert hat, nicht unmittelbar in die menschliche Natur eingeschrieben ist,
wird die richtige Erziehung für den Zweck der Geschichte zur Bedingung: „Weil die Entwickelung der Naturanlagen bei dem
Menschen nicht von selbst geschieht, so ist alle Erziehung — eine Kunst. — Die
Natur hat dazu keinen Instinkt in ihn gelegt.“ (Pädagogik A 16) Kant erwartet
von der Erziehung, aus dem animal
rationabile das animal rationale
zu schaffen:
„Der Mensch hat aber von Natur einen so großen Hang zur
Freiheit, daß, wenn er erst eine Zeit lang an sie gewöhnt ist, er ihr Alles
aufopfert. Eben daher muß denn die Disciplin auch, wie gesagt, sehr frühe in
Anwendung gebracht werden, denn wenn das nicht geschieht, so ist es schwer, den
Menschen nachher zu ändern. Er folgt dann jeder Laune. Man sieht es auch an den
wilden Nationen, daß, wenn sie gleich den Europäern längere Zeit hindurch Dienste
thun, sie sich doch nie an ihre Lebensart gewöhnen. Bei ihnen ist dieses aber
nicht ein edler Hang zur Freiheit, wie Rousseau und Andere meinen, sondern eine
gewisse Rohigkeit, indem das Thier hier gewissermaßen die Menschheit noch nicht
in sich entwickelt hat. Daher muß der
Mensch frühe gewöhnt werden, sich den Vorschriften der Vernunft zu unterwerfen.
Wenn man ihm in der Jugend seinen Willen gelassen und ihm da nichts
widerstanden hat: so behält er eine gewisse Wildheit durch sein ganzes Leben.
Und es hilft denen auch nicht, die durch allzugroße mütterliche Zärtlichkeit in
der Jugend geschont werden, denn es wird ihnen weiterhin nur desto mehr von
allen Seiten her widerstanden, und überall bekommen sie Stöße, sobald sie sich
in die Geschäfte der Welt einlassen.“ (Pädagogik A 4f., Hervorhebung von mir,
R. M.)
Die Erziehung zur Vernünftigkeit meint die Hierarchisierung
des Menschen hinsichtlich seiner Vermögen. Die Körperlichkeit und
Triebhaftigkeit des Menschen muss dem Primat der Vernunft untergeordnet werden:
„Bei der Erziehung muß der Mensch also 1) disciplinirt werden. Discipliniren
heißt suchen zu verhüten, daß die Thierheit nicht der Menschheit in dem
einzelnen sowohl als gesellschaftlichen Menschen zum Schaden gereiche.“
(Pädagogik A 22) Der ‚natürliche‘ Mensch muss zu dem Menschen transformiert
werden, der mit der praktischen Transzendentalphilosophie leben kann[243]:
„Disciplin oder Zucht ändert die Thierheit in die Menschheit
um. Ein Thier ist schon alles durch seinen Instinct; eine fremde Vernunft hat
bereits Alles für dasselbe besorgt. Der Mensch aber braucht eigene Vernunft. Er
hat keinen Instinct und muß sich selbst den Plan seines Verhaltens machen. Weil
er aber nicht sogleich im Stande ist, dieses zu thun, sondern roh auf die Welt
kommt: so müssen es Andere für ihn thun.“ (Pädagogik A 2)
An
diesem Punkt setzt Schlossers Kritik an. Er erkennt, dass Ethik von Erziehung
abhängt und dass seine Vorstellung einer ganzheitlichen Erziehung Kants
transzendentale Ethik unanwendbar machen. Er wirft Kant nicht vor, den Verstand
in der transzendentalen Ethik zum Zentrum zu erheben, er wirft ihm vor, ihn in
deren Propädeutik, in der Pädagogik, überzubewerten: „Und wo, fragst du, ist
denn er so viel versprechende, so vieles umfassende Verstand? Du wirst ihn bald
genug in der Schule der Kritiker finden, wo er geschaffen und angebetet, von
vielen angebetet; von mehreren gefürchtet, von einigen mystifiziert wird.“[244]
Dem Verstand setzt Schlosser den Menschensinn gegenüber, der dem ‚natürlichen‘
Menschen entspricht: „Menschensinn ist Vernunft, wie der Mensch sie hier auf
der Erde in seiner Sphäre hat.“[245]
Auf dieser Ebene siedelt Schlosser auch die intellektuelle Anschauung an. Man
darf Schlosser an diesem Punkt nicht vorschnell aburteilen, man sollte
bedenken, dass er Erkenntnis nicht auf Vernunfterkenntnis beschränkt, d. h.
dass er der naturwissenschaftlichen Epistemologie in der praktischen
Philosophie die Führungsrolle nicht zuspricht. Der Körper und das Gefühl sind
zu Erkenntnisleistungen fähig.
