Die
Verneinung in der Psychoanalyse
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Ø Der Begriff der
Verdrängung
Ø 1.1 Die Regung des
Unbewussten
1.1.2 Die Verdrängung als Abwehrmechanismus
1.1.3 Der Mechanismus der Verdrängung
1.2 Die Verdrängung zwischen Verurteilung und
Flucht
1.3 Wiedererinnerung
-
Bewusste und unbewusste Erinnerungen
Ø Die Sphäre des "Nein"
2.1 Die Psychoanalyse als
Kommunikationswissenschaft
2.1.1 Spuren des Unbewussten
2.2 Der Einfall als Ersatz der Verdrängung
2.2.1 Das "Nein" als Merkzeichen
der Verdrängung
2.3 Die Ambivalenz der Worte
2.3.1 Der Ursprung des
"Nein"
2.4 Die Ökonomie des Todes
Einleitung
Der Aufsatz Die Verneinung hat Freud im Jahre 1925 verfasst. Andere Aufsätze zeigen, dass Freud vor 1925 die Problematik von verneinenden oder negativen Formulierungen in der psychoanalytischen Arbeit erkannt hatte. So liegt zum Beispiel in der Fallgeschichte der Patientin Dora, die den Titel Bruchstücke einer Hysterie-Analyse (1905)[1] trägt, ein erster Hinweis auf diesen Problemkreis in der psychoanalytischen Arbeit.
Ich beabsichtige in dieser Arbeit, die von Freud aufgestellte Annahme, dass das "Nein" des Patienten eine indirekte Bestätigung des abgewiesenen Einfalles ist, in ausgewählten Schriften zu verfolgen und auszulegen.[2] Im Mittelpunkt der Untersuchung steht der Artikel Die Verneinung aus dem Jahre 1925. Andere Aufsätze wie der Sprachaufsatz von 1910 Über den Gegensinn der Urworte bilden einen wichtigen Hintergrund dazu. Neben den theoretischen Schriften sind die unzähligen und vielfältigen Beobachtungen und Auseinandersetzungen mit den Patienten, die die Verdrängungsmechanismen im Seelenleben schildern, massgebend.
Das erste Kapitel in dieser Arbeit, das den Titel Der Begriff der Verdrängung trägt, fragt nach dem Entstehen und den Bedingungen des Verdrängungsvorgangs. Das zweite Kapitel, das Die Sphäre des "Nein" heisst, geht auf die Thematik der Verneinung in der Psychoanalyse ein. In direktem Zusammenhang dazu steht die Thematik der Sprache, insofern sie der wesentliche Vollzugsmodus der Psychoanalyse ist: Einerseits offenbart sich der Patient sprechend dem Arzt und andererseits nähert sich der Arzt mit gezieltem Gebrauch der Sprache dem Kern des Unbewussten.
1. Der
Begriff der Verdrängung
1.1
Die Regung des Unbewussten
"Das älteste
Stück unserer psychoanalytischen Terminologie ist das Wort der
'Verdrängung'" (F III 384), schreibt Freud im Aufsatz Fetischismus von 1927. Doch der Gebrauch des Wortes reicht vor der
Zeit Freuds zurück. Der Biographie Sigmund
Freud von Ernest Jones entnimmt der Leser, dass der Terminus der Verdrängung
bereits im 19. Jahrhundert vom Psychologen Herbart verwendet wurde.[3]
Freud nahm den Terminus der Verdrängung auf, verwendete ihn aber anders als seine Vorfahren. Anfänglich bezeichnete er mit dem Wort der Verdrängung klinische Fakten in der Hysterie. Schon bei seinen frühesten Behandlungen stellte er bei den hysterischen Patienten fest, dass sie über bestimmte Erinnerungen nicht verfügten. Die Patienten wehrten sich vehement gegen das Wachrufen der vergessenen Erinnerungen. Ihre Abwehr bestand darin, sie von ihrem bewussten Denken fern zu halten und zu verdrängen:[4]
"Aus unseren Beobachtungen [von Freud und Breuer]
geht nun hervor, dass jene Erinnerungen, welche zu Veranlassung hysterischer
Phänomene geworden sind, sich in wunderbarer Frische und mit ihrer vollen
Affektbetonung durch lange Zeit erhalten haben. Wir müssen aber eine […]
verwertbare Tatsache erwähnen, dass die Kranken nicht etwas über diese
Erinnerungen wie über andere ihres Lebens verfügen. Im Gegenteil, diese
Erlebnisse fehlen dem Gedächtnisse der Kranken in ihrem gewöhnlichen
psychischen Zustande völlig oder sind nur höchst summarisch darin vorhanden.
Erst wenn man die Kranken in der Hypnose befragt, stellen sich diese
Erinnerungen mit der unverminderten Lebhaftigkeit frischer Geschehnisse
ein."[5]
Der Begriff der Verdrängung unterlag in der Psychoanalyse einem Bedeutungswandel. Freud zog aus seinen unzähligen Beobachtungen immer neue theoretische Schlussfolgerungen und weitete die Bedeutung des Begriffs nach den neuen Erkenntnissen aus.
Als Freud mit Breuer zusammenarbeitete und im Jahre 1895 die Studien über Hysterie herausgab, setzte er den Begriff der Verdrängung mit Abwehr gleich. In der Schrift Sexualität in den Neurosen, die zwei Jahre später erschien, begann Freud die Begriffe der Verdrängung und Abwehr auseinanderzuhalten. Später in Hemmung, Symptom, Angst (1926)[6] und in Die endliche und unendliche Analyse (1937) weisen die Begriffe eine klare Unterscheidung auf. Besonders aus den zwei letzten Aufsätzen geht hervor, dass der Begriff der Verdrängung eine besondere Abwehrstrategie des Ich darstellt.
1.1.2 Die Verdrängung als Abwehrmechanismus
Freud fasst den Begriff der Verdrängung nicht als generischen Begriff auf, der alle Abwehrmechanismen und -techniken bezeichnet. Indem die Verdrängung komplexe Abwehrvorgänge im Seelenleben veranschaulicht, dient sie als Vorbild für andere Abwehrmechanismen. Sie selbst ist aber nur eine unter anderen Abwehrstrategien, die dem Ich zur Verfügung stehen:
"Es war nie ein Zweifel daran, dass die Verdrängung
nicht das einzige Verfahren ist, das dem Ich für seine Absichten zu Gebote
steht. Immerhin ist sie etwas ganz besonderes, das von den anderen Mechanismen
schärfer geschieden ist als diese untereinander." (EUA Ergänzungsband 367)
Die Verdrängung gehört in die Kategorie der Abwehrmechanismen. Eine Verdrängung setzt sich dann in Gang, wenn unbeliebte Triebrepräsentanzen[7] vor dem Bewusstsein abgehalten werden sollen:
"Zur
Bedingung der Verdrängung ist dann geworden, dass die Verdrängung kein ursprünglich
vorhandener Abwehrmechanismus ist, dass sie nicht eher entstehen kann, als bis
sich eine scharfe Sonderung von bewusster und unbewusster Seelentätigkeit
hergestellt hat, und dass ihr Wesen nur in der Abweisung und Fernhaltung vom
Bewussten besteht." (Vd III 108)
Nach einem topischen und dynamischen Gesichtspunkt[8] hat ein psychischer Akt zwei Phasen. Die erste Phase findet im System[9] des Unbewussten statt, die zweite im Bewusstsein. Die unbewussten Triebrepräsentanzen, sind in der ersten Phase latent und zeitweilig unbewusst. Werden sie dann bei der Zensur, die wie ein Wächter bei der Schnittstelle zum System des Bewusstseins wacht, abgewiesen, so schaltet sich die Verdrängung ein: Ihr Schicksal ist, unbewusst zu bleiben. Die Zensur verhält sich mit einem unbeliebten Vorstellungsinhalt so, wie wir uns bei einem unerwünschten Gast verhalten, den wir nicht ins Wohnzimmer herein lassen wollen und ihn bei der Schwelle zurückweisen.[10] Sie lässt nur diejenige Triebrepräsentanzen passieren, die ihr ungefährlich und lusterzeugend erscheinen.
Besteht eine Triebrepräsentanz die Prüfung der Zensur, dann tritt sie in die zweite Phase ein, in das System des Bewusstseins. Doch diese Zughörigkeit bestimmt ihr Verhältnis zum Bewusstsein nicht. Sie ist noch nicht bewusst, sondern erst bewusstseinsfähig[11]. Wenn gegen sie kein Widerstand ausgelöst wird, kann sie Objekt des Bewusstseins werden. Im Hinblick auf die Bewusstseinsfähigkeit wird das System des Bewusstseins auch das Vorbewusste genannt.
1.1.3 Der Mechanismus der Verdrängung
Im Aufsatz Die Verdrängung unterscheidet Freud zwei Phasen im Verdrängungsvorgang: Die Urverdrängung und die eigentliche Verdrängung.
Die Urverdrängung bezieht sich auf die ersten Bildungen der psychischen Triebrepräsentanzen im Unbewussten. Die Repräsentanz bleibt im Unbewussten unveränderlich bestehen (Fixierung)[12] und der Trieb an sie gebunden.
Die Urverdrängung findet nur im Kindheitsalter statt. Die im späteren Leben ausgehenden Verdrängungen vollziehen sich durch Anziehung, die die Urverdrängung auf die zu verdrängenden Inhalten ausübt:
"Alle Verdrängungen geschehen in früher Kindheit;
es sind primitive Abwehrmassregeln des unreifen, schwachen Ichs. In späteren
Jahren werden keine neuen Verdrängungen vollzogen, aber die alten erhalten
sich, und ihre Dienste werden vom Ich weiterhin zur Triebbeherrschung in
Anspurch genommen. Neue Konflikte werden […] durch 'Nachverdrängen'
erledigt." (EUA Ergänzungsband 367f.)
Die eigentliche Verdrängung betrifft die psychischen Abkömmlinge: Was in der ersten Verdrängung verdrängt wurde, versucht durch Assoziationen mit anderen Repräsentanzen in Verbindung zu geraten und ins Bewusstsein einzudringen. Diese Abkömmlinge erfahren eine zweite Verdrängung, die in diesem Sinne ein Nachdrängen[13] ist. Während die Abstossung des Bewusstseins auf das zu Verdrängende hin stattfindet, vollzieht sich gleichzeitig eine Anziehungskraft von Seiten des Unbewussten auf alles, was sich mit ihm verbinden lässt. Im Akt der Verdrängung sind also zwei Kräfte simultan am Werk: Eine Abstossung des Bewusstseins und eine Anziehung des Unbewussten auf die zu verdrängende Triebrepräsentanz.
Der zweiten Phase folgt eine dritte, die Wiederkehr der Verdrängung.[14] In dieser Phase schafft die Verdrängung Ersatzbildungen[15]: Unbewusste-Verdrängte Inhalte knüpfen an andere Triebrepräsentanzen durch einen Prozess von Verschiebungen und Verdichtungen[16]. Dadurch finden sie den Weg ins Bewusstsein und werden dem Subjekt bewusst. Zum Vorschein treten dann die Symptome[17] auf, deren Besonderheit vom jeweiligen Ersatz, der sie hervorgebracht hat, bestimmt ist.
1.2. Die Verdrängung zwischen Verurteilung und Flucht
Warum eigentlich eine Verdrängung zu Stande kommt, geschieht gemäss Freud, weil die menschliche Psyche nach dem Lust-Unlust-Prinzip[18] funktioniert. Alle seelischen Vorgänge streben nach Lustgewinn. Erweisen sich die Triebe oder Vorstellungsinhalte unvereinbar mit anderen Ansprüchen oder Vorsätzen im Ich, dann bedeutet ihre Befriedigung Unlust. Die Bedingung der Verdrängung ist also, dass "das Unlustmotiv eine stärkere Macht gewinnt als die Befriedigungslust". (Vd III 108)
Es ist aber nicht bloss die unlusterzeugende Eigenschaft einer Triebvorstellung, die zu ihrem Verzicht führt. Die Unlust erscheint als eine Gefahr, vor der das Ich sich schützt:
"Es kann das Schicksal einer Triebregung werden,
dass sie auf Widerstände stösst, welche sie unwirksam machen wollen. Unter
Bedingungen […] gelangt sie dann in den Zustand der Verdrängung. Handelte es
sich um die Wirkung eines äusseren Reizes, so wäre offenbar die Flucht das
geeignete Mittel. Im Falle des Triebes kann die Flucht nichts nützen, denn das
Ich kann sich nicht selbst entfliehen. Später einmal wird in der
Urteilsverwerfung (Verurteilung) ein
gutes Mittel gegen die Triebregung gefunden werden. Eine Vorstufe der
Verurteilung, ein Mittelding zwischen Flucht und Verurteilung ist die
Verdrängung […]."(Vd III 107)[19]
Während die Gefahr bei einer Realangst bekannt ist, und man von ihr flüchten kann, ist sie bei der inneren Angst unbekannt.[20] Das Ich verhält sich aber bei einer inneren Gefahr ähnlich wie bei einer äusseren: Das Ich produziert Angst, um der inneren Gefahr zu entkommen.[21] Es schafft Ersatzbildungen und projiziert dadurch die innere Gefahr in die Aussenwelt. Es weicht dann dem äusseren Reiz durch Flucht aus. [22]
Die Projektion, durch die eine Triebgefahr durch eine äusserliche Wahrnehmung ersetzt wird, ist bei Freud Phobie genannt.[23] Die Fallgeschichte des kleinen Hans veranschaulicht den Mechanismus der Phobiebildung.[24] Der Knabe projiziert seine Kastrationsangst, die er vor dem Vater hat, auf die Pferde. Er fürchtet sich vor ihnen, weil er sich einbildet, sie würden ihn beissen. Der Vorteil, die Gefahr des Vaters durch die der Pferde zu ersetzen, besteht darin, dass er den Pferden immer ausweichen kann, wenn er welche sieht, während er der Kastrationsgefahr nicht mehr hilflos ausgeliefert ist.
Ähnlich wie bei der Phobiebildung, ist die Verurteilung ein Fluchtversuch und ein Ersatz der Verdrängung. Die Urteilsverwerfung ist der Versuch, einen bewussten Wunsch, dessen Erfüllung mit anderen Ansprüchen im Ich in Konflikt steht, zu isolieren und ihn von sich fernzuhalten. Das Isolieren[25] findet sein Vorbild, wie beim Fluchtversuch, in der Sphäre der motorischen Handlungen. Zweck der Isolierung ist, dass eine unerwünschte Triebrepräsentanz von anderen Triebrepräsentanzen isoliert bleibt und in keine Verbindung mit ihnen gerät. Die unliebsame Triebvorstellung wird vom Affekt entblösst und von sich abgewiesen.
Der psychische Akt des Isolierens hebt alle Kontaktmöglichkeiten mit der unerwünschten Triebrepräsentanz auf. Keine Berührung[26] kann mit ihr stattfinden. Die Verurteilung ist ein Mittel, Distanz zu schaffen und eine Trennung von ihr zu vollziehen. Mit der Verurteilung gibt das Subjekt zu verstehen, dass es nicht zulässt, dass die unliebsamen Erinnerungen oder Gedankenzüge sich mit anderen psychischen Inhalten in Verbindung setzen. Sie werden in die Vergessenheit gedrängt und in die Dunkelheit des Unbewussten verwiesen.
1.3
Wiedererinnerung
Nach Freud bleibt im Seelenleben alles bestehen, auch das, was Vergessenen zu sein scheint:[27]
"Alles Wesentliche ist erhalten, selbst was
vollkommen vergessen scheint, ist noch irgendwie und irgendwo vorhanden, nur
verschüttet, der Verfügung des Individuums unzugänglich gemacht." (KA
Ergänzungsband 397)
Was in Vergessenheit gefallen ist, ist in der Dunkelheit der Seele verschwunden, aber immer noch vorhanden und nicht aus der Welt geschaffen. Das Vergessene bleibt latent und wirkt in der Stille des Unbewussten. Für die dynamische Beschreibung, wie etwas, das in Vergessenheit geraten ist, auf das Wachleben Einfluss ausübt, liefert Freud im Aufsatz Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewussten in der Psychoanalyse ein Experiment: Eine Person wird in einen hypnotischen Zustand versetzt. Ihr wird vom Arzt den Auftrag erteilt, sie solle etwas in einem bestimmten Zeitpunkt ausführen. Als sie aus der Hypnose erwacht und das Bewusstsein und die Geistesverfassung sich wieder einstellen, führt sie die Handlung in dem Zeitpunkt aus, wie es ihr vom Arzt auferlegt wurde. Im Moment der Ausführung hat sie jedoch keine bewusste Erinnerung an den Befehl, den der Arzt ihr während der Hypnose erteilt hatte:
"Es dürfte kaum möglich sein, eine andere
Beschreibung des Phänomens zu geben, als mit den Worten, dass der Vorsatz im
Geiste jener Person in latenter Form oder
unbewusst vorhanden war, bis der gegebene Moment kam, in dem er dann
bewusst geworden ist. Aber nicht in seiner Gänze ist er im Bewusstsein
aufgetaucht, sondern nur die Vorstellung des auszuführenden Aktes. Alle anderen
mit dieser Vorstellung assoziierten Ideen - der Auftrag, der Einfluss des
Arztes, die Erinnerung an den hypnotischen Zustand -, blieben auch dann noch
unbewusst." (BBUP III 30)
Ähnlich verhält es sich mit den vom Ich unerwünschten Triebrepräsentanzen. Im Dunkeln des Unbewussten sind sie durchaus im Stande auf die bewussten Handlungen einzuwirken und sie zu beeinflussen. Das ist der Beweiss, dass es kein Vergessen im Seelenleben gibt. Das Unbewusst-Vergessene bleibt in latenter Form bestehen.
In der Praxis nimmt der psychoanalytische Arzt die Arbeit auf, die verdeckten und verkleideten Regungen des Unbewussten, die in den Träumen, in den Handlungen und Gebärden oder in der Sprache auftreten, wahrzunehmen und sie dem Patienten mitzuteilen. Mit der Mitteilung der verdrängten Inhalten erhält der Patient die Aufgabe, sich derer bewusst zu werden und sich von den Wiederholungsmechanismen der Verdrängung durch Wiedererinnerung zu befreien. Freud nennt diese vom Patienten zu leistende Arbeit die "Durcharbeitung"[28].