In
Schlossers Ethik, deren Entwurf er in seinen Schreiben formuliert, stehen die Begriffe „Glückseligkeit“,
„Vollkommenheit“ und „Genuss“ im Zentrum:
„Da
nun Glückseeligkeit in deinem Wesen das seinen Zustand fühlt, nirgends seyn
kann, als wo Vollkommenheit ist; so sind die Grundsätze dieses Systems auch so
wenig empirisch, als es der Begriff der menschlichen Vollkommenheit seyn kann:
Und der Moralist der nach dieser Art von Glückseeligkeit trachtet, sagt der
Tugend nicht, ich liebe dich, weil du mir Vortheil bringtest; sondern ich liebe
dich, weil du schön bist; denn Vollkommen ist schön; oder vielmehr, er sagt ihr
nichts, sondern er ruht in ihrem Genuss. Und in diesem Trachten nach diesem
Genuss besteht die Sittlichkeit dieses Systems. Zu ihm führt nicht
vortheilssüchtige Klugheit, sondern Weisheit allein, die so weit ihr Aug
reicht, alles Ganz übersieht, und bloss [85] aus dieser Uebersicht ihr Urtheil
abzieht. – Auch wird dieser Genuss, diese Glückseeligkeit nie, kann sie nie dem
versagt werden, der nach Vollkommenheit, so weit sie ihm erreichbar ist, mit
allen Kräften zu ringen sich angelegen seyn lässt.“[246]
Schlossers
Ethik versucht den ‚ganzen‘ Menschen zu umfassen. Seine Ethik soll ohne
Erziehung zum Vernunftmenschen und ohne Verdrängung der tierischen Natur
funktionieren. Das Gute ist nicht realisierbar, wenn zwischen dem
„phänomenalen“ und dem „noumenischen Menschen“[247]
vermittelt werden muss. Ethik soll den Menschen nicht spalten. Um gut zu
handeln, muss sich der Mensch im Zustand des Genusses befinden. Der Weg zu
diesem Genuss führt über die innere Anschauung, über innere Wahrnehmung, in der
der Mensch sich als ‚Ganzheit‘ erfährt.
Schlossers
ethisches Programm nährt sich an der Meditation
(d. h. an der inneren Anschauung). Die intellektuelle Anschauung ist keine
Leistung des Verstandes, sondern eine Leistung, die der inneren Wahrnehmung
entspringt. Mit der Transzendierung der körperlichen Objektwahrnehmung zu einer
Wahrnehmung für sich werden psychische und körperliche Zustände erlebt, die
Schlosser mit theologischen Begriffen fasst. Dem inneren Erleben entspricht die
Transzendenz der Theologie. Schlosser folgt Kants Erkenntniskritik nicht, weil
er seine Transzendenz nicht verstandesmässig, sondern erlebnismässig errreicht
(was nur beschränkt stimmt). Er kann sich nicht als Empirist verstehen, weil er
seine Erfahrung nicht an Objekten festmacht: Es ist nicht eine Objekt-Wahrnehmung
die Schlosser zu Isis führt, sondern die Tranzsendierung der
Objekt-Wahrnehmung. Damit erklärt sich Schlosser Erklärungsnotstand gegenüber
Kant: Das einzige, mit dem Schlosser Kant seine Position verständlich machen
könnte, ist die Empfehlung, es mit einer Meditation zu versuchen. Vielmehr
lässt sich darüber aus philosophischer Sicht nicht sagen. Schlosser verlässt
den Boden der Philosophie und öffnet – wie Kant richtig bemerkt hat[248]
– das Feld der Psychologie und Esoterik. Der Begriff der Ahnung, über den sich
Kant lustig macht, bezeichnet die dem Gefühl eigentümliche Erkenntnisleistung.
Kant
versteht Schlosser bis zu dem Punkt, an dem dessen Esoterik beginnt. Er kann
Schlossers diskursiven Elementen nicht viel abgewinnen, weil sie Schlosser dazu
dienen, seine Esoterik verständlich zu machen. Auf der anderen Seite versteht
Schlosser nur gerade Kants Primat der Vernunft. Weil er diese Prämisse nicht
teil, ist er nicht bereit, sich mit der Transzendentalphilosophie gründlich
auseinanderzusetzen. Die falsche Entscheidung wurde für ihn mit dieser Prämisse
gefällt. Kant bezeichnet Schlosser als Schwärmer, während Schlosser Kant in
seinem zweiten Schreiben der „kalten
Schwärmerei“[249]
bezichtigt.
Kant
und Schlosser streiten um die Bedeutung des Gefühls in der Ethik. Für Kant ist
klar, dass die philosophische Ethik sich nicht auf Gefühlen begründen lässt.
Doch er verbietet die Gefühle nicht. Das Gefühl ist der Vorhof der praktischen
Philosophie, aber nicht die Philosophie:
„Jene
Göttin also ahnen zu können, würde ein Ausdruck sein, der nichts mehr bedeutete
als: durch sein moralisches Gefühl zu
Pflichtbegriffen geleitet zu werden, ehe man noch die Prinzipien, wovon jenes
abhängt, sich hat deutlich machen können; welche
Ahnungen eines Gesetzes, sobald es durch schulgerechte Behandlung in klare
Einsicht übergeht, das eigentliche Geschäft der Philosophie ist [...]“ (vT
A 424, Hervorhebung von mir, R. M.)
Kant
trennt das moralische Gefühl von der Philosophie ab. Er nennt ein Gefühl, das
eine Handlung beeinflusst, „pathologisch“ und will jeden Einfluss der Gefühle
auf Handlungen unterbinden:
„Das Princip der eigenen Glückseligkeit, so viel Verstand
und Vernunft bei ihm auch gebraucht werden mag, würde doch für den Willen keine
andere Bestimmungsgründe, als die dem unteren Begehrungsvermögen angemessen
sind, in sich fassen, und es gibt also entweder gar kein oberes
Begehrungsvermögen, oder reine Vernunft muß für sich allein praktisch sein,
d.i. ohne Voraussetzung irgend eines
Gefühls, mithin ohne Vorstellungen des Angenehmen oder Unangenehmen als der
Materie des Begehrungsvermögens, die jederzeit eine empirische Bedingung der
Principien ist, durch die bloße Form der praktischen Regel den Willen bestimmen
können. Alsdann allein ist Vernunft nur, so fern sie für sich selbst den Willen
bestimmt (nicht im Dienste der Neigungen ist), ein wahres oberes
Begehrungsvermögen, dem das pathologisch
bestimmbare untergeordnet ist, und wirklich, ja specifisch von diesem
unterschieden, so daß sogar die mindeste Beimischung von den Antrieben der
letzteren ihrer Stärke und Vorzuge Abbruch thut, so wie das mindeste
Empirische, als Bedingung in einer mathematischen Demonstration, ihre Würde und
Nachdruck herabsetzt und vernichtet. Die
Vernunft bestimmt in einem praktischen Gesetze unmittelbar den Willen, nicht
vermittelst eines dazwischen kommenden Gefühls der Lust und Unlust, selbst
nicht an diesem Gesetze, und nur, daß sie als reine Vernunft praktisch sein
kann, macht es ihr möglich, gesetzgebend zu sein.“ (KpV A 44f., Hervorhebung
von mir, R. M.)