1.3.1 Bewusste und unbewusste Erinnerungen
Im Aufsatz Das Unbewusste[29] schreibt Freud, was erfolgt, wenn der Arzt den Patient auf seine Verdrängung aufmerksam macht: Die Verdrängung wird dem Patient bewusst, doch der Verdrängungsvorgang wird weder aufgehoben noch rückgängig gemacht. Der Grund dafür ist, dass mit der Mitteilung zwei verschiedene Formen der verdrängten Vorstellung vorliegen, die sich an zwei verschiedenen Orten im psychischen Apparat befinden.[30] Die erste Form ist die bewusste Erinnerung an die Mitteilung und die zweite ist die unbewusst-verdrängte Erinnerung an die unliebsame Vorstellung.[31] Die zwei Erinnerungsformen decken sich nicht, und deshalb kann die Verdrängung trotz der Mitteilung ungestört fortbestehen:
"Das Bewusstwerden ist kein Wahrnehmungsakt, sondern eine Überbesetzung, ein weiterer Fortschritt der psychischen Organisation" (U III 152)[32]
Bewusste und unbewusste Vorstellungen sind dadurch verschieden, dass sie topisch gesonderte Niederschriften des gleichen Inhaltes sind. Das Entscheidende an dieser Feststellung ist, dass die Mitteilung des Arztes mit der verdrängten Erinnerung des Patienten nicht übereinstimmt. Das Gehörte und das Erlebnis sind nicht identisch, auch wenn sie den gleichen Inhalt vermitteln. Für eine Aufhebung der Verdrängung genügt es nicht, wenn der Arzt sie bloss mitteilt. Andere Techniken als das blosse Mitteilen der unbewussten Vorgänge sind erforderlich, um eine Verdrängung daran zu hindern, sich immer wieder neu zu bilden. Im Heilungsprozess wird deshalb der Patient aufgefordert, sich selber an das verdrängte Erlebnis bewusst zu erinnern, da der Arzt ihm nur Konstruktionen von seinen vergessenen-verdrängten Erinnerungen anbieten kann:
"Der Weg, der von der Konstruktion des
Analytikers ausgeht, sollte in der Erinnerung des Patienten enden […]" (KA
Ergänzungsband 401)
Die Aufhebung des Wiederholungsmechanismus der Verdrängung tritt ein, wenn die unbewusste Vorstellung sich nach Überwindung der Widerstände zur bewussten Erinnerung wird. Erst dadurch wird der Erfolg einer geglückten Aufhebung der Verdrängung erreicht.
2. Die Sphäre des "Nein"
2.1 Die Psychoanalyse als Kommunkiationswissenschaft
Im Jahr 1937 verfasste Freud den Aufsatz Konstruktionen in der Analyse. In diesem Aufsatz geht Freud auf die Frage ein, wie eine bejahende oder verneinende Antwort des Patienten in der analytischen Arbeit zu beurteilen sei. Freud schreibt, dass nur der Prozess der Analyse darüber Aufschluss gibt, ob ein "Ja" heuchlerisch oder als Anerkennung für die Deutung des Arztes sei und gleichfalls ob ein "Nein" ein Anzeichen eines Widerstandes oder eine berechtigte Abweisung der vorgeschlagenen Konstruktion sei. Die Richtigkeit oder Falschheit einer Konstruktion zeigt sich in der Weiterführung des Gesprächs mit dem Patienten: "Nur die Fortsetzung der Analyse bringt die richtige Entscheidung" (KA Ergänzungsband 402), vermerkt Freud im Aufsatz lapidar.[33] Der Arzt teilt dem Patienten seine Konstruktion mit, und lässt sie auf ihn einwirken. Auf die Reaktion des Patienten hin, und im Zusammenhang mit einer ganzen Reihe von Verhalten und Antworten in der Analyse, ist der Arzt in der Lage zu entscheiden, ob die Konstruktion richtig war oder ob er sich irrte.
In der analytischen Arbeit fordert der Arzt den Patienten auf, Erfahrungen und Erlebnisse, die eine wichtige Rolle in seinem Leben einnehmen, zu schildern.[34] Der Arzt sucht dann im Erinnerungsdschungel diejenige Erfahrungen aus, die auf eine Verdrängung schliessen lassen. Wie ein Detektiv sammelt er Indizien, vergleicht sie untereinander, bringt sie in einen grösseren Zusammenhang und schliesst daraus Verdrängungsvorgänge oder andere Abwehrmechanismen, die das Seelenleben des Patienten trüben.
Für die
Psychoanalyse ist die Sprache eines der wichtigsten und wirksamsten Mittel. Sie
ist nicht nur Informationsträger, sondern der eigentliche Vollzugsmodus der
Psychoanalyse. Durch die Sprache teilt sich der Patient dem Arzt mit und
offenbart sich ihm. Seine Äusserungen sind der wichtigste Beitrag in der
Praxis, die Erzählkunst seine Heilung. Der Arzt benutzt die Sprache, um sich
dem Patienten zu nähern. Durch den Sprachgebrauch rückt er an den Kern der
Verdrängung.
2.1.1 Die Spuren des Unbewussten
Die Regung des Unbewussten hinterlässt vielfältige Spuren. Fehlleistungen, das Ausfallen einer Antwort und Urteillsfällungen werden in der analytischen Arbeit als Abkömmlinge der Verdrängung gedeutet.
Ein Beispiel einer Fehlleistung, die Freud in Konstruktionen in der Analyse bringt, ist die Fallgeschichte einer Patientin, die immer wieder vom Namen Jauner träumte, dessen Bedeutung ihr aber vollkommen unbekannt war. Freud meinte, dass das Wort Jauner wohl Gauner heissen könnte. Darauf antwortete die Patientin: "Das scheint mir doch zu jewagt" (KA Ergänzungsband 402). Die Fehlleistung der Patientin, die darin besteht, im Wort gewagt den Buchstaben g mit einem j zu verwechseln, bestätigt Freuds Annahme, sie träume von einem Gauner.
Ähnlich wie bei den Fehlleistungen ist die Situation, in der ein Patient Wörter oder Partikel in seinen Aussagen gebraucht, die ohne Bezug zum Inhalt stehen. Ein Beispiel hierfür ist ein ausseranalytisches Ereignis, das Freud im obengenannten Artikel darstellt. Ein Arztkollege brachte ihm in die Praxis seine Frau mit, die ihm den sexuellen Verkehr verweigerte. Freud versuchte ihr zu erklären, dass ein solches Benehmen zum Verfall ihrer Ehe führe. Dabei unterbrach ihn der Kollege und sagte: "Der Engländer, dem Sie einen Hirntumor diagnostiziert haben, ist auch schon gestorben". Die Aussage erschien zusammenhangslos, da von keinem Gestorbenen die Rede war, und die Partikel "auch" rätselhaft. Freud verstand den Satz erst nach einer Weile. Der Kollege wollte ihm folgendes mitteilen: "Ja, Sie haben ganz gewiss recht, Ihre Diagnose bei dem Patienten hat sich auch bestätigt" (KA Ergänzungsband 401). Der missverständliche Satz war durch Assoziationen zum Gegenstück geworden und war eine indirekte Bestätigung für Freuds Vorgehen.
Gleichartig verhält es sich mit der Verneinung in den Aussagen der Patienten. Eine verdrängte Triebrepräsentanz dringt unter der Tarnung der Verneinung ins Bewusstsein ein. Freud liefert für diese These im Aufsatz Die Verneinung das Beispiel eines Patienten, der auf die Frage, wer die Person in seinem Traum gewesen sei, seinen eben auftauchenden Einfall abwies:
"'Sie fragen, wer diese Person im Traum sein
kann. Die Mutter ist nicht.'"
(Vn III 373)
Der Patient weist der Einfall ab. Freud deutet die Abweisung des Patienten so, als hätte er sagen wollen:
"'Mir ist zwar die Mutter zu dieser Person
eingefallen, aber ich habe keine Lust, diesen Einfall gelten zu lassen.'"
(Vn III 373)
2.2 Der Einfall als Ersatz der Verdrängung
Freuds Aufsatz Die Verneinung aus dem Jahre 1925 basiert auf Beobachtungen, die er an seinen Patienten in der Behandlung gesammelt hat. Es sind Beobachtungen von Verneinungsvorgängen als Produkt einer Projektion oder, um mit Freuds Worten zu sprechen, von der "Abweisung eines eben auftauchenden Einfalles durch Projektion" (Vn III 373).
Der Begriff der Projektion ist in der Psychoanalyse ein vielfältiges Wort, das in grossem Umfang verwendet wird. In den Aufsätzen, die in dieser Arbeit herangezogen sind, hat er die Bedeutung einer Abwehrfunktion. Es findet dann eine Projektion statt, wenn der Patient Strebungen oder Wünsche in sich selber verleugnet und jemand Anderem unterstellt. Innere unbeliebte Zustände werden nach Aussen projiziert und von sich ferngehalten, ähnlich wie beim Fluchtversuch und beim Akt der Isolierung. Einfälle sind blitzartige Gedanken oder Seelenregungen, die durch Projektion ins Bewusstsein treten.[35] So kommt es vor, dass ein verdrängter Gedankenzug als Einfall den Durchbruch ins Bewusstsein schafft.