Das
Gefühl muss zurückgelassen werden, damit der moralischen Zustand möglich ist.
Schlosser hat recht damit, dass für Kant ebenso wie in der theoretischen
Philosophie in der praktischen Philosophie die Vernunft das letzte und einzige
Wort hat. Bei Schlosser entsteht auf der Gegenseite – ohne die Kontrolle durch
die in einem Gesetz und schliesslich in der Freiheit fussende diskursive
Vernunft – eine unkontrollierbare bzw. sich selbst regulierende Dialektik
zwischen dem Gefühl und der Metapher, welche er in seinem ‚ganzheitlichen‘
Erziehungsmodell mit literarischer Bildung ebenso zu fördern bereit ist wie das
Gefühl.
9. Entmannung und Kastration
Kant versucht, den Namen der Philosophie zu autorisieren. Er
verlangt, dass um den Namen der Philosophie nur unter dem Diktat seiner Ethik
verhandelt wird. Der gegen Ende von Von
einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie angestrebte
„Vertrag“ mit Schlosser ist Kants Versuch, Schlosser zur Unterzeichnung seiner
Ethik zu bewegen. Wenn Schlosser unterschreibt, wenn Kant im Streit um die
Stimme überzeugt, kann Kant ihn aus der Philosophie verbannen. Er kann ihm dann
den Titel des Philosophen entziehen und ihn literarisch „philosophieren“
lassen.
Die Interpretation der sonderbaren Metapher der Entmannung in Kants Text soll andeuten,
dass auch bei Kant der Name der Philosophie von anderen Instanzen abhängt als
von der der Diskursivität. Kant verwendet die Metapher, obwohl sie zur
„ästhetischen Vorstellungsart“ (vT A 424) gehört. Die Metapher soll Schlossers
Personifzierung der Freiheit tilgen. Eine „ästhetische Vorstellungsart“ soll
eine andere „ästhetische Vorstellungsart“ zum verschwinden bringen.
Isis ist die Schlüsselfigur von Schlossers Mystizismus. Sie
wird am Ende der Fussnote zu Platons Briefen genannt:
„Ich
gehe in dem System herum, und rufe der Weisheit,
wie Orlandino in dem Zauberpalast der Lirina seiner Geliebten ruft; ich glaube
sie zu sehen, aber wenn ich sie ergreifen will, so entschlüpft immer die
Erscheinung, die mich täuschte, meiner Hand, und spottet noch unfreundlich
meines Wahns. In Plato’s System kann ich freylich auch die Göttin nicht mit der Hand ergreifen; aber wenn ich ihr doch so nahe
komme, dass ich das Rauschen ihres Gewandes vernehmen kann, so fühle ich
wenigstens, dass Lebensgeist auf der Stelle webte. Plato hebt freylich den Schleyer der Isis nicht auf, aber er
macht ihn doch so dünne, dass ich unter ihm die Gestalt der Göttin ahnen kann. Macht uns die neue deutsche Philosophie
glücklicher, wahrer, besser, mach sie uns nur gewisser, wenn sie neue Schleyer
auf die alten wirft, oder wenn sie vielmehr gar die Göttin verschwinden macht, dass es niemand mehr einfallen kann, nur
nach ihr zu fragen?“[250]
Schlosser verknüpft die Erfahrungen der inneren Anschauung
mit dem Platonismus. Er interpretiert seine Anschauung als platonische Idee und
ist sich bewusst, dass diese Interpretation auf einem Analogieschluss beruht:
„Dieser
Gedanke [Platons fünfte Stufe der Erkenntnis] scheint mir auch sehr gegründet;
denn wir werden auf denselben durch die
unmittelbare Anschauung unsrer eignen ersten wirkenden Prinzipien in uns
[d. i. die innere Anschauung], und durch
die gleichfalls unmittelbare Anschauung unsers Leidens geführt, und dadurch
berechtigt, einen analogischen Schluss
auf die Objecte ausser uns zu machen,
der uns zwar nicht ins innere Heiligthum der Weisheit führt, aber doch unsern
Platz im Vorhof derselben so sehr erleuchtet, als es uns nöthig ist, um da den
Dienst unsrer Priesterschaft zu verstehen.“[251]
Kant wird diesen Analogieschluss kritisieren. Schlosser
koppelt die innere Anschauung über die Analogie an die intellektuelle
Anschauung. Das Objekt, auf das die intellektuelle Anschauung verweist, ist ein
Objekt „ausser uns“, das Schlosser „Weisheit“ nennt. Er „ruft“ der „Weisheit“
und versucht sie zu ergreifen, doch sie
„entschlüpft“ immer wieder seiner „Hand“. In einem weiteren Schritt geht
Schlosser zur Personifizierung der „Weisheit“ über: Zunächst ist sie eine
„Göttin“, und schliesslich die Göttin Isis selbst, deren „Schleyer“ weder
Platon noch ein anderer aufheben kann. Deshalb wird das Phänomen, zu dem die
intellektuelle Anschauung führt, „Geheimnis“ genannt. „Weisheit“, „Göttin“,
„Isis“ und „Geheimnis“ sind metonymische Ausdrücke.
Im „Vertrag“ (vT A 423) stellt Kant die Göttin Isis der
Freiheit gegenüber. Für Schlosser garantiert die Göttin den Zustand des
„Genusses“, welcher die Bedingung für gutes Handeln ist. Auf dieses ‚Prinzip‘
muss Ethik rekurrieren. Diesem Prinzip stellt Kant die Freiheit, die Pflicht
und das Sittengesetz gegenüber.
Auf
was soll Ethik rekurrieren? Welche Stimme darf die Ethik in Anspruch nehmen:
die Stimme der Pflicht oder die Stimme der Isis?
Tatsächlich
spricht Kant von der Stimme. Wie er in Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie zum
ersten Mal die „Idee der Pflicht“ erwähnt, macht er auf ihre „eherne Stimme“
aufmerksam, bei der „jeder Mensch“ „zittert“ (vT A 417). Im „Vertrag“, als Kant
die „verschleierte Göttin“ nennt, verweist er sogleich auf „ihre Stimme“ (vT A
423). Ebenso spricht Schlosser anderen Orts von „Gottes Stimme in uns“[252]. Das sind die
Stimmen, die auseinandergehalten, vermischt oder vereint werden können: die Stimmer
der Vernunft und die Stimme des Orakels.
Nun ist der
„Vertrag“ nicht nur der rhetorisch perfideste Schachzug in Kants Streitschrift,
sondern auch Kants krassester Verstoss gegen seine eigene Maxime, die Rhetorik
als Überredungskunst im Bereich der Philosophie nicht zu verwenden.
Kant greift mit einer simulatio[253]
an:
„Aber wozu nun aller dieser Streit zwischen zwei Parteien,
die im Grunde eine und dieselbe gute Absicht haben, nämlich die Menschen weise
und rechtschaffen zu machen? – Es ist ein
Lärm um nichts, Veruneinigung aus Missverstande, bei der es keiner
Aussöhnung, sondern nur eine wechselseitige Erklärung bedarf, um einen Vertrag,
der die Eintracht fürs künftige noch inniglicher macht, zu schliessen.“ (vT A
422f., Hervorhebung von mir, R. M.)
Kant sagt, nachdem er Schlosser zum Teil lächerlich gemacht,
nachdem er die intellektuelle Anschauung, das gefühlsmässige Philosophieren und
das Ahnen aufs Heftigste verurteilt hat, dass die gesamte Auseinandersetzung
„ein Lärm um nichts“ sei und dass Schlosser und er eigentlich einer Meinung
seien. Er spricht von „Veruneinigung aus Missverstande“. Kant führt die simulatio weiter bis ins Zentrum der
theoretischen Auseinandersetzung:
„Die verschleierte Göttin, vor der wir
beiderseits unsere Knie beugen, ist das moralische Gesetz in uns, in seiner
unverletzlichen Majestät. Wir vernehmen
zwar ihre Stimme und verstehen auch
gar wohl ihr Gebot; sind aber beim
Anhören in Zweifel, ob sie von dem Menschen, aus der Machtvollkommenheit seiner
eigenen Vernunft selbst, oder ob sie von einem anderen, dessen Wesen ihm
unbekannt ist, und welches zum Menschen durch diese seine eigene Vernunft
spricht, herkomme.“ (vT A 423, Hervorhebung von mir, R. M.)
Kant stellt sich als Anhänger eines Mysterienkultes vor. Er
macht sich zum Hörer der Stimme der Isis. Anschliessend identifiziert er die
„verschleierte Göttin“ mit seinem „moralischen Gesetz“: Er macht aus den beiden
Stimmen ein einzige. Diese Vereinigung vollzieht Kant mittels einer
Übersetzungstätigkeit. Er sagt, dass die Stimme der Isis dem moralischen Gesetz
entspricht, wenn die Differenz von Ästhetik und Philosophie ausser Acht
gelassen wird. Nur im Rahmen der „ästhetischen Vorstellungsart“ ist die
Personifizierung „hinten nach“ erlaubt. Kant korrigiert die Hierarchien zwischen
Psychologie, Philosophie und Ästhetik: Das Gefühl führt nur zur praktischen
Philosophie, gehört aber nicht in den Bereich der Philosophie. Ästhetisierungen
dürfen erst vorgenommen werden, wenn eine hinreichende begriffliche Klärung
durch den Philosophen stattgefunden hat:
„[...] nur dass das didaktische Verfahren, das moralische
Gesetz in uns auf deutliche Begriffe nach logischer Lehrart zu bringen,
eigentlich allein philosophisch, dasjenige aber, jenes Gesetz zu personifizieren und aus der moralisch
gebietenden Vernunft eine verschleierte Isis zu machen [...], eine ästhetische Vorstellungsart eben
desselben Gegenstandes ist; deren man sich wohl hinten nach, wenn durch erstere die Prinzipien schon ins reine
gebracht worden, bedienen kann, um durch sinnliche, obzwar nur analogische
Darstellung jene Ideen zu beleben, doch immer mir einiger Gefahr, in
schwärmerische Vision zu geraten, die der Tod aller Philosophie ist.“ (vT A
423f., Hervorhebung von mir, R. M.)
Die Situation um die Stimme(n) ist ambivalent, weil Kant
einerseits sagt, dass es sich bei Isis und dem Gesetz um „denselben Gegenstand“
handelt, und weil er andererseits diesen Gegenstand nach seiner Medialität in
zwei Gegenstände aufteilt. Kants Betonung der Identität ist Element seiner simulatio. Einmal mehr ertappt man Kant
als Verführer und Verführten, der als Lehrer der Diskursivität der Verführung
nicht widerstehen kann. Die simulatio
ist das Strategem, das Schlosser dazu bringen soll, einerseits den Titel des Ästheten, der ihm hier von
Kant implizit zugeschoben wird, zu akzeptieren und andererseits den Titel des Philosophen wieder abzugeben.