Als Beispiel für einen Einfall, der durch Projektion hervortritt, möchte ich eine Fallgeschichte heranziehen, die Freud in der Schrift Bruchstücke einer Hysterie-Analyse aus dem Jahre 1905 darstellt: Anhand den Träumen der Patientin Dora, nimmt Freud an, sie habe als Kind eine zärtliche Verliebtheit zum Vater verspürt. Als er ihr das schilderte, erwiderte Dora, sie möge sich daran nicht erinnern. Unmittelbar darauf, fällt ihr ein Ereignis von ihrer siebenjährigen Cousine ein: Die kleine Cousine flüsterte ihr einst ins Ohr, sie hasse die Mutter, und sobald diese sterbe, werde sie den Vater heiraten. Auf diesen Einfall hin, sah Freud seine Annahme bestätigt:
"Ich bin gewohnt, in solchen Einfällen, die etwas
zum Inhalte meiner Behauptung Stimmendes vorbringen, eine Bestätigung aus dem
Unbewussten zu sehen. Ein anderes 'Ja' lässt sich aus dem Unbewussten nicht
vernehmen […]" (BHA VI 13)
Doras Einfall bestätigt Freuds Deutung[36], sie habe für den Vater eine frühzeitliche Liebe empfunden. Doch ein anderes Element scheint für die Interpretation Freuds von besonderer Bedeutung zu sein, ein Element, das ihm fast zehn Jahre später auffiel. Es handelt sich um eine Fussnote, die Freud dem oben zitierten Absatz im Jahr 1923 hinzufügte:
"Eine andere, sehr merkwürdige und durchaus
zuverlässige Form der Bestätigung aus dem Unbewussten, die ich damals noch
nicht kannte, ist der Ausruf des Patienten: 'Das habe ich nicht gedacht' oder
'daran habe ich nicht gedacht'. Diese Äusserungen kann man geradezu übersetzen:
Ja, das war mir unbewusst." (BHA VI 131)
Freuds Aufmerksamkeit richtet sich auf den Moment vor Doras Einfall, als sie erwiderte, sie möge sich nicht an ihren Verhältnis mit dem Vater erinnern.
Mit einer sehr ähnlichen Feststellung, wie die oben zitierte, schliesst Freud den Aufsatz Die Verneinung:
"Kein stärkerer Beweis für die gelungene
Aufdeckung des Unbewussten, als wenn der Analysierte mit dem Satze: 'Das habe ich nicht gedacht', oder: 'Daran habe ich nicht (nie) gedacht',
darauf reagiert."[37]
(Vn III 377)
2.2.1 Das "Nein" als Merkzeichen der
Verdrängung
Wie es bei der Patientin Dora geschah, ist die Verneinung eine indirekte Bestätigung des eben abgewiesenen Einfalls. Diese These vertritt Freud im Aufsatz Die Verneinung. Das "Nein" ist ein Ersatz der Verdrängung[38], ein Symptom, das zum Vorschein tritt, und das der Arzt als Anzeichen einer Verdrängung deutet:
"[E]twas im Urteil zu verneinen, heisst im Grund:
"Das ist etwas, was ich am liebsten verdrängen möchte. Die Verurteilung
ist der intellektuelle Ersatz der Verdrängung, ihr 'Nein' ein Merkzeichen
derselben, ein Ursprungszertifikat etwas wie das 'made in Germany'." (Vn
III 374)
Die Psychoanalyse wird bei Freud als Kommunikationswissenschaft benutzt, insofern sie durch das Medium des Sprechens an den Kern der Verdrängung heranrückt. Der Analytiker interessiert sich nur für das, was der Patient faktisch sagt. Er bezieht den dazugehörigen Affekt des Patienten nicht in die Analyse mit ein. Er abstrahiert die Deutung der Verneinung und interpretiert der reine Inhalt des Gesagten als ein Positives:
"Wir nehmen uns die Freiheit, bei der Deutung von
der Verneinung abzusehen und den reinen Inhalt des Einfalles
herauszugreifen." (Vn III 373)
Für das Phänomen der Verneinung liefert Freud zwei eng zusammenhängende Feststellungen: Erstens ist "die Verneinung […] eine Art, das Verdrängte in Kenntnis zu nehmen" (Vn III 373). Abgekoppelt vom Affekt, wird der verdrängte Vorstellungsinhalt durch den sprachlichen Ausdruck des "Nein" ausgesprochen und vom Patienten in Kenntnis genommen. Doch der Patient erkennt die Verneinung nicht als ein Abwehrmechanismus und wird sich der Verdrängung nicht bewusst. Es handelt sich also zweitens um "eine Art von intellektueller Annahme des Verdrängten bei Fortbestand des Wesentlichen an der Verdrängung" (Vn III 374). Mit der intellektuellen Annahme des Verdrängten ist die Aufhebung des Verdrängungsvorgangs selbst noch nicht gewonnen. Das Verdrängte wurde ausgesprochen, doch der Patient nimmt es nicht an. Der Verdrängungsvorgang setzt sich ungestört fort.
2.3 Die Ambivalenz der Worte
Freud schreibt in Bruchstücke einer Hysterie-Analyse, dass der Ausdruck des "Nein" im Unbewussten nicht vorhanden ist:
"[E]in unbewusstes 'Nein' gibt es überhaupt
nicht." (BHA VI 13)
Ausführlicher steigt Freud in den Problemkreis der Negation im Aufsatz Das Unbewusste ein:
"Es gibt in diesem System [des Ubw] keine Negationen, keinen Zweifel, keine Grade von Sicherheit. All dies wird erst durch die Arbeit der Zensur zwischen Unbewussten und Bewussten eingetragen." (U III 145)
Verneinungen gibt es im Unbewussten nicht. An der Schnittstelle zum Bewusstsein können sie sich bilden, weil das Unbewusste sich gleichgültig gegenüber Gegensätzen verhält und bereit ist, Kompromissbildungen einzugehen. Die Einsicht in die Kompromissbildung von Seiten des Unbewussten führt Freud zur Annahme, dass die Worte ambivalent sind.
Der Problematik der Ambivalenz der Worte geht Freud im Aufsatz Über den Gegensinn der Urworte (1910) nach. Der Ernest Jones Sigmund Freud Biographie entnimmt man, dass Freud dazu Anlass fand, als er die gleichnamige Broschüre aus dem Jahr 1884 vom deutschen Philologen Karl Abel las.[39] Abel stellte damals fest, dass gegensätzliche Bedeutungen in vielen archaischen Sprachen mit einem Wort ausgedrückt wurden. Zeugnis davon tragen die sich daraus entwickelten Neusprachen.[40] Freud hatte zu diesem Zeitpunkt die Beobachtung aufgestellt, dass es in der Traumsprache keine Verneinungen gibt. Er zog die Schlussfolgerung, dass im Traum die Gegensätze zu einer Einheit gefasst sind und dass ein einziges Bild eine positive wie eine negative Seite darstellt. Diese Eigenschaft des Unbewussten bildet den Unterschied zum Bewusstsein.[41] Nach dieser Auffassung hat der Traum archaischen Charakter und Ausdrucksmöglichkeiten, die auf eine primitive Denkformen zurückgehen.[42]
Die
Ansicht über die Ähnlichkeit zwischen der Sprache des Unbewussten und der
Eigentümlichkeit der historischen Sprache, wie sie Abel dargelegt hatte, wird
im Aufsatz Das Interesse an der
Psychoanalyse wieder aufgegriffen. In dieser Schrift wird unter dem
sprachwissenschaftlichen Interesse hervorgehoben, dass in einem Wort zwei
gegenseitige Bedeutungen vereint sind.[43]
Für die Problematik der Verneinung hat diese Einsicht zur Folge, dass ein
ausgesprochenes "Nein" in der analytischen Sitzung, insofern es der
Stimme des Unbewussten gilt, ambivalent erscheint.
2.3.1 Der Ursprung des "Nein"
In einem ursprünglichen Zustand ist alles im Inneren des menschlichen Wesens zu einer Einheit gefasst. Geregelt wird das System alleine durch das Lustprinzip. Zu einem späteren Zeitpunkt tritt ein zweites Regulationsprinzip hinzu, das Realitätsprinzip. Dieses widersetzt sich nicht dem Lustprinzip, sondern strebt ebenso nach Lust. Der Unterschied vom Realitätsprinzip zum Lustprinzip ist, dass die Lustbefriedigung nicht innerhalb, sondern ausserhalb des Subjekts gesucht wird:
"Erst das Ausbleiben der erwarteten Befriedigung,
die Enttäuschung, hatte zur Folge, dass dieser Versuch der Befriedigung auf
halluzinatorischem Wege aufgegeben wurde. Anstatt seiner musste sich der
psychische Apparat entschliessen, die realen Verhältnisse der Aussenwelt
vorzustellen und die reale Veränderung anzustreben. Es wurde somit nicht mehr
vorgestellt, was angenehm war, sondern was real war, auch wenn es unangenehm
sein sollte. Diese Einsetzung des Realitätsprinzips
erwies sich als ein folgenschwerer Schritt." (FPG III 18)
Mit der Herausbildung des Realitätsprinzips entsteht die Innen- und Aussen-Differenz (Subjekt und Objekt) und das Lust- und Unlustprinzip. Das Ich lernt, um seine Lust in der Aussenwelt zu befriedigen, innere Reize von den äusseren und lustversprechende Objekte von den unlusterzeugenden zu unterscheiden. Diese Fähigkeit erwirbt es durch eine primitive Form von Unterscheidungskriterium, dem der primären Triebregungen des Essens und des Ausspuckens.[44] Durch diese Operation differenziert das Ich, was gut oder schlecht, zulässig oder schädlich ist. Je nach Eigenschaften des Objekts beschliesst es, etwas in sein Inneres aufzunehmen oder von sich abzuweisen:
"Das ursprüngliche
Lust-Ich will […] alles Gute in sich introjizieren und alles Schlechte von sich
werfen" (Vn III 374).
Um diese Operation des Essens und des Ausspuckens auszuführen, ist die Funktion der Urteilsfällung grundlegend: Die Bejahung und die Verneinung korrelieren mit der Lust und Unlust. Was lustversprechend ist, ist Ja und verdient den Weg ins Ich. Was unlusterzeugend ist, ist Nein, und wird von sich abgewiesen. Anders formuliert, bedeutet "Ja" eine Vereinigung mit dem Objekt, "Nein" eine Trennung davon. Auf diese Entscheidung folgt dann die Handlung:
"Das Urteilen ist die intellektuelle Aktion, die
über die Wahl der motorischen Aktion entscheidet, dem Denkaufschub ein Ende
setzt und vom Denken zum Handeln überleitet." (Vn III 376)
Ausgehend von der Funktion der Urteillsfällung, begründet die Inklusion das Innen, das Subjektive, und die Exklusion das Aussen, das Objektive.
Eine weitere Aufgabe der Urteilsfunktion besteht in der Entscheidung, ob der Vorstellung ein Objekt in der Realität zukommt. Das "Ja" und das "Nein" gehen unmittelbar in ein Existenzurteil über. Sie bestimmen, ob etwas in der Aussenwelt real oder bloss vorgestellt ist:
"In dieser Entwicklung ist die Rücksicht auf das LP beiseite gesetzt worden. Die Erfahrung hat gelehrt, es ist nicht nur wichtig, ob ein Ding (Befriedigungsobjekt) die 'gute' Eigenschaft besitzt, also die Aufnahme ins Ich verdient, sondern auch ob es in der Aussenwelt da ist, so dass man sich seiner nach Bedürfnis bemächtigen kann". (Vn III 375)[45]
Ein Objekt, das dem Ich ursprünglich Befriedigung gebracht hat, kann in der Aussenwelt als ein real Existierendes gefunden werden. Die Entscheidung, ob etwas real ist oder nicht, markiert, wie es bei den primären oralen Triebregungen der Fall war, eine Grenze zwischen dem Innen und dem Aussen: Das, was Innen ist, ist nicht real, und gehört in die Sphäre des Subjektiven. Das, was Aussen ist, ist real und objektiv vorhanden:
"Es ist, wie man sieht, wieder eine Frage des Aussen und Innen. Das Nichtreale, bloss
Vorgestellte, Subjektive, ist nur innen; das andere, Reale, auch im Draussen vorhanden. […] Der Gegensatz
zwischen Subjektivem und Objektivem besteht nicht von Anfang an. Er stellt sich
erst dadurch her, dass das Denken die Fähigkeit besitzt, etwas einmal
Wahrgenommenes durch Reproduktion in der Vorstellung wieder gegenwärtig zu
machen, während das Objekt draussen nicht mehr vorhanden zu sein braucht."
(Vn III 375)
Über die Entscheidung hinaus, ob ein Objekt real existiert oder nicht, ist der Zweck der Realitätsprüfung, ein in der Vorstellung vorhandenes Objekt in der Realität wiederzufinden:
"Der erste und nächste Zweck der Realitätsprüfung ist also nicht, ein dem Vorgestellten entsprechendes Objekt in der realen Wahrnehmung zu finden, sondern es wiederzufinden, sich zu überzeugen, das es noch vorhanden ist." (Vn III 375)
Das Urteilen, das aus dem Lust- und Unlustprinzip hervorgeht und die Innen- und Aussen-Differenz konstituiert, korreliert mit zwei anderen von Freud angenommenen Triebregungen: Das "Ja" entspricht dem Eros und das "Nein" dem Destruktionstrieb:
"Das Urteilen ist die zweckmässige Fortentwicklung der ursprünglich nach dem Lustprinzip erfolgten Einbeziehung ins Ich oder Ausstossung aus dem Ich. Seine Polarität scheint der Gegensätzlichkeit der beiden von uns angenommen Triebgruppen zu entsprechen. Die Bejahung - als Ersatz der Vereinigung - gehört dem Eros an, die Verneinung - Nachfolge der Ausstossung - dem Destruktionstrieb." (Vn III 376)
Der Destruktionstrieb ist der sich nach Aussen wendete Todestrieb.[46] Im Gegensatz zum Eros, den Lebenstrieben, die nach grösseren Einheiten mit dem Ich streben, versucht der Todestrieb das Lebendige durch innere Zerstörung des Organismus in einen anorganischen Zustand zurück zu führen, der am Anfang des Lebendigen stand:
"[…] wir [die Ärzte] supponieren einen Todestrieb, dem die Aufgabe gestellt
ist, das organische Lebende in den leblosen Zustand zurückzuführen, während der
Eros das Ziel verfolgt, das Leben durch immer weitergreifende Zusammenfassung
der in Partikel zersprengten lebenden Substanz zu komplizieren, natürlich es
dabei zu erhalten. Beide Triebe benehmen sich dabei im strengsten Sinne
konservativ, indem sei die Wiederherstellung eines durch die Entstehung des
Lebens gestörten Zustandes anstreben. Die Entstehung des Lebens wäre also die
Ursache des Weiterlebens und gleichzeitig auch des Sterbens auch dem Tode, das
leben selbst ein Kampf und Kompromiss zwischen diesen beiden Strebungen."
(IE III 307)
Als Folge des Auspuckens bedeutet das sprachliche Nein den Ausschluss von einem unliebsamen Objekt aus dem Ich. Dem Vorbild der Exklusion folgend, drückt die Verdrängung der Versuch aus, sich von einer unliebsamen Triebrepräsentanz durch deren Verneinung zu trennen. Doch gemäss dem Todestrieb, widersetzt sich der Neinsagende gleichzeitig dem Zustand der Trennung. Denn wo es Sprache gibt, ist Trennung bereits vorhanden. Das "Nein" erweist sich als Protest gegen diese Trennung. Es gilt einem Vereinigungswunsch, der durch Zerstörung die Überwindung der Innen- und Aussen-Differenz beinhaltet.
2.4 Die
Ökonomie des Todes
Der Patient in der analytischen Praxis versucht durch Verneinung, etwas, das ihm missfällt, aus seinem Seinskreis zu verbannen. Die Wendung des Patienten, "die Mutter ist es nicht" (Vn III 373), besagt "ich bin von der Mutter getrennt". Also: "Ich bin nicht eins mit der Mutter" oder, auf eine schlichte Formel gebracht, "ich bin nein".[47]
Das "Nein" hat weder in der Aussenwelt noch in der Innenwelt eine Referenz. In seiner Leere gilt es als trennende Drohung. In dieser Drohung steckt Nicht-Sein. In jedem "Nein" droht folglich Nicht-Sein. Mit dem Sprechakt des "Nein" wird der Drohung Widerstand geleistet. Der Sprechende, dem Nicht-Sein droht, wehrt sich dagegen und trachtet nach Vereinigung. So ist der eigentliche Wunsch des Patienten, der seine Mutter im Traum nicht wahrhaben wollte, mit der Mutter vereinigt zu werden.
Die zwei Aspekte in der Negation, einerseits der des Widerstandes gegen einen Zustand des Nicht-Seins und andererseits der des Wunsches nach einem einheitlichen Sein, wird durch das Zusammenfallen der Lebenstrieben mit dem Todestrieb begründet. Die Lebenstrieben, die das Wesen zu neuen Vereinigungsformen, Einverleibungen und Bindungen treibt, stehen im Dienst des Todestriebes, der das Wesen in ein unzerrissenes und wortloses Einssein zieht, welches an seinem Ursprung liegt:
"Das Lustprinzip scheint geradezu im Dienste des Todestriebes zu stehen […]" (JLP III 271)
Der Todestrieb ist aus dieser Hinsicht eine auf nichts weiteres reduzierbare Gegebenheit. Er ist der radikalste Prinzip im psychischen Geschehen und bindet alles, ob durch Lebenserhaltung oder Zerstörung, durch Liebe oder Hass, an den Todeswunsch, bzw. an einen Seinswunsch des Organismus. Einen Abschnitt weiter unten in der Schrift Jenseits des Lustprinzips schreibt Freud:
"Die Aufstellung der Selbsterhaltungstriebe, die
wir jedem lebenden Wesen zugestehen, stehen in merkwürdigem Gegensatz zur
Voraussetzung, dass das gesamte Triebleben der Herbeiführung des Todes dient.
Die theoretische Bedeutung der Selbsterhaltungs-, Macht- und Geltungstriebe
schrumpft, in diesem Licht gesehen, ein; es sind Partialtriebe, dazu bestimmt,
den eigenen Todesweg des Organismus zu sichern und andere Möglichkeiten der
Rückkehr zum Anorganischen als die immanenten fernzuhalten, aber das rätselhafte,
in keinen Zusammenhang einfügbare Bestreben des Organismus, sich aller Welt zum
Trotz zu behaupten, entfällt. Es erübrigt, dass der Organismus nur auf seine
Weise sterben will; auch diese Lebenswächter sind ursprünglich Trabanten des
Todes gewesen. Dabei kommt das Paradoxe zustande, dass der lebende Organismus
sich auf das energischeste gegen Einwirkungen (Gefahren) sträubt, die ihm dazu
verhelfen könnten, sein Lebensziel auf kurzem Wege (durch Kurzschluss
sozusagen) zu erreichen, aber dies Verhalten charakterisiert eben ein rein
triebhaftes im Gegensatz zu einem intelligenten Streben.[48]
(JLP
III 248f.)