Kant sagt zu Schlosser: ‚Wir meinen dasselbe,
aber du bist ein Ästhet und hast die Vorherrschaft meiner Philosophie zu
akzeptieren.‘ Die Vorherrschaft der Philosophie ist notwendig, weil die
Ästhetik zum „Tod aller Philosophie“ führt. Natürlich meinen Kant und Schlosser
nicht dasselbe. Ihre Ethiken gehen von anderen Annahmen aus. Kant drängt
Schlosser unter Vortäuschung von Einigkeit zur Unterzeichnung des Vertrags.
Erst im letzten Abschnitt des „Vertrags“ rückt Kant ein
Stück weit mit seiner Absicht heraus, indem er eine Übersetzung leistet:
„Jene Göttin also
ahnen zu können, würde ein Ausdruck sein, der nichts mehr bedeutete als, durch sein moralisches Gefühl zu
Pflichtbegriffen geleitet zu werden, ehe man noch die Prinzipien, wovon jenes
abhängt, sich hat deutlich machen können; welche Ahnung eines Gesetzes,
sobald es durch schulgerechte Behandlung in
klare Einsicht übergeht, das eigentliche Geschäft der Philosophie ist, ohne
welches jener Ausspruch der Vernunft die Stimme eines Orakels, welches allerlei
Auslegungen ausgesetzt ist, sein würde.“ (vT A 424, Hervorhebung von mir, R.
M.)
Das fühlende Ahnen ist führt bloss zum „eigentlichen
Geschäft der Philosophie“; die Göttin selbst ist die Ästhetisierung der
Philosophie, die keinesfalls zur Philosophie erhoben werden darf. Mit dieser
Übersetzung löst Kant die Vereinigung der Stimmen partiell wieder auf.
Kant teilt sich, indem er Schlosser zum Ästheten macht, den
Titel des Ästheten auch selbst aus. Als
Philosoph hat er sich in der Kritik
der praktischen Vernunft zur Personifizierung der Pflicht hinreissen
lassen. Bezeichnenderweise geht dem schwärmerischen Absatz die Warnung
voraus, nicht der Schwärmerei zu verfallen.
Kant kann sich enthalten, der Pflicht neue Namen und Einkleidungen zu geben,
doch das du schreibt er voller
Inbrunst nieder:
„Pflicht!
du erhabener grosser Name, der du nichts Beliebtes, was
Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest,
sondern Unterwerfung verlangst, doch auch nichts drohest, was natürlicher
Abneigung im Gemüte erregte und schreckte, um den Willen zu bewegen, sondern
bloss ein Gesetz aufstellst, welches von selbst im Gemüte Eingang findet, und
doch sich selbst wider Willen Verehrung (wenn gleich nicht immer Befolgung)
erwirbt, vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich in Geheim ihm
entgegen wirken, welches ist der deiner würdige
Ursprung, und wo findet man die Wurzel deiner
edlen Abkunft, welche alle Verwandtschaft mit Neigungen stolz ausschlägt, und
von welcher Wurzel abzustammen die unnachlassliche Bedingung desjenigen Werts
ist, den sich Menschen allein selbst geben können?“ (KpV A 154, Hervorhebung
von mir, R. M.)
Die Pflicht ist nicht nur eine Idee, sie ist persönlich und
ansprechbar. In Von einem neuerdings
erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie hat sie eine hörbare Stimme.
Jeder Mensch kann sie innerlich als ein personales Gegenüber erfahren und als du ansprechen. Die akustischen Metaphern übersetzen den mystischen
Erfahrungsgehalt in die Sprache profaner Sinnlichkeit.
Kant entnimmt seinen Pflichtbegriff, den er zum ersten Mal
in der Grundlegung zur Metaphysik der
Sitten ausarbeitet, dem „gemeinen Gebrauch“[254].
Der „gemeine Gebrauch“ stützt das praktische Funktionieren der Ethik. Jeder
kennt die Pflicht, jeder kann ihre „Stimme“ hören. Erst im Zweiten Abschnitt der Grundlegung
zur Metaphysik der Sitten mit dem bezeichnenden Titel Übergang von der populären sittlichen Weltweisheit zur Metaphysik der
Sitten gelangt er über den Pflichtbegriff zum kategorischen Imperativ und
betritt den Bereich der Philosophie[255].
Die Stimme der Pflicht ermöglicht dem natürlichen Menschen den Zugang zum Sittengesetz
und zur Freiheit, dieser Zugang führt über eine Wendung nach innen. Im
Gegensatz zu Schlossers Stimme spricht Kants Stimme (die Stimme der Pflicht ist
die „Stimme der Vernunft (dictamen rationis)“) „zu jedermann deutlich“ (vT A
417).
Kant kritisiert Schlossers Isis in zwei Punkten: Erstens
missfällt ihm, dass sich Schlosser der Analogie und der Wahrscheinlichkeit
bedient. Schlossers innere Anschauung
wird nur durch eine Analogie zu einer intellektuelle
Anschauung; das, was in der inneren Schau gesehen wird, ist wie die Göttin Isis und wie die „Weisheit“, aber es bleibt ein
„Geheimnis“. Schlosser beharrt in seinen Schreiben
darauf, Wahrscheinlichkeiten im philosophischen Denken zuzulassen. Voigts
zeigt, dass das „Geheimnis“, wenn es als philosophisches Thema bestand haben
will, auf blosse Wahrscheinlichkeit angewiesen ist[256].