Mit der Benennung des Todes, des Nicht-Seins als Auschluss aus dem Ich, fing die Welt der Worte an. Der Tod begründet das sprachliche Dasein und, gemäss dem Todestrieb, das Ringen nach einer Überwindung der Kluft zwischen Innen und Aussen. Er steht am Anfang dieses Diskurses, weil er Herkunft und Ziel[49] des Seins bildet:
"Das Ziel alles Lebens ist Tod, und zurückgreifen: Das Leblose war früher da als das Lebende". (JLP III 248)
Bibliographie
Freuds Werke aus der
Studienausgabe
Freuds Werke werden, wenn nicht anders vermerkt, zitiert nach:
Freud, Sigmund: Studienausgabe. Hrsg. v. Mitscherlich, Alexander u.a. Mitherherausgeber des Ergängzungsbandes: Gubrich- Simitis, Ilse. 7. Aufl. 1994. Frankfurt a. M. 1974. Bd. I-X u. Ergänzungsband
BBU
Freud, Sigmund: Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewussten in der Psychoanalyse (1912) Bd. III S. 25-36.
BHA
Freud, Sigmund: Bruchstücke einer Hysterie-Analyse (1905 [1901]) Bd. VI S. 83-186.
EB
Freud, Sigmund: Zur Einleitung der Behandlung. (Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse I.) (1913) Ergänzungsband S. 205-216.
EUA
Freud, Sigmund: Die endliche und unendliche Analyse. (1937) Ergänzungsband S. 351-392.
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Freud, Sigmund: Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten. (1914) Ergänzungsband S. 205-216.
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Freud, Sigmund: Fetischismus (1927) Bd. III S. 379-388.
FPG
Freud, Sigmund: Formulierungen über die zwei Prinzipien des
psychischen Geschehens (1911) Bd. III S. 13-24.
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Freud, Sigmund: Über den Gegensinn der Urworte. (1910) Bd. IV S. 227-229.
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Freud, Sigmund: Hemmungen, Symptom, Angst. (1926[1925]) Bd. VI S. 227-310.
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Freud, Sigmund: Die Ichspaltung im Abwehrvorgang (1940 [1048]) Bd. III S. 389-396.
IE
Freud, Sigmund: Das Ich und das Es (1923) Bd. III S. 273-330.
JLP
Freud, Sigmund: Jenseits des Lustprinzips (1920) Bd. III S. 213- 272.
KA
Freud,
Sigmund: Konstruktionen in der Analyse (1937) Ergänzungsband S. 393-406.
KH
Freud, Sigmund: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. ("Der kleine Hans") (1909) Bd. VIII. S. 9-124.
NT
Freud, Sigmund: Notiz über den Wunderblock. (1925[1924]) Bd. III S. 368-370.
SN
Freud, Sigmund: Sexualität in der Ätiologie der Neurosen.
(1889) Bd. V S. 11-36.
T
Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. (1900) Bd. II.
TT
Freud, Sigmund: Totem und Tabu. (Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker) (1912-13) Bd. IX. S. 287-444.
U
Freud, Sigmund: Das Unbewusste (1915). Bd. III S. 119-174.
UK
Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur. (1930[1929]) Bd. IX. S. 191-286.
Vn
Freud, Sigmund: Die Verneinung (1925). Bd. III S. 371-378.
Vd
Freud, Sigmund: Die Verdrängung (1915). Bd. III S. 103-118.
W
Freud, Sigmund: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. ("Der Wolfsmann") VIII S. 125-234.
Andere Werke Freuds
Freud, Sigmund und Breuer, Joseph: Studien über Hysterie. Frankfurt a. M. 1970
Freud, Sigmund: Das Interesse in der Psychoanalyse. In: Gesammelte Werke. Werke aus den Jahren 1909-1913. Hrsg. v. Freud, Anna, u.a. 5 Aufl. Frankfurt a. M. 1948. Bd. VIII. S. 389-420.
S
Freud, Sigmund:
"Selbstdarstellungen".
(1925) In: Gesammelte Werke. Werke
aus den Jahren 1925-1931. Hrsg. v. Freud, Anna, u.a. 5 Aufl. Frankfurt a. M.
1948. Bd. XIV S. 31-96.
Sekundärliteratur
K.
Abel: Über den Gegensinn der Urworte
Abel, Karl: Über den Gegensinn der Urworte. Leipzig 1884
G.
H. von Schubert: Die Symbolik des Traumes
Schubert, Gotthilf Heinrich von: Die Symbolik des Traumes. Heidelberg 1968.
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Benjamin: Der Erzähler.
Benjamin, Walter: Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskow. In: Gesammelte Werke. Bd. II 2. Frankfurt a. M. 1972. S. 438-465.
Bolz, Norbert: Die unerträgliche Leichtigkeit des Nein. Hrsg. v. Peter, Rau: Widersprüche im Widersprechen. Historische und Aktuelle Ansichten der Verneinung. Festgabe für Host Meixner zum 60. Geburtstag. Frankfurt a. M. 1996. S. 13- 19.
E. Jonas: Sigmund Freud.
Jonas,
Ernst: Das Leben und Werk von Sigmund
Freud. Übers. v. Meili-Dworetzki, Gertrud, u. Mit. v. Jones, Katherine. ( Orig. engl. The life and the work of Sigmund Freud. New York) Bd. I-III. Bern 1962.
W. Heinrich: Lhete.
Weinrich, Heinrich: Lhete. Kunst und Kritik des Vergessens. München 1997.
Lexika / Hilfsmittel
J. Laplanche und J.-B. Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse. Übers. v. Moersch, Emma. (Orig. franz. Vocabulaire de la Psychanalyse. Paris 1967.) Frankfurt a. M. 1972.
Duden: Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Duden Bd. 7. 2 neue bearb. u. erw. Aufl. v. G. Drosdowski. Mannheim 1989
[1] Der Aufsatz wurde 1905 veröffentlicht, aber ein grosser Teil davon wurde bereits 1901 niedergeschrieben.
[2] Die Auswahl der freudschen Texte liegt vor allem in ihrem Entstehungsdatum. Grund dafür ist, dass die psychoanalytischen Begriffe in der Forschungszeit bei Freud einem Bedeutungswandel unterlagen. Um Verwirrungen unter den psychoanalytischen Begriffen zu vermeiden, habe ich mich entschieden, jene Schriften zu benutzen, die um den Aufsatz Die Verneinung entstanden sind, also ab 1900.
[3] Freud übernahm möglicherweise den Ausdruck der Verdrängung von seinem Lehrer Meynert, der die psychologischen Theorien Herbarts kannte und schätzte. Für eine genau Differenzierung der Verwendung des Begriffs der Verdrängung bei Freud und seinen Vorfahren vergleiche Jones Sigmund Freud Biographie. Bd. I. S. 329ff und 429ff.
[4] Diese für die damalige Psychologie neue Einsicht in den Abwehrmechanismus der Verdrängung, führte Freud von sich zu sagen, er habe den Begriff der Verdrängung aus eigener wissenschaftlichen Tätigkeit entdeckt: "In der Lehre der Verdrängung war ich [Freud] sicherlich selbständig, ich weiss von keiner Beeinflussung, die mich in ihre Nähe gebracht hätte." (Freud zitiert von Jones in der Sigmund Freud Biographie. S. 293) Eine ähnliche Äusserung findet sich in den "Selbstdarstellungen" (1925): "Er [Der Verdrängungsvorgang] war eine Neuheit, nichts ihm Ähnliches war je im Seelenleben erkannt worden." (S G.W. XIV 55)
[5] S. Freud und J. Breuer: Studien über Hysterie, S.12.
[6] Vrgl. vor allem Anhang C, VI S. 300f.
[7] Freud verfährt in der Verwendung der Wörter "Trieb" und "Triebrepräsentanz" nicht immer eindeutig. Bald ist Triebrepräsentanz nur Vorstellung, bald ist sie mit dem dazugehörigen Affekt gemeint. Freud schreibt zum Beispiel in Das Unbewusste: "Ein Trieb kann nie Objekt des Bewusstseins werden, nur die Vorstellung, die ihn repräsentiert. Er kann aber auch im Unbewussten nicht anders als durch die Vorstellung repräsentiert sein […] Wenn wir aber doch von einer unbewussten Triebregung oder einer verdrängten Triebregung reden […], können [wir] nichts anderes meinen als eine Triebregung, deren Vorstellungsrepräsentanz unbewusst ist […]" (U III 136). Eine ähnliche Auffassung der psychischen Repräsentanz des Triebes vertritt er in Die Verdrängung: "Die Triebrepräsentanz ist eine Vorstellung oder Vorstellungsgruppe, welche vom Trieb her mit einem bestimmten Betrag von psychischer Energie (Libido, Interesse) besetz ist" (Vd III 113). In der Verwendung des Wortes Trieb-, oder Vorstellungsrepräsentanz halte ich mich an diese letzte Bedeutung.