Zweitens beruht Schlossers Ethik auf empirischen Elementen, weil sich diese auf
den Zustand des „Genusses“ beruft, zu dem die intellektuelle Anschauung führen
soll. „Genuss“ beruht aber für Kant auf Sinnlichkeit, d. h. auf Wahrnehmung der
Aussenwelt.
In dem Abschnitt, in dem Kant diese beiden Einwände
formuliert, taucht der Ausdruck der Entmannung
auf. Er ist das dritte Argument von
Kants Kritik an Schlosser, auch wenn er zunächst als metaphorische Zusammenfassung
der ersten beiden Punkte erscheint.
Kant zitiert den Ausdruck der Entmannung zuerst von
Schlosser, anschliessend verwendet er ihn
selbst. Der Ausdruck erscheint zwei Mal in Kants Text:
„Zu
ebendemselben Behuf werden nun, beim Mangel scharfer Beweise, ‚Analogien,
Wahrscheinlichkeiten‘ (von denen schon oben geredet worden), und ‚Gefahr vor Entmannung der durch metaphysische
Sublimation so feinnervig gewordenen Vernunft, dass sie in dem Kampf mit dem
Laster schwerlich werde bestehen könne‘, als Argument aufgeboten; da doch eben
in diesen Prinzipien a priori die praktische Vernunft ihre sonst nie geahnete
Stärke recht fühlt, und vielmehr durchs untergeschobene Empirische (welches
eben darum zur allgemeinen Gesetzgebung untauglich ist) entmannet und gelähmt wird.“ (vT A 411-414, Hervorhebung von mir R.
M.)
Ist der Ausdruck der Entmannung, der hier zweifellos eine
Metapher ist, eine der „indirecten
Darstellungen nach einer Analogie“, von denen Kant in der Kritik der Urteilskraft spricht, die „nicht das eigentliche Schema
für den Begriff, sondern bloß ein Symbol für die Reflexion“ (KU §59) enthalten?
Kant macht in §59 darauf aufmerksam, dass es im philosophischen Diskurs
unerkannte symbolische Ausdrücke gibt und fordert „eine tiefer Untersuchung“
(KU §59) der Sache, die er allerdings nie geliefert hat[257].
Ist die Entmannung eine der Metaphern, die auf dem Weg zur Begriffssprache noch
nicht vom Bildhaften reingewaschen wurde?[258]
Kaum.
Es ist nicht klar, welche Funktion der
Ausdruck bei Kant erfüllt. Kant macht im zitierten Passus darauf aufmerksam, dass
Metaphern nicht als „Argumente“ verwendet werden dürfen. Sie gehören nicht in
einen „Beweis“. Doch nach der Zitation
verwendet Kant die Entmannung selbst als „Argument“ gegen Schlosser. Die
Empirie entmannet die praktische
Vernunft. Es ist nicht klar, wie die Metaphorizität des Ausdrucks interpretiert
werden soll.
Die Entmannung umfasst auf beiden Seiten die zentralen
Einwände gegen die jeweils andere Partei. Analogie, Wahrscheinlichkeit und
Empirie entmannen die praktische
Vernunft, sie zerstören das Fundament der Ethik, so Kant, und Kants Vernunft,
die „Analogien, Induktionen und Wahrscheinlichkeiten“[259]
verbietet und nicht den ganzen Menschen umfasst, entmannt den Menschensinn, so Schlosser. Kant will keine entmannte
praktische Vernunft, Schlosser will keinen entmannten Menschensinn. Entmannen heisst unmöglich machen.
Im „Vertrag“, sagt Derrida, „stimmen sie überein“, insofern
beide keinen entmannten logos wollen:
„[...] das ist der Gemeinplatz ihres Konsenses, an dem sie sich versammeln und
zusammenkommen können, ihre Synagoge.“[260]
Es ist wichtig zu sehen, dass sich Derrida mit dieser Deutung bereits auf die
Seite Kants geschlagen hat. Kant und Schlosser versammelnt sich nicht im logos, es gibt nur die Kantische
Vernunft und den Schlosserschen „Menschensinn“. Die simulatio etabliert diesen angeblichen „Gemeinplatz“. Der Vertrag wird Schlosser von Kant von
Anfang an unter Ausschluss des Anderen angeboten.
Doch wie kann über die bildhafte Komponente der Metapher der
Entmannung Rechenschaft abgelegt werden? Wie kann der Bezug zum Geschlecht aufrecht erhalten werden?
Betrachtet man Schlossers Text, aus dem Kant den Ausdruck
der Entmannung entlehnt, so ist Kants Technik der Pseudo-Zitation auffällig
(wie bereits im Falle Stolberg):
„Eine Kritik, die der Vernunft
dieses [die Analogie und die Wahrscheinlichkeit] abspräche, würde sie nicht
reinigen, sondern entmannen; und mich
dünkt sogar, eine Philosophie, die sich durch eine solche Reinigung so sehr von
der Vernunft sequestrierte, würde selbst Gefahr
laufen, bald in eine blosse Formgebungs=Manufactur auszuarten, welche in
kurzem alle Materie verlieren, und in der nächsten Generation im Denken den
alten scholastischen Peripatetismus einführen würde, welchem dann immer im
Handeln, zumal da, wo dem Vorurtheil und dem Aberglauben ihre zähmende Kraft
benommen worden ist, der regelloseste Libertinismus folgt, bis sich beyde in
der Barbarey verlieren. Ein System, das beynahe alle Wirklichkeit, das Gott und
Unsterblichkeit wegkritisiert, und die Tugend so metaphysisch sublimiert, dass ihre Gestalt kaum mehr zu ahnden ist,
lässt nichts bessres hoffen. Und obgleich das allerneuste Reinigungssystem uns
eine Sittlichkeit a priori, und selbst Realität, Gott und Unsterblichkeit, die
dasselbe uns mit der einen Hand genommen hat, mit der andern wieder zu geben
scheint; so gibt es doch diese eben so wieder, wie man in einigen schwachen
Gerichtshöfen dem, den das Urtheil als einen Betrüger verdammt, seine Ehre
durch die frostige Clausel, seiner Ehre unbeschadet wieder zu geben pflegt, und
die Sittlichkeit, die uns dieses System aus dem Schiffbruch der Vernunft rettet, ist so feinnervig geworden, dass sie den Kampf mit dem Laster schwerlich
mehr wird bestehen können.“[261]
Ich habe oben die Textfetzen markiert, aus denen Kant sein
Schlosser-Zitat gebastelt[262] hat. Bei Kant sieht das Zitat folgendermassen aus:
„[...] ‘Gefahr vor
Entmannung der durch metaphysische Sublimation so feinnervig gewordenen
Vernunft, dass sie in dem Kampf mit dem Laster schwerlich werde bestehen
können‘ [...]“ (vT A 411f., Hervorhebung von mir, R. M.)