[8] Eine metapsychologische Beschreibung eines psychischen Phänomens umfasst drei Darstellungsweisen: Der dynamische, der topische und der ökonomische Standpunkt. (U III 132, 140) Der dynamische Gesichtspunkt veranschaulicht die Verbindungen zwischen widerstreitenden Seelenkräften, die ein Konflikt im Seelenleben auslösen. Die topische Betrachtung differenziert im psychischen Geschehen eine bestimmte Anzahl von Systemen, die mit eigenen Eigenschaften und Funktionen ausgestattet sind und in einer besonderen Folge von Anordnungen bestehen. Aus dieser Betrachtungsweise entstand auch der Begriff der "Tiefenpsychologie". (U III 132) Freud unterscheidet zwischen zwei topischen Modellen: Das erste Modell betrifft die Systeme des Unbewussten, Vorbewussten und des Bewusstseins, das zweite das Es, das Ich und das Über-Ich. Unter dem dynamischen Gesichtspunkt sind diese Systeme nicht auseinander zu halten. Der dritte und letzte Standpunkt betrifft der ökonomische. Damit wird angenommen, dass die psychischen Vorgänge in messbarer Energie (Triebenergie) vorhanden sind und dass sie sich erhöhen oder verringern. Die ökonomische Betrachtungsweise berücksichtigt die Beweglichkeit dieser Besetzungen oder des Wechsels ihrer Intensität, die sich zwischen den psychischen Vorgängen herstellt.
Über das ganze Freudsche Werk hinweg finden sich diese drei Betrachtungsweisen. Zusammen bilden sie den Versuch, einen psychischen Vorgang in seiner Vollständigkeit zu erfassen und zu beschreiben.
[9] Der Ausdruck System verweist auf die topische Darstellungsweise des Psychischen. Das als Synonym gebrauchtes Wort Instanz berücksichtigt neben dem topischen auch den dynamischen Gesichtspunkt.
[10] Vd III 133.
[11] Der Ausdruck bewusstseinsfähig stammt von Breuer, aus der Zeit als er mit Freud zusammenarbeitete.
[12] Die Fixierung ist nur durch die Zeitlosigkeit, die im System des Unbewussten herrscht, ermöglicht: "Die Vorgänge des Systems Ubw sind zeitlos, d.h., sie sind nicht zeitlich geordnet, werden durch die verlaufende Zeit nicht abgeändert, haben überhaupt keine Beziehung zur Zeit. Auch die Zeitbeziehung ist an die Arbeit des Bw-Systems geknüpft." (Vd III 145) Die Fixierung des Triebes an eine Vorstellung bezeichnet die "Niederschrift" dieser Vorstellung im Unbewussten. Das Übergehen eines psychischen Aktes von einem System in das andere ist mit einer neuen Fixierung gleichsam einer "Niederschrift" der Vorstellung in der neuen Lokalität verbunden. (Vd III 132f.) Die Annahme der "Niederschrift" steht im Zusammenhang mit der Theorie des Gedächtnisses.
[13] In Die endliche und unendliche Analyse wird das Nachdrängen ein Nachverdrängen genannt.
[14] Die Wiederkehr der Verdrängung fällt mit der eigentlichen Verdrängung zusammen. Um den Mechanismus des Verdrängungsvorgangs besser darzustellen, hält Freud sie auseinander.
[15] Der Mechanismus der Verdrängung fällt nicht mit dem der Ersatzbildung zusammen. Es gibt verschiedene Mechanismen der Ersatzbildung. Gemeinsam ist ihnen die Entziehung der Energiebesetzung. (Vrgl. Vd 115)
[16] Zur Funktion der Verschiebung und der Verdichtung schreibt Freud in Das Unbewusste: "Durch den Prozess der Verschiebung kann eine Vorstellung den ganzen Betrag ihrer Besetzung an eine andere abgegeben, durch den der Verdichtung kann eine Vorstellung die ganze Besetzung mehrerer anderer an sich nehmen." (U III 145)
[17] In Hemmungen, Symptom und Angst
setzt Freud die Bedeutung von Ersatzbildung und Symptom gleich. In Das Unbewusste hingegen unterscheidet er
zwischen den zwei Begriffen. Ich stütze mich auf den später erschienen Aufsatz Hemmungen, Symptome und Angst.
[18] In den Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Gesschehens (1911) spricht Freud von dem Lust-Unlust-Prinzip. In den Schriften nach 1911 wird es das Lustprinzip oder, wie in der Traumdeutung, Unlustprinzip gennant. Ich halte mich in der Arbeit an die Formulierung des Lust-Unlust-Prinzips, um die Interaktion zwischen den zwei Prinzipien im Seelenleben besser darzustellen.
[19] Vrgl. auch eine Äusserung in den "Selbstdarstellungen": "Er [der Verdrängungsvorgang] war […] einem Fluchtversuch vergleichbar, erst ein Vorläufer der späteren normalen Urteilserledigung" (S G.W. XIV 55)
[20] Im Kapitel Ergänzungen zur Angst, das sich im Aufsatz Hemmungen, Symptom und Angst befindet,
unterscheidet Freud zwischen Angst und Furcht. Die Furcht ist auf ein Objekt
gerichtet. Die Angst hingegen ist gegenstandslos. Sie hat immer mit Erwartung
zu tun: Das Subjekt, das Angst hat, erwartet eine Gefahr. Der Unterschied
zwischen einer Realangst und einer neurotischen Angst besteht darin, dass bei
der ersten die Gefahr bekannt ist und bei der zweiten nicht. Die Analyse zeigt
dann, dass bei der neurotischen Angst die Gefahr ein Trieb bildet. (HSA VI 302ff.)
[21] In Hemmungen, Symptom und Angst behandelt Freud diverse Aspekte der Angst und führt gleichzeitig verschiedene Angsttheorien ein. Die erste Angstthese, die er liefert, umfasst die neurotische Angst als eine Umwandlung der Libido. Dabei wird der enge Zusammenhang zwischen der Angst als Reaktion auf äusserliche Reize und der Angst auf Grund von Triebgefahren aufgezeigt. Die zweite These unterscheidet zwischen automatischer Angst und Angst als Signal. (HSA VI 298ff.) Die automatische Angst ist mit der Erfahrung der Hilflosigkeit des Ich verbunden, die es angesichts einer übergrossen Bedürfnisspannung erlebt hat. Eine solche traumatische Situation wird von Freud Gefahrsituation gennant. Gefahrsituationen wandeln mit der Entwicklung der Lebenszeit. Mögliche Gefahrsituationen sind zum Beispiel die Geburt oder der Penisverlust. Es handelt sich auf jeden Fall immer um den Verlust oder die Trennung von einem Liebesobjekt. Alle Gefahrsituation führen zu einer Aufstauung von unerfüllten Wünschen. Dadurch kommt es dann zum Erlebnis der Hilflosigkeit. Wenn sich eine analoge Drohung der Gefahrsituaton herstellt, antwortet das Ich präventiv mit Angst als Signal. Dadurch kann eine Gefahrsituation vermieden werden. (Für einen differenzierten Vergleich zwischen den Angsttheorien siehe die Nachträge in Hemmungen, Symptom und Angst. IV S. 295-308)
[22] Nicht jede innere Angst produziert eine Projektion. Sie kann auch verinnerlicht werden. Das Über-Ich kann sich als Kastrationsstrafe fortbilden, das vom Ich vermieden wird. Wie das Über-Ich sich zum unpersönlichen Vater verwandeln kann, kann sich die Kastrationsangst in unbestimmten sozialen oder Gewissensängste neu gestalten. Vrgl. hierzu Hemmung, Symptom und Angst Bd. VI S. 270. Ferner wird der Mechanismus der Angstentbindung ausführlicher in Das Unbehagen in der Kultur behandelt, vor allem in den Kapiteln VII und VIII.
[23] HSA 269.
[24] Die Fallgeschichte des kleinen Hans ist in der Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben dargestellt. Neben dieser Krankengeschichte werden in Hemmungen, Symptom und Angst noch zwei weitere Beispiele herangezogen, die die Phobiebildung exemplarisch aufzeigen: Der Wolfsmann (aus: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose VIII S. 125-234) und der Gingerbreadman.
[25] Eine ausführliche Darstellung über den Akt des Isolierens findet sich bei Freud in Hemmungen, Symptom und Angst S. 264.
[26] Die Berührungsangst wird von Freud in Totem und Tabu "délire de toucher" genannt. Die Schrift Totem und Tabu bietet eine ausführliche Darstellung der Berührungsangst (TT IX 319-322).
[27] Was Vergessen zu sein scheint, wurde in Wirklichkeit verdrängt:
"All das Vergessene war irgendwie peinlich gewesen, entweder schreckhaft
oder schmerzlich oder beschämend für
die Ansprüche der Persönlichkeit. Es drängte sich von selbst der Gedanke auf:
gerade darum sei es vergessen worden, d.h. nicht bewusst geblieben." (S G.W. XIV 54)
[28] Vrgl. S. Freud: Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten, Ergänzungsband S. 205-216.
[29] S. Freud: Das Unbewusste. III S. 134-5.
[30] Die Form des Gedächtnisses als eine Niederschrift behandelt Freud in Das Unbewusste. Die Überlegung in diesem Aufsatz ist, dass bei der Umsetzung einer Vorstellung, diese nicht nur eine neue Lokalität erfährt, sondern auch eine zweite Niederschrift. (U III132). Freud benutzt neben der Metapher der Niederschrift auch die der Erinnerungsspur. Das Thema des Gedächtnisses in seiner materiellen Form der Schrift, findet eine Aufzeichnung im Aufsatz Der Wunderblock (1925). In diesem Aufsatz werden zwei Arten von Erinnerungssystemen unterschieden. Die eine hat dauerhafte Erinnerungsspuren (in Analogie zur Tinte auf einem Papier), während die andere leicht löschbare (wie die Kreide auf einer Tafel). Der Wunderblock, eine zu jener Zeit aufkommende Wachstafel, verbindet die beiden Erinnerungssystemen. Freud vergleicht den Wunderblock mit dem menschlichen Wahrnehmungs-, Bewusstseins-, und Gedächtnisapparat.
Zum Thema des Gedächtnisses bei Freud vergleiche Lhete von W. Heinrich. Heinrich thematisiert in der Psychoanalyse die Problematik des Gedächtnisses und die im indirekten Zusammenhang stehende Kunst des Vergessens. (W. Heinrich: Lhete. Vrgl. insbesondere das Kapitel VI, S. 35-45.)
[31] Die Unterscheidung zwischen bewusster und unbewusster Erinnerung wird von Freud in der Falldarstellung des kleinen Hans (KH VIII 103f.) und ausführlicher in den Schlussabsätzen des technischen Artikels Zur Einleitung der Behandlung ( EB Ergänzungsband 200ff.) dargestellt.
[32] Vrgl. Das Unbewusste, III S. 160.
[33] Freud lässt es zu, dass der Arzt sich bei einer Deutung irren kann. Falsche Deutungen sind harmlos, wenn sie den Patienten und den Ausgang der Analyse nicht schaden: "Die [die analytische Erfahrung] lehrt uns nämlich, es bringt keinen Schaden, wenn wir uns einmal geirrt und dem Patienten eine unrichtige Konstruktion als die wahrscheinliche historische Wahrheit vorgetragen haben. Es bedeutet natürlich einen Zeitverlust, und wer dem Patienten immer nur irrige Kombinationen zu erzählen weiss, wird ihm keinen guten Eindruck machen und es in seiner Behandlung nicht weit bringen, aber ein einzelner solcher Irrtum ist harmlos." (KA Ergänzungsband 399)
[34] Walter Benjamin liefert in der Abhandlung Der Erzähler einen breiten Bedeutungshorizont der Erzählkunst für das Leben. Er stellt das Erzählen von Erfahrungen und Erlebnissen ins Zentrum aller menschlichen Kommunikation: "Der Erzähler nimmt, was er erzählt, aus der Erfahrung; […] Und macht es wiederum zur Erfahrung derer, die seiner Geschichte zuhören." (W. Benjamin: Der Erzähler. S. 443.)
[35] Diese Bedeutung ist im Wort Einfall schon angelegt: Dem Substantiv "Einfall" entspricht das Verb "einfallen", der aus dem Präfix "ein" und dem altgermanischem Verb "vallen" besteht. Das Wort "Einfallen" (invallen) bedeutet auf Mittelhochdeutsch "einstürzen", "zuasmmenfallen", "einbrechen". Dazu "Einfall" (inval), der "plötzlicher Gedanke" bedeutet.
[36] Wie Freud in Die endliche und unendliche Analyse darstellt, sind die einzelnen Aussagen nie als ein Ganzes aufzufassen, sondern stets im Zusammenhang mit den anderen Aussagen und Verhaltensweisen des Patienten zu verstehen. Vermutungen und Annahmen zu einzelnen Ereignissen nennen sich Deutungen. Eine Konstruktion betrachtet das Gesamtbild, und bezieht alle Ereignisse in die Behandlung mit ein.
[37] Eine ähnliche Formulierung, wie die oben zitierten, finden sich in Konstruktionen in der Analyse: "Um so interessanter ist es, dass es indirekte Arten der Bestätigung gibt, die durchaus zuverlässig sind. Eine derselben ist eine Redensart, die man in wenig abgeänderten Worten von den verschiedensten Personen wie über Verabredung zu hören bekommt. Sie lautet: 'Das (daran) habe ich (oder: hätte ich) nie gedacht.' Man kann diese Äusserung unbedenklich übersetzen: "Ja, Sie haben das Unbewusste in diesem Falle richtig getroffen.'" (KA Ergänzungsband 401)
[38] Vergleiche hierzu Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens: "An Stelle der Verdrängung […] trat die unparteiische Urteilsfällung […]" (FPG III 19 ) und Das Unbewusste: "Die Negation ist ein Ersatz der Verdrängung von höherer Stufe" (U III 145).
[39] E. Jones: Sigmund Freud. Bd. II. S.367. Vrgl. auch G.H. von Schubert, Die Symbolik des Traumes (1914). Schubert beschäftigte sich mit der Ambivalenz der Worte im Traum und in den Sprachen. Er war für die Theorie der Traumdeutung bei Freud eine wichtige Quelle.
[40] Die Abelsche Theorie zeigte, dass in den alten Sprachen wie im Altägyptischen, im Sanskrit, im Arabischen und im Latein, gegensätzliche Bedeutungen mit demselben Wort bezeichnet wurden. Nach Abel lernte der Mensch erst im Laufe der Zeit die Gegensätze einzeln zu denken und mit einem Wort zu bezeichnen. In den Entwicklungsphasen der Sprache kam es jedoch vor, dass zwei gegensätzliche Worte vereint wurden, wie zum Beispiel das englische Wort "without", das "ohne" bedeutet und aus "with" (mit) und "out" (ohne) zusammengesetzt ist.
[41] Die Ausdrucksweisen des Unbewussten wird von Freud Primärvorgang und die des Bewusstseins Sekundärvorgang genannt. (Vrgl. Die Traumdeutung insbesondere Kapitel VII.)
[42] Der archaische Charakter der Sprache wurde bereits von einem englischen Philsophen, Alexander Bain, im Jahre 1870 formuliert: "Da alles Wissen seinem Wesen nach relativ ist, muss sich diese Relativität auch in der Sprache zeigen. Wenn alles, was wir wissen können, als Übergang von etwas anderem angesehen wird, muss jede Erfahrung zwei Seiten haben; und jede Bezeichnung muss eine doppelte Bedeutung haben, oder es muss für jede Bedeutung zwei Bezeichnungen geben." (Alexander Bain zitiert von Ernest Jones in der Sigmund Freud Biographie. Bd II Anm. 5 S. 369.)
[43] Neben der These der Ambivalenz der Worte nimmt Freud im Aufsatz Das Interesse in der Psychoanalyse an, dass die Sprache des Unbewussten nicht nur aus Worte besteht, sondern auch aus Handlungen und Gebärden. Belege dafür findet er in verschiedenen Fallgeschichten. So kann eine unbewusste Vorstellung einen Patienten zu auffallenden Verhaltensweisen führen: Bei der Hysterie zum Beispiel kann eine unbewusste Vorstellung der Schwängerung die Folge von ständigem Erbrechen haben, beim Zwangskranken kann eine unbewusste Vorstellung die Angst vor Infektionen auslösen oder bei der Dementia preacox den Verdacht, vergiftet zu werden.
[44] An dieser Stelle ist es unter einem chronologischen Gesichtspunkt nicht eindeutig, ob die oralen Triebregungen des Essens und des Ausspuckens die Innen- und Aussen-Differenz konstituieren oder ob sie diese bereits voraussetzen.
[45] Vrgl. Das Unbewusste S. 151, Anm. 1.
[46] In Das Ich und das Es stellt Freud dar, wie die Libido im Organismus auf den Todestrieb stösst. Weil dieser den Tod des Organismus anstrebt, wendet er sich gegen die Absichten der Libido und wird von ihr durch die Muskulatur in die Aussenwelt geleitet, wo er als Destruktionstrieb, in Form von Zerstörung und Aggression gegen Objekte und Lebewesen, erscheint. (IE III 308)
[47] Dass die Negationspartikel eine Trennung kundgibt, lässt sich aus einem etymologischen Gesichtspunkt ähnlich gestalten. Das verneinende Antwortadverb "Nein" ist aus der althochdeutschen Negationspartikel "ni" und dem Neutrum des unbestimmten Artikels "ein" entstanden. Das "Nein" hat folglich die Urbedeutung von "nicht eins".
[48] Nach diesem Abschnitt fügt Freud die Entwicklungsstufen von den einfachen Lebewesen, wie die Keimzellen, bis zu den komplexen Lebensformen hinzu. In diesem Zusammenhang erklärt Freud, wie die Lebewesen nach Erhaltung der eigenen Spezies streben. Das Überdauern des Einzelwesens wird durch die Erhaltung der Gattung gegeben. Nach dem Erhaltungszweck streben die Lebenstriebe im Organismus, der deshalb an das Leben festhält und den sogenannten "Kurzschluss" nicht bevorzugt.
[49] "Eine lange Zeit hindurch mag so die lebende Substanz immer wieder neu geschaffen worden und leicht gestorben sein, bis sich massgebende äussere Einflüsse so änderten, dass sie die noch überlebende Substanz zu immer grösseren Ablenkungen vom ursprünglichen Lebensweg und zu immer komplizierteren Umwegen bis zur Erreichung des Todeszieles nötigten. Diese Umwege zum Tode, von den konservativen Trieben getreulich festgehalten, bäten uns heute das Bild der Lebenserscheinung. Wenn man an der ausschliesslich konservativen Natur der Triebe festhält, kann man zu anderen Vermutungen über Herkunft und Ziel des Lebens nicht gelangen." (JLP III 248)