Die Pseudo-Zitation ist Ausdruck zahlreicher
Sinnverschiebungen. Die auf den ersten Blick zufällige Auswahl der Textelemente
ist Produkt von Kants Lektüre: Er zitiert falsch und sonderbar. Es fällt sofort
auf, dass er dem Wort „entmannen“ eine grosse Bedeutung zumisst. Er stellt es
substantiviert ins Zentrum des Zitats. Anschliessend verwendert er den Ausdruck
selbst, obwohl Metaphern im philosophischen Diskurs nichts verloren haben. Kant
wählt aus Schlossers Text die Metapher aus, um vielleicht auf die
Metaphorizität von dessen Text aufmerksam zu machen. Er hätte aber, wenn er
hätte begrifflich und sachlich argumentieren wollen, andere Elemente für seine
Zitation auswählen können. Kant bringt die „Entmannung“ in die Nähe der Gefahr.
Schlosser spricht nicht von einer „Gefahr vor Entmannung“, sondern von der
„Gefahr“ der „Formgebungs=manufactur“. Kant macht aus der Entmannung eine
Gefahr. Für wen ist sie eine Gefahr, für Schlosser, den Kant zitierend
verfälscht, oder für Kant, der die Entmannung zu einer Gefahr macht? Die
Metapher der Entmannung erhält in Kants Zitation ein sonderbar starkes
Gewicht.
Entmannen meint den Übergang von der Männlichkeit zur
Nicht-Männlichkeit. Van der Zande hat darauf hingewiesen, dass ‚männlich‘ einer
der beliebtesten und am häufigsten benutzten Ausdrücke Schlossers ist:
„Der bei ihm häufig vorkommende Ausdruck ‚männlich‘ [...]
ist in diesem Kontext ein Schlüsselwort. Männlich bedeutete bei ihm kräftig, im Sinne von Geisteskraft und Seelengrösse. Diese Kernbegriffe stehen offenbar in enger
Verbindung zur Schönheit. Beide haben
Konnotationen wie göttlich inspirierte
Imagination, edles Gemüt, Opfergeist und Mitleid [...], vor allem jedoch
auch Spontaneität, Natürlichkeit und Einfalt. Sie verweisen auf ein tiefes Gefühl für die eigene Existenz.“[263]
Van der Zande bemüht sich, die Metapher aufzulösen. Er
vermeidet wie Schlosser[264] jeden Bezug zum Geschlecht. Jemanden zu entmannen bedeutet,
jemandem die „Geisteskraft“ und die „Seelengrösse“ zu nehmen. Zu entmannen
bedeutet aber, die männliche Identität zu zerstören: Wem „Geisteskraft“ und
„Seelengrösse“ genommen wird, dem wird die männliche Identität (das „tiefe
Gefühl für die eigene Existenz“) genommen.
Von Frauen wird in der Auseinandersetzung zwischen Kant und
Schlosser nicht gesprochen. Der „Zweck der Natur“ der Frau besteht für Kant in
der Fortpflanzung und in der Förderung und Verfeinerung der Geselligkeit und
Wohlanständigkeit[265].
In Schlossers Texten kommen reale Frauen bei Fragen der Philosophie, der Politik
oder der Kunst nicht vor. Die Göttin Isis besitzt als Ausdruck von Weiblichkeit
nur den Status eines männlichen Phantasmas. Philosophie ist in der Aufklärung
ein Männerdiskurs, auch wenn Kant sich zeitweise und zurückhaltend für eine Egalität
der Geschlechter ausgesprochen hat[266].
Aufklärung glaubt ohne Weiblichkeit auszukommen[267].
Besonders Schlossers beide Schreiben inszenieren den
Streit um die wahren Philosophie als Kampf um die richtige Erziehung des Mannes.
Sie wenden sich an einen fingierten jungen Mann („o Sohn meines alten Freundes“[268]),
der vor der Entscheidung steht, bei Kant Philosophie zu studieren. Der junge
Mann steht auf der Schwelle zur Erwachsenenwelt. Pubertär bittet er Schlosser
um Erlaubnis, Transzendentalphilosoph zu werden: „[...] aber noch schwerer wird
es mir einzusehen, wie du, mit einer Art von misstrauischer Schüchternheit,
mich um Erlaubnis bitten konntest, dich dem Unterricht dieser Schule [der
kritischen] hinzugeben.“[269]
Der Schreiber hat die letzte Gelegenheit, erzieherisch tätig zu werden. Ist der
junge Mann ein Mann, hat die Pädagogik ausgedient. Der Schreiber nimmt die
Rolle des Vaters ein, auch wenn der „junge Mann“ nicht sein leiblicher Sohn
ist; er hat ihn erzogen, behütet und geleitet[270].
Schlossers Erziehung kämpft um Männlichkeit: Der junge Mann wird nicht zu einem
‚erwachsenen Menschen‘ erzogen, sondern zum Mann, sein Erzieher will seinen
„Geschmack männlich und fest“[271]
machen. Es geht um Männlichkeit: „Nun fängst du aber an Mann zu seyn.“[272]
Die Metapher
der Entmannung ist die Spur der stillschweigenden kotextuellen und
kontextuellen Übereinkunft zweier Männer über die Geschlechtlichkeit ihres
Diskurses.
Die Entmannung ist
auf psychologischer Ebene die symbolische
Kastration. Kant streift in Von einem
neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie die psychologische
Ebene. Die Kastration hat ihre Wurzel in der Entmannung, die in der Debatte
zwischen Kant und Schlosser eine Frage des Denkens ist: Nicht der Mann wird
kastriert, die Vernunft wird entmannt.
Die symbolischen Kastration ist seit Freud ein Grundmotiv
der Psychopathologie. Das Problem der Kastration wurzelt in Problemen des
Denkens, weil nur eine falsch verstandene Vernunft (diejenige Vernunft, die
durch die Empirie entmannt wird) das Problem der symbolischen Kastration
entstehen lässt. Dies entspricht der Interpretation psychologischer Krankheiten
im 18. Jahrhundert[273].
Es geht um die Frage, wie mit der „produktiven Einbildungskraft“ richtig
umzugehen ist. Wenn ihr der diskursive Verstand nicht die richtigen Grenzen
setzen kann, so die Kantische Antwort, drohen Schwärmerei, Krankheit und
Wahnsinn. Der Einbildungskraft verleiht Schlosser mit der Forderung, die
Analogie und die Wahrscheinlichkeit in der Philosophie zuzulassen, Flügel.
Besonders gefährlich ist die Einbildungskraft als Phantasie,
weil sie in ihr „unwillkürlich“ agiert und Autonomie erhält. Diese Autonomie
kann zur „Hypochondrie“ oder „Grillenkrankheit“ führen (vgl. StFak A 178ff.).
Deshalb ist Schlossers Menschensinn für Kant kastrierend. Die Einbildungskraft, in der falschen Dosierung, macht
krank, geistig und körperlich in Form von psychosomatischen Beschwerden. Auf
der anderen Seite ist es die Analogie und Wahrscheinlichkeit, die Schlosser den
Zugang zur Göttin Isis verschaffen, und die somit die Zustände des „Genusses“,
der Gesundheit, der Vollkommenheit ermöglichen.
Metonymische breitet sich die Entmannung vom Geist über die
Psyche bis zum Körper hin aus. Die Analogie und die Wahrscheinlichkeit
infizieren das Denken, das Denken affiziert die Seele und den Körper.
Die Transzendentalphilospohie kann nichts mit der
Psychologie anfangen. Die Psychologie befasst sich mit dem empirischen
Menschen. Kant verteidigt in Von einem
neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie die
Transzendentalphilosophie, verwendet aber einen psychologischen Begriff. Er
verwendet diesen Begriff nicht einmal psychologisch, er koppelt ihn an die
Vernunft. Der wesentliche Herkunftsbereich der Metapher ist die Psychologie.
Kant hat den Ausdruck der Entmannung aus einem anderen Diskurs übernommen und
damit einen Übergang geschaffen. Er macht dem Leser unfreiwillig die Offerte,
von seinem Text Verbindungen zu Schlossers psychologischem Diskurs
herzustellen, in dem die Metapher und Analogien ungehemmt verwendet werden und
in dem der Ausdruck der Entmannung
einen Sinn entfaltet. Weshalb soll dieser Ausdruck als eine Offerte gelesen
werden, und weshalb soll der Offerte Folge geleistet werden? Erstens weil Kant
selber fordert, Bilder in Begriffe zu übersetzen. Zweitens gibt nicht Kants
Verwendung des Ausdrucks der Entmannung, sondern seine, alleine ihm
anrechenbare Sinnverschiebung bei der Schlosser-Zitation den Hinweis, dass für
Kant die „Entmannung“ eine „Gefahr“ ist und dass für ihn die Kastration und der
Bezug zum Geschlecht in irgend einer Form präsent ist. Drittens ist die
Kantische Interpretationsmaxime zu nennen, nach der ein Autor besser verstanden
werden soll, als dieser sich selbst versteht. Gerade diese Interpretationsmaxime,
impliziert eine unbewusste Logik oder
ein unbewusstes Denken.
Es ist Schlossers Inszenierung
des Streits als Familiendrama, der den Bezug zum Geschlecht herstellt, den Kant
in seiner Adaption fallengelassen hat (die Vernunft wird entmannt und nicht der
Mann). Schlosser inszeniert den Streit um die wahre Philosophie als ein Ringen
zweier eifersüchtiger Väter um einen Sohn. Der junge Mann hat kurz vor Eintritt
ins Stadium der Männlichkeit die freie Wahl, sich Schlosser oder Kant als zukünftigen
geistigen Vater zu wählen. Seine Bindung zu Schlosser ist stärker als diejenige
zu Kant. Er fragt daher Schlosser um Erlaubnis, ihm untreu werden zu dürfen.
Beide Väter, so die Inszenierung Schlossers, versuchen den jungen Mann mit dem Versprechen der Möglichkeiten ihrer Philosophie zu verführen. Beide geben dem potentiellen Sohn ein Versprechen. Schlosser verspricht den bestmöglichen Zugang zur Göttin Isis. Dieser Zugang reicht bis zu ihrem hauchdünnen Schleier und gelingt nur im Modus der Ahnung. Kants erkenntniskritischen Einwände versucht Schlosser mit der Versicherung zu umgehen, dass die möglichen Irrtümer, zu denen das „Meynen und Glauben“[274